Neulich im Hass Seminar
Text: Lutz Happel aus De:Bug 168

Goetz(c)SV

2012 zeigte die Goetz’sche Hau-drauf-Poetologie mehr denn je, dass textlicher Grobianismus erkenntnisfördernd wirkt.

“Mehr” lautete der schlichte Titel der Lesung im Frühjahr, bei der Rainald Goetz und Diedrich Diederichsen um die Wette Zuhörerhirne durch Lesegeschwindigkeit und Informationsdichte kollabieren ließen. “Mehr” könnte aber auch Jahresmotto des Schriftstellers Goetz sein: Nie gab es mehr Auftritte, mehr Videobotschaften und Interviews, mehr Schriftstelleröffentlichkeit, mehr Sozialstress, mehr Wechselwirkungen zwischen Text und Realwelt, aber auch mehr Irritation und Ratlosigkeit unter Kritikern über das bis dato deutungsoffenste Goetz-Buch, was auch heißt: nie gab es mehr Verrisse. Das ist für einen, der seit dreißig Jahren dem Ideal der Gegenwartsverschriftlichung hinterherschreibt – unter der Luhmann-geschulten Prämisse, dass alles Gesagte automatisch sein Gegenteil evoziert – kein schlechtes Jahresresümee. Obendrein für einen, dessen Hau-drauf- Poetologie besagt, dass Empathie, Nachsicht, Takt – also alles, was im Umgang mit Menschen als vernünftig gilt – in der “Asozialitätskunst Literatur” erkenntnisbehindernd wirkt. Also wirft Goetz mit zunehmender Konsequenz die “öffentliche Figura” anderer ohne Rücksicht auf Verluste seinem “Textwolf” zum Fraß vor, ob nun Daniel Kehlmann (Vertreter der “gehobenen Angestelltenkultur”) oder jene Matthias Döpfner (“Feingeist auf Montage”). Gleichzeitig wird der Autor aber auch selbst zu einer immer bekannteren Figur, was die Sache noch interessanter macht. Auch in dieser Hinsicht war es ein sehr erfolgreiches Jahr für den Schriftsteller Rainald Goetz.

Jämmerlicher Giftzwerg
Es begann im Frühjahr mit der Verleihung des Berliner Literaturpreises und der Heiner-Müller-Gastprofessur an der FU Berlin, bei der der sichtlich gerührte Lobgepriesene dem Laudator dafür dankte, seine “Negativität zum Leuchten gebracht” zu haben. Es folgte eine Antrittsvorlesung und ein Seminar, welches mit dem Themenkomplex “Hass” endete, und mit der unangenehmen Aufgabe des Gastprofessors, Noten zu verteilen. Was die Studenten verärgerte, war of- fenbar die worttreue Sturheit, mit der der Seminarleiter eine 2 als “gut” und nicht etwa als “geisteswissenschaftlichen Karriereknick” definierte. Ein paar Wochen später wurden ausgewählte Journalisten zur feierlichen Übergabe der Rezensionsexemplare des Romans “Johann Holtrop” geladen – der Autor hatte sich zunächst unter einer Filzdecke versteckt; schien auf Jedi-Ritter-Art Kräfte zu sammeln, geriet aber, nachdem er un- vermittelt aufgesprungen war, alsbald in blühende Emphase (“Freude sei dieser Tag!”, “An Hass und Verachtung fehlt es nicht”) und entließ sein Publikum am Ende mit der Bitte, “Terminstreberei” zu unterlassen, also die Sperrfrist zu be- achten. Wenig später erschienen die ersten Rezensionen.
Der Roman ” Johann Holtrop – Abriss der Gesellschaft” handelt vom Aufstieg und Fall des Titelhelden, Vorstandsvorsitzender eines milliardenschweren, global operierenden Medienkonzerns (Assperg AG), Zentrum eines kompliziert verflochtenen Subfirmenkonglomerats; eine Welt voller hinterhältiger, durch Geld und Macht deformierte Intriganten der kaputten Wirtschaftskrisenzeit der Nullerjahre. Das Buch fiel bei den meisten Kritikern durch: unterkomplex, flickwerkhaft erzählt, zu wenig Figurenpsychologie, holzschnittartig gezeichnet, ein Rezensent warf Goetz “Kälte” und mangelndes “Mitgefühl” vor (“Giftzwergprosa, jämmerlich”).

Im Volltrottelmodus voraus
Auffallend vor allem wie altmodisch die Kriterien klangen, mit denen Goetz‘ Scheitern belegt werden sollte, traditionell-erzählerisch einen Roman zu verfassen. Bereits in dem Internettagebuch “Klage” von 2008 hatte Goetz notiert: “So hat der Autor, der sich um das traditionelle Erzählen bemüht, gar keine lebendige eigene Sprache zur Verfügung. Nicht, weil er sie selber nicht hat, sondern weil es sie wirklich gar nicht gibt. Es gibt keine nichtmuffige, nichtzuckrige, nicht-banale Sprache für einen heutigen Roman nach Art der großen Romane von früher.” Neben der Gattungsbezeichnung “Roman” steht nun auf dem Cover von “Johann Holtrop” aber auch ein leicht soziologisch verbrämter Untertitel: “Abriss der Gesellschaft”. Man kann das durchaus programmatisch verstehen und das Buch als einen Text lesen, dem nichts ferner liegt, als Figureninnerlichkeit oder eine erzählerische “Weltanalogiebildung” herzustellen, wie Goetz es bei einer Lesung im Deutschen Theater leicht angewidert ausdrückte.
Nimmt man den Untertitel beim Wort, dann ist sein Roman eine Typologie der Verblendung, eine Beobachtung des unheimlichen Formenreichtums berufsbedingter Dachschäden, eine soziologische Skizze, die sich nicht fürs Denken, sondern allein für das Handeln der Romanprotagonisten interessiert, formal dem Bericht zum FAZ-Kritikerempfang aus “Loslabern” nicht unähnlich. Die Form des Romans dient Goetz demnach lediglich als heruntergekommene Bühne, auf der er seine skizzenhaft gezeichneten, an die Middelhoffs, Wiedekings, Mohns und Kirchs dieser Welt erinnernden Figuren ihre sehr ernsten Spiele aus Manipulation und Intrige, Angst und Verachtung, Hybris und Hierarchiegläubigkeit aufführen lässt.
Stilistisch bewegt sich die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Hochfinanzjongleurs Holtrop auf einem sehr hohen Beschimpfungsniveau, selbst für Goetz‘ Verhältnisse. Es wimmelt nur so von Nullen und Deppen, von “imbezilen Restseelenruinen im Volltrottelmodus”. Dieser Aspekt des Buches wurde am häufigsten kritisiert: die Bösartigkeit eines selbstgerechten Erzählers, der unentwegt auf das wehrlose Personal seiner Fiktion eindrischt. Kaum Beachtung fand hingegen, dass der Goetz’sche Furor nicht nur durch Verachtung, sondern genauso stark durch eine geradezu hysterische Faszination am Verachtenden getriggert wird.

Böser Baal
In einem Video mit dem Titel “12.9.12. Judgement Day” zeigt sich Goetz von der Verblendung seiner Hauptfigur Holtrop gar so fasziniert, dass er beginnt, mit ihr zu verschwimmen, oder anders gesagt: der Ekstatiker Goetz beginnt, dem Ekstatiker Holtrop zu ähneln: “Wie ist es Holtrop ergangen?”, fragt Goetz, mit ein paar Zeitungen in der Hand und etwas mitgenommen aussehend. “Gefeuert, gefeuert, gefeuert, gefeuert.” Der Schriftsteller knallt die Verrisse seines Romans auf einen Stuhl und resümiert: “Wegen Kälte, Arroganz, Bosheit, Negativität und wegen einer generellen und fundamentalen Inkompetenz. Er kann das Unternehmen, das er führt, die Assperg AG, dieses Riesenreich, den Roman, gar nicht führen.” Darin liegt die Ambivalenz von “Johann Holtrop”, und auch seine Offenheit: Goetz‘ Verachtung für das Personal seiner Wirtschaftswelt ist untrennbar verbunden mit seiner futuristischen Begeisterung für ihre Asozialität, Egomanie, ihren Größenwahn. Bereits in “Loslabern” beschrieb Goetz den Wirtschaftscrash des Herbstes 2008, der “einem auch weiterhin täglich die umfassende Katastrophalizität des gesamten globalen, weltkapitalistischen Verschwörungssystems um die Ohren haute und ins Gesicht spuckte”. Auch hier klang die Krise schon expressionistisch, wirkte wie ein böser Baal, in seinen Ausmaßen gigantisch und in seiner maßlosen Gigantomanie faszinierend.
“Wenn solche Figuren die Wirtschaft bestimmen”, wird Goetz während eines Interviews auf dem blauen Sofa des ZDF zu Holtrop gefragt, “ist der Kapitalismus dann überhaupt reformierbar?” Der Dichter muss laut auflachen, er erscheint geradezu verdutzt, denn dem Gegenwartsverschriftlicher dürfte nichts ferner liegen, als moralisch zu urteilen, über ein System genauso wenig wie über eine Person. Kann man so jemanden mangelndes Mitgefühl vorwerfen? Sind die Texte Niklas Luhmanns kaltherzig?