Der Wischmob des Teufels
Text: Alexandra Dröner aus De:Bug 168

Bild: Daniel Catt

Bild: Daniel Catt

In den USA gilt EDM als das neue Mainstream-Ding nach Rock und HipHop. Aus europäischer Sicht ist EDM ein Fegefeuer des schlechten Geschmacks, von skrupellosen Unsympathen mit klebriger Marketing-Soße eingesuppt, um Taschengelder einzusacken. Wie konnte das nur passieren?

Je mehr man mit der Historie und der europäischen Definition elektronischer Musik vertraut ist, umso schwieriger wird es, das Phänomen überhaupt wahr- oder gar ernst zu nehmen. Ende 2011 konnte es noch vorkommen, dass man der Frage amerikanischer Neu-Berliner, wo in der Stadt denn Electronic Dance Music gespielt würde, mit kopfschüttelnder Verzweiflung begegnete: “Excuse me? Electronic BODY Music?!?” Die USA hatten zu diesem Zeitpunkt bereits einen Festival-Sommer der Superlative hinter sich und Skrillex fünf Grammy-Nominierungen in der Tasche.
Bisher galt: Elektronische Tanzmusik existiert seit über 20 Jahren und resultiert so in etwa aus der gemeinsamen Anstrengung von Kraftwerk, Detroit, London, Chicago, Sheffield, New York, Manchester und Berlin. Im Underground, wohlgemerkt. Im Laufe der Geschichte schaffen es immer wieder ein paar Dance-Acts in die Charts, Kevin Saundersons Inner City zum Beispiel, Moby, später auch The Prodigy, Underworld, Chemical Brothers. Parallel dazu bilden sich in Europa die ersten Feindbilder innerhalb der rapide wachsenden Szene heraus, Paul van Dyk natürlich, “die Ibiza- DJs”, Trance, Deppen- und Kirmes-Techno. Die Basis rümpft die Nase, Amerika bleibt ahnungslos. Rock, HipHop und Indie be- stimmen dort Airplay und Plattenverkäufe, die vergleichsweise bedeutungslose Rave- Bewegung bringt es in den 90ern auf ein paar wenige Großveranstaltungen und einzig Trance und Progressive-House können sich halten. Die Würdigung der eigenen Techno-Legenden bleibt aus, die Helden aus Detroit und Chicago treiben sich in Europa herum. Nur schleichend ändern sich die Vorzeichen: Das Internet macht auf, die Musikindustrie beinahe zu, alle plappern sozial im Netz und nicht allein Popstars wie Madonna, Snoop oder Britney strecken in den USA ihre bedürftigen Ärmchen nach der Clubszene aus. Wer an die Kohle der Leute will, muss sie aus dem Haus locken, weg vom Bildschirm, ihnen Eintritt abnehmen und ein Spektakel bieten, so großartig, dass die Tweets nur so flutschen.

Fegefeuer des schlechten Geschmacks
Festivals bekommen einen neuen Stellenwert, werden größer und besser organisiert – Menschen, Tiere, Sensationen, der Zirkus ist in der Stadt! Der LED-DJ wird geboren, der Kapitän der Massen auf seiner gleißenden, meterhohen Kanzel. Las Vegas wird zur neuen Party-Hauptstadt, das dort ansässige “Electric Daisy Carnival”-Festival zieht allein in diesem Juni eine viertel Millionen Besucher und wer sich die Bilder der grotesk zurechtgemachten Raver ansieht, meint sich auf dem Höhepunkt der Flokati-Stiefel und Plüsch-BH-Love-Parade-Ära wiederzufinden. In Miami wird zur Winter Music Conference aus dem ehemals kleinen Label-Showcase von Ultra Records, die mit Deadmau5, Kaskade oder Avicii einige Stars der Szene vertreten, ein Monster mit 15. Besuchern.
Gleichzeitig befreien uns die Amerikaner von einer Geißel der englischen Dubstep- Szene: Brostep wird importiert. Die aggressiven Basslines kitzeln das junge Klientel an den Rezeptoren, die weiland noch von inzwischen schal gewordenen Stadion-Rockern wie Green Day oder Korn besetzt waren, mit brachialen Kicks und Intensiv-Wummern. Korn sind es dann auch, die die Zeichen erkennen und mit dem vom Post-Hardcore-Bandleader zum Dubstep- DJ konvertierten Skrillex, dem so unvor- teilhaft gestylten Wischmob-Mann, sägenden Wobbel-Rockstep produzieren. Das war 211. Spätestens dann werden auch wir Europäer auf diesen seltsamen Superstar-DJ aufmerksam, dessen Edits wie eine Mischung aus Justice, Rusko und Goa-Trance klingen, das Fegefeuer des schlechten Geschmacks.

Massentauglichkeit
Electronic Dance Music wird derweil von der amerikanischen Presse als das neue Mainstream-Ding, der neue Rock, der neue HipHop antizipiert, denn das Geschichtsbewusstsein hält sich in Grenzen zum Platzangstkriegen. Andere holen alte Mega-DJs wie Carl Cox oder Paul Oakenfold vors Mikrofon und lassen sie brav aufsagen, dass früher alles besser war. Und natürlich gibt es Beef. Der Stempel EDM prangt auf so unterschiedlichen Acts wie David Guetta, dem niederländischen Trancer Tiesto, Progressive-House-Posern wie Deadmou5 oder der Swedish House Mafia, Kaskade und Skrillex, unserem Elektro-Rock-Bro, und kaum einer kann das Maul halten. Die millionenschweren Herren – Forbes gibt im August eine beängstigende Liste der EDM-Bestverdiener heraus, mit Tiesto, Skrillex und der Swedish House Mafia an der Spitze der Reingewinne zwischen 22 und 14 Millionen Dollar – wissen sich interessant zu machen. Allen voran der scharfzüngige Joel Zimmerman, der Junge mit der Mausmaske, der sich selbst und seine Mitstreiter als “Knöpfchendrücker” bloßstellt, die aus Scheiße und keinen Skills Gold machen. Damit tritt er einen netzweiten Schlagabtausch los, dem sich am Ende auch die UK-Techno-Legende A Guy Called Gerald nicht mehr entziehen kann und einen schlechtgelaunten Kommentar auf seinem Blog veröffentlicht: “You come into our system that we have nurtured for the last 25 years, trick hardworking people into giving you their money, con honest promoters, take large sums of money out of the system and then spit back into our faces that YOU are tricking everyone. I agree there are loads of people like you who do fake it. It is easy with the software you are using. Don’t worry we are going to find ways of stopping you. You greedy rat head fuck,” Amen. Diese Rede hätten wir eigentlich aus einer anderen Richtung erwartet als aus der Feder eines in Berlin lebenden Briten. Wo ist Mike Banks? Wo das bittere Manifest der Vorväter? Die Detroiter Presse ist auf Zack und springt in die Bresche: Als David Guetta sich im Frühjahr erblödet, nachzufragen, ob er auf dem altehrwürdigen Detroit Electronic Music Festival auftreten kann, betitelt die Wochenzeitung Metro Times ihre Cover-Story sehr hübsch mit “Underground Persistence”, beschwört die Musik-Historie der Stadt herauf und bezeichnet das DEMF als Bewahrer der Klassik gegen den Kommerz. David Guetta darf nicht spielen. Immerhin, Europa erscheint sicher, Guetta, Deadmau5 oder Skrillex haben durchaus ihr Publikum, als neue Jugend-Bewegung gehen ihre krakeelenden Scheußlichkeiten aber nicht durch. Arbeiten wir alle daran, dass das auch so bleibt.

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Elektronische Lebensaspekte.

8 Responses

  1. skp

    A Guy Called Gerald zitieren, ohne den antisemitischen Ausfall auch nur zu erwähnen ist sowas von verlogen. Aber dass muss man beim 28 Gun Badboy ja unter den Tisch kehren, weil er nun mehr seit 808 State und Voodoo Ray genau den vergötterten Underground darstellt, der im Artikel als europäischer Entwurf dargestellt wird.

  2. alexandra dröner

    Kurz mal zur Klärung: wenn man mir überhaupt etwas vorwerfen kann, dann höchstens nicht noch gründlicher recherchiert zu haben. Zu dem Zeitpunkt meiner Recherche (11. November 2012) habe ich besagtes Zitat folgendem Artikel entnommen: http://skrufff.com/2012/06/guy-called-gerald-turns-on-deadmau5/ der das Zitat offensichtlich seinerseits schon um eben jenen ‘antisemitischen Ausfall’ gekürzt hatte.
    Das Originalzitat aus dem Juni 2012 war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr auf AGCGs blog einzusehen. Wäre mir das Zitat in voller Länge bekannt gewesen, hätte ich es entweder nicht benutzt oder aber entsprechend kritisch kommentiert. Verlogenheit oder irgendeine Sonderbehandlung von A Guy Called Gerald weise ich hiermit nachdrücklich zurück. So, und jetzt gehe ich mit Jakob Augstein Kaffee trinken, bestes, die Autorin

  3. t

    Bei Gelegenheit bitte auch die Rechtschreibung beachten. Man kann ja nicht auf schlechte Musik mit schlechter Rechtschreibung antworten.

  4. A

    Es sind wohl 15.000 Besucher und nicht nur 15 die in Miami zu der Show von Ultra Records kommen, und irgendwo da ist auch eine Jahreszahl zu klein. Aber sonst witziger Rant, für den letzten Satz fang ich mal jetzt mit Wochenende an.

  5. Nur labern könnt ihr!!!

    also ich find den beitrag super! ( und A Guy Called Gerald aussage völlig korrekt!)
    und hört auf immer nur Blödsinn zu labern…Rechtschreibung??antisemitisch?? -geht’s noch??

  6. skp

    na klar antisemitisch.

    http://www.factmag.com/2012/06/28/message-to-rat-head-a-guy-called-geralds-open-letter-to-deadmau5/

    “The only button you and people like you are interested in pushing is a nuke for the Palestinians. You come into our system that we have nurtured for the last 25 years, trick hardworking people into giving you their money, con honest promoters, take large sums of money out of the system and then spit back into our faces that YOU are tricking everyone.”

    was meint der denn mit “people like you”? EDM producer wie Deadmau5 oder Juden wie Deadmau5 (der als amerikanischer Jude nichts mit Israel zu tun hat, die Ausrede der “Israelkritik” kann man also gleich getrost stecken lassen)? Danach hat er auf fb als ein Artist ihn dafür kritisierte einen Link zur “Rothschild-Verschwörung2 gepostet.

    Entschulding von ihm danach war erhätte zu viel Kaffee getrunken. Klar, kennt man ja, wer zu viel Kaffe trinkt wird Antisemit!

    Und dem stimmst du zu ja?

  7. maximilian von houztekk

    “Sarkasmus ist die Zuflucht schwacher Geister”
    der bericht ist absolut spitze und behandelt das thema von der richtigen Seite.
    was soll hier die nörglerei von wegen Rechtschreibung?

  8. Die drei Revolutionen der Popmusik

    […] sich welche Musikrichtung zu welcher Zeit durchsetzt.”  De-Bug schrieb dazu in einem bösen Artikel “EDM – ein Fegefeuer schlechten Geschmacks, von skrupellosen Unsympathen mit klebriger […]