Der Brückenbauer
Text: Michael Döringer aus De:Bug 168

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Wer hätte gedacht, dass eines der Alben des Jahres von einem Dubtechnohausen-Expat kommen würde? Noisige Deepness aus Manchester, kategorisch anders, neu und frisch. Im Interview berichtet Andy Stott über einen Sinneswandel, der eigentlich gar keiner ist.

Andy, hast du dir nach deinem Albumrelease jetzt erst mal Urlaub genommen?
Fast, ich habe gerade ein bisschen Freizeit zwischen den Shows. Aber Schritt für Schritt bewege ich mich wieder zurück ins Studio und beginne zu schreiben.

Du hast schon neue Ideen?
Ja, ich habe mir neues Equipment angeschafft, das löst bei mir immer neue Inspiration aus. Wenn man Geräte benutzen kann, die man vorher nie hatte, er- geben sich neue Möglichkeiten und das spornt gut an.

Bist du sehr technikfixiert?
Erst im letzten Jahr habe ich damit begonnen, mir Hardware zuzulegen. Vorher habe ich meine Tracks nur in Ableton und Reason gebaut. Aber jetzt habe ich mir zum Beispiel gerade einen Roland SH- 101 und eine 303 gekauft. Irgendwie ist mir diese Arbeitsweise lieber, weil man aktiver zupacken kann. Viel besser als nur mit dem Cursor auf dem Bildschirm herumzufahren.

Lass uns zurückschauen: 2012 war wohl das wichtigste Jahr in deiner Karriere. Findest du nicht?
Vielleicht, ganz sicher bin ich mir aber nicht. 2011 sind “We Stay Together” und “Passed Me By” rausgekommen und diese beiden Platten haben mir mehr Aufmerksamkeit verschafft, als alles je zuvor. Aber dieses Jahr war genauso wichtig, weil sich alles noch mal beschleunigt hat. Es war extrem wichtig, die letzten beiden Releases ähnlich stark weiterzuführen, wie sie damals eingeschlagen sind.

Du hast in diesem Jahr also einfach da weitergemacht, wo du mit deiner kleinen Neuerfindung 2011 begonnen hattest?
Ich habe einfach viel Musik gemacht und war gleichzeitig sehr viel unterwegs. Aber das Album war schon ein extrem markanter Punkt, es ist wahrscheinlich das wichtigste Release, das ich jemals hatte. Ein Highlight.

Ein anderes Highlight ist vielleicht, dass du deinen Brotjob als Autolackierer aufgegeben hast. Das ist doch ein Meilenstein, der Traum jedes Musikers.
Stimmt, das war etwas, was ich schon lange vorhatte, um mich voll und ganz auf meine Musik zu konzentrieren. Dieses Jahr ist es endlich passiert. Ich sagte mir: Wenn ich es jetzt nicht mache, dann passiert es nie. Und auf der Stelle war mir klar, dass es die richtige Entscheidung war.

Und wie fühlt sich der neue Alltag so an?
Oh, es ist absolutes Chaos (lacht). Ich und meine Freundin Sarah haben einen vier Monate alten Sohn, der wacht gegen 6 Uhr morgens auf und wir mit ihm. Ich will dann immer sofort ins Studio, drehe mich aber meistens nochmal um. An manchen Tagen bin ich früh dran, und manchmal, wie heute, passiert vor 14 Uhr gar nichts. Ich habe noch keine richtige Routine gefunden, denn sobald ich meine Arbeit aufgegeben hatte, war ich erst mal sehr viel in den USA unterwegs und habe dort gespielt. Ich habe mich noch nicht wirklich einleben können als Vollzeitmusiker, weil ich alleine im letzten Monat drei Mal in den Staaten war. Da ist Alltag erst einmal unmöglich.

Du willst also nichts Besonderes mit deiner neuen freien Zeit anfangen? Der Plan ist wirklich, jeden Tag im Studio zu verbringen, aber es nicht unbedingt wie einen Dayjob zu behandeln.

Hast du nicht noch ein Hobby neben der Musik?
Doch: Ich habe einen alten Ford Escort MK1 von 1972, den ich neu herrichte. Das ist ein bisschen mein Ding, ich mag Rallye und die alten klassischen Rallye-Autos. Ich habe diesen Wagen seit Ewigkeiten und endlich ein bisschen Zeit, mich um ihn zu kümmern. Damit bin ich auch aufgewachsen, denn mein Vater war Rennfahrer, von ihm habe ich diese Begeisterung. Ich schaue immer Formel 1, da bin ich ganz enthusiastisch.

Ich stelle mir immer gerne vor, dass du in Manchester die Straße entlangläufst und plötzlich ein aufgemotztes Auto mit prolligen Typen hinterm Steuer an dir vorbeifährt und deine Musik aus den Boxen kracht. Wie wäre das?
(lacht) Das wäre hart. Wenn das auch noch so eine Ali-G-Karre wäre, würde ich denken: Schau dir diesen Volltrottel an. Und dann noch meine Platten? Das wäre ein ziemlich komischer Typ.

Kannst du dir erklären, was deine letzten beiden EPs so erfolgreich gemacht hat?
Keine Ahnung. Ich habe während der Produktion so gut wie keine Musik gehört und mich ganz auf mein Gefühl verlassen, wie dubbed out house music für mich sein sollte. Alles klang genau richtig, mit diesen bestimmten Geschwindigkeiten und Tonhöhen. Es war also nichts, was ich mir auf irgendeine Art bewusst vorgenommen hatte – die Tracks haben nur auf diese eine Weise funktioniert. Es war einfach ein glücklicher Zufall, dass die halbe Welt so darauf angesprungen ist und einen so tiefen Zugang gefunden hat.

Das Besondere ist ja, dass du so ein breites Publikum erreicht hast, das nicht unbedingt auf Dub Techno und Ähnliches steht.
Stimmt, das war bemerkenswert. Ich habe, wie gesagt, vor kurzem in Amerika gespielt, und tatsächlich zusammen mit ein paar Doom-Metal-Bands. Eine der Bands war BATILLUS – kannte ich nicht, bis ich sie spielen sah. Nach den Shows standen wir draußen vor dem Club und deren Sänger sagte mir, dass sie auf ihrer letzten Tour die ganze Zeit nur “Passed Me By” und die auch bei Modern Love erschienene G.H.-Platte gehört hätten, sonst nichts. Das ist absolut verrückt, dass mich sogar Metal-Bands feiern.

Gerade bei dir wird deutlich, dass es scheinbar eine neue übergreifende Allianz von Musikhörern gibt, die sich in dieser düsteren Mischung aus Noise und Ambient sehr wohl fühlen, egal ob sie einen House- oder Metal- Hintergrund haben. Ich finde das ganz gut.

Mir gefällt das auch. Ganz unbeabsichtigt habe ich da wohl etwas erschaffen, das wirklich Brücken schlägt zwischen den unterschiedlichsten Gruppen. Eine wirklich seltsame Entwicklung, aber auf jeden Fall positiv.

Es scheint, als hättest du mit deinen jüngsten Arbeiten zu einer echten Sound-Identität gefunden. Oder siehst du es eher als Phase, die du durchläufst?
Ja, ich glaube ich habe zu einer endgültigen Identität gefunden. Meine Tracks haben schon vor einer Weile begonnen, langsamer zu werden, seit “Tell Me Anything” von 2010. Seitdem gehe ich Tracks ganz anders an, in der Art wie ich produziere und welche Sounds ich benutze. Wie ich schon sagte, wenn man sich neues Equipment anschafft, ändert sich oft auch die Arbeitsweise. Aber es stimmt, es fühlt sich im Moment nicht nach einer Phase an, über die ich bald wieder hinweg bin.

Ich nehme immer gerne an, dass Musik die Persönlichkeit des Musikers widerspiegelt. Siehst du das bei dir? In gewisser Hinsicht ja, natürlich. Aber mein Gott, wenn die Leute sich ein Bild meiner Persönlichkeit von meiner neueren Musik ableiten, dann … Jesus Christus.

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Genau das meine ich.
Es wirkt wahrscheinlich so, als wäre ich der elendigste Bastard auf dem ganzen Planeten. Ich schätze, meine Musik enthält zwangsläufig ein Abbild von mir, sonst würde ich ja Musik ohne jede Emotion machen. Es steckt schon ein gutes Stück von mir drin. Wenn ich solche Tracks schreibe, dann fühle ich mich, als könnte ich mich fallen lassen, als würde ich etwas absolut Instinktives, Zudringliches machen. Ich kann mich dabei wunderbar im Stuhl zurücklehnen, wenn ich denke: Das klingt abstoßend, aber ich mag es, denn es steckt eine Form von Schönheit darin. Verstehst du? Ich brauche eine heftige Wirkung, ansonsten wäre das alles sinnlos.

Du machst sehr beklemmende, depressive Musik, die aber unendlich zufrieden macht.
Genau das ist der eigenartige Kontrast. Sogar bei Liveshows spürt man das, gerade bei meinen letzten Sets: Die sind sehr downtempo, ziemlich düster, aber das Publikum ist verrückt danach, will sich ganz tief reinziehen lassen. Am Anfang dachte ich noch: Toll, am Schluss hast du 2 niedergeschlagene Menschen vor dir stehen. Doch das war ganz und gar nicht so. In London ist mir einmal was passiert, da war ein Mädchen, das überhaupt nichts mit dem langsamen Tempo anfangen konnte, und sie sagte zu mir: “Fuckin’ speed it up, come on!” Und dann hat sie auch noch eine Bierflasche nach mir geworfen, haha.

Lass uns über dein neues Album “Luxury Problems” reden. Warst du dabei genauso unbeeinflusst von anderer Musik wie bei den beiden EPs?
Da steckt schon ein bisschen mehr Einfluss drin, aber nichts, was ich vor kurzem gehört habe. Eher Tracks, die ich schon sehr lange mag, Dinge aus meiner Vergangenheit, aus einer komischen Zeit. Ein Grund ist auch, dass ich einfach keine Zeit habe, viel neue Musik zu hören.

Du hast gesagt, dass dich Hype Williams sehr beeindruckt haben.
Ja, das “One Nation”-Album haben mir Freunde zugesteckt, und ich fand es einfach nur unglaublich. Diesen unfertigen, krummen Style mochte ich sehr.
Und deine neueren Platten hast du passend dazu auch mal “knackered house” genannt. Als “knackered” bezeichnet man in Manchester etwas, das kaputt ist, ernsthaft beschädigt und fast nicht mehr funktioniert.

Ist für dich House also so perfekt langweilig geworden, dass Dekonstruktion und Zerstörung der einzige Weg nach vorne ist?
Stell es dir so vor: Ich habe von Montag bis Samstag in einer Autowerkstatt gearbeitet, und musste den ganzen Tag das Radioprogramm ertragen. Vielleicht kam das unterbewusst, dass meine aktuelle Herangehensweise ein Angriff auf diese Alltagsmusik ist, die so extrem sauber, langweilig und absolut nervig ist, dass ich sie nur noch in Stücke reißen wollte. Das könnte auch eine Quelle sein.

Im Vergleich zu den letzten EPs ist “Luxury Problems” ein Stück leichter geworden. Es ist wieder ein Koloss, aber die vielen Vocals machen ihn fast schwerelos. Warum hast du dich für den Gesang deiner alten Klavierlehrerin Alison Skidmore entschieden?
Ohne die Vocals wäre das Album bestimmt genauso heavy, wie die älteren Sachen. Alisons Vocals stehen wirklich stark im Vordergrund. Wir haben das so gemacht: Ich habe von ihr eingesungenes Material bekommen, das ich als Ausgangspunkt benutzt habe, um darum herum eine Atmosphäre aufzubauen. Die restliche Produktion war nicht viel anders als bei “Passed Me By” und “We Stay Together”, ich wollte wieder eine erhabene Schroffheit schaffen. Es softer zu machen, war nicht meine Absicht, es ist einfach so geworden, und wir sind alle sehr glücklich darüber.


Die Vocals geben dem Album einen Hauch Cocteau Twins mit.

Ein guter Freund von mir sagt das auch immer wieder! Ich kenne die Band leider zu wenig, deshalb kann ich nicht mehr da- zu sagen. Was musikalisches Wissen angeht, bin ich echt eine Null. Ich kenne mich ganz schlecht aus. Aber das ist auch ganz gut so, denn hätte ich gedacht: “Oh, mein Album klingt zu sehr nach den Cocteau Twins”, dann hätte ich es wohl nochmal total umgekrempelt.

Das heißt, es ist sinnlos, dich nach deinen Lieblingsplatten des Jahres zu fragen? Fallen dir welche ein?
Oh, ich habe keine Ahnung was dieses Jahr alles rausgekommen ist. Julia Holter hat mir neue Sachen von ihr gegeben, die fand ich sehr gut. Was habe ich noch gehört? Von John Maus war ich sehr angetan, er hat fantastische Songs.

Ich frage das auch, weil in diesem Jahr vieles erschienen ist, das im Ausdruck deiner Musik sehr ähnelt. Andere Releases auf Modern Love oder Blackest Ever Black, oder Künstler von Tri-Angle Records wie Holy Other und Vessel. Euch allen gemeinsam ist diese rabenschwarze Melancholie, eine ganz finstere Introspektive. Es fühlt sich so zusammengehörig an.
Miles und Sean von Demdike Stare sind Freunde von mir aus Manchester, und ich kenne auch David (Holy Other), der kommt auch von hier. Vielleicht haben wir hier einfach etwas im Wasser, das uns so werden lässt (lacht). Dass sich so viele Menschen überall gerade an diesem depressiven Sound laben ist schon verrückt, aber ich sehe das als eine ganz individuelle Sache. Früher habe ich ab und zu für Mercedes gearbeitet, und ich hatte oft Autos mit unfassbaren Soundsystemen. Ich habe dann immer halbfertige Tracks auf CD gebrannt und in diesen Autos getestet, wie es klingt. Alle meine Kollegen sagten nur: Was zum Teufel spielst du da für eine Scheiße?! Für die war ich einfach nur krank.

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One Response

  1. Wurstbrot

    Mensch Andy, du machst so geilen Sound, dann endlich schaust du über den Tellerrand, und legst dir ne 303 und 101 zu. Alter… dass geht ehrlich gar nicht, ausgelutschter und langweiliger geht es nicht!!! 🙁