Was macht eigentlich Anonymus so ganz ohne ACTA?
Text: Gleb Karew aus De:Bug 168

Bild: Andy Vible - World View 2012

Bild: Andy Vible – World View 2012

Mit den erfolgreichen Protesten gegen das Handelsabkommen ACTA feierte der Netzaktivismus 2012 einen glänzenden Sieg, ansonsten wurde es deutlich stiller um Anonymous & Co. Die Copyright-Aktivistin und WIREDAutorin Quinn Norton hat uns erklärt, was da los ist.

Anfang des Jahres schwappte on und offline eine Protestwelle gegen das Handelsabkommen ACTA um den Globus, das Internet-Überwachung in chinesischen Dimensionen schaffen wollte, um Produktpiraterie und Urheberrechtsverletzungen zu bekämpfen. In den Augen der Netzgemeinde eine digitale Apokalypse, die es zu verhindern galt, was mit der ACTA-Ablehnung durch das EU-Parlament vorerst auch gelang. Jenseits dessen wurde es – zumindest in der massenmedialen Berichterstattung – eher ruhig um Doacracy-Bewegungen wie Anonymous und Occupy. Paradox, leben Doacracies doch vom selbstbestimmten Aktionismus ihrer Mitglieder, die dann, ähnlich wie Terroristen nach einem Anschlag, das Banner des jeweiligen Kollektivs über ihrer Aktion hissen. Was war da los, beziehungsweise eben nicht? “Nur weil es keine Revolutionen im 15-Minuten-Takt gab, heißt das nicht, dass 2012 nichts weiter passiert ist”, betont Quinn Norton. “Nach dem Sieg über ACTA kam die Offenlegung von Details aus CETA und TPP, die beide eine Art ‘ACTA+’ darstellen und gerade hinter verschlossenen Türen verhandelt werden. Vor allem aber ist in der Gesellschaft und im Netz ein neues Bewusstsein für Privatsphäre und Datenschutz entstanden. Dazu gehört auch, dass sich traditionelle Institutionen, die 2011 noch völlig ratlos waren, an die Situation angepasst und gelernt haben, sich mit formlosen, flüchtigen und hierarchielosen Organisationen wie Anonymous und Occupy auseinanderzusetzen.” Auch wenn das noch lange nicht bedeutet, dass zwischen etablierten Institutionen und jungen Bürgerbewegungen fortan alles wie geschmiert läuft, wie die teils gewalttätigen Anti-ACTA-Proteste in Polen oder die Räumung des Occupy-Camps vor der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt zeigten.

Hölle, frisch eröffnet
Die ACTA-Suppe ist noch lange nicht ausgelöffelt, auch wenn sie in den nächsten Runden unter neuen Namen auftritt: “Aktuell stehen der kanadisch-europäische ACTANachfolger CETA und andere gemeine Gesetze wie aTPP, das gefährlich weit über ACTA hinaus geht, noch in den Startlöchern – der Wahnsinn geht also weiter”, erklärt Norton. “Große Urheberrechtsinhaber sind maßgeblich an Gesetzesentwürfen wie ACTA beteiligt. Was wir gelernt haben ist, dass Plattenfirmen wie Universal oder Filmstudios wie Vivendi oder Disney, aber auch Pharmakonzerne wie Bayer ihre Interessen auf nationaler Gesetzesebene vertreten sehen wollen. Gleichzeitig haben sie ein globales Copyright-Interesse und wollen es international schützen. Man muss auch sagen, dass sie in dieser Hinsicht, in ihrem professionellen Biotop, weitaus mächtiger sind als die meisten Nationen und ihre Interessen sehr drakonisch vorantreiben.” Mächtige Gegner, mit denen Anonymous & Co. sich da angelegt haben, aber so vielfältig und amorph die Gruppen auch sind, werden sie von inzwischen stark verankerten Überzeugungen zusammengehalten: “Jeder Anon hat eine individuelle Meinung zum Copyright. Trotzdem gibt es einen Konsens, der in etwa lautet: ‘If you have to break the internet in order to enforce your copyright, then fuck your copyright!’. In Hackerkreisen steht das Kopieren und Austauschen von Inhalten rein technisch auf derselben Ebene mit Meinungs- und Redefreiheit.” Noch wird diese Nerd- Sebstverständlichkeit nicht von allen akzeptiert, aber das kann ja noch werden: Denn während unser Demokratieverständnis Jahrtausende gebraucht hat, um zu reifen, ist das Internet erst 20 Jahre alt. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als noch eine Weile lang in der flachen Lernkurve traditioneller Institutionen und Regierungen zu verharren und eine Menge absurder Unzulänglichkeiten zu ertragen. “In der Retrospektive sind Revolutionen ja ganz toll, aber im Prozess sind sie die Hölle. Und wir stehen erst am Anfang.”

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Elektronische Lebensaspekte.