Be Water, My Friend
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 168

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(Bild: Adidas by OC, S/S 2013)

Eine kleine Modegeschichte: Es spielen Rihanna, Chloë Sevigny, Bruce Lee, Marc Jacobs, der Olympia- Erfinder Baron Pierre de Coubertin und der Architekt Oscar Niemeyer. Held ist aber das amerikanische Unternehmen Opening Ceremony, das Modemonster des Jahres.

1912 wurde Baron Pierre de Coubertin mit dem Gedicht “Ode an den Sport” der erste Olympiasieger in der Disziplin Literatur. Er reichte sein Werk unter dem Pseudonym “Georges Hohrod und Martin Eschbach” ein. Coubertin war ein verrückter Typ. Denn er selbst hatte knapp 20 Jahre zuvor die modernen Olympischen Spiele erfunden. Beeinflusst durch die archäologischen Ausgrabungen im griechischen Olympia belebte er Ende des 19. Jahrhunderts die Athener Spiele unter dem Motto “Schneller, Höher, Stärker”. Schnitt.
Bereits im letzten Jahr waren griechische Statuen ein ganz großer Hit auf tumblr. Ganze Heerscharen an Bildbloggern kümmerten sich monothematisch um das Posten antiker Körper, die sich zum Meme entwickelten, einer visuellen Modeerscheinung, zu der ständig jemand etwas Neues im Internet ausgrub, und die sich so fortwährend weiter reproduzierte. In Ausstellungsräumen, auf dem DE:BUG Cover (#167) und Mitte November hinein in den Komplex Rihanna, die bei einem Auftritt in einer TV-Show komplett in Camouflage gehüllt ihren Superhit “Diamonds” performte, während hinter ihr eine riesige bewegte Bilderschau projiziert wurde. Auf diesem Living tumblr wimmelte es von Gesichtern aus Stein und antiken weißen Säulen. Und dort angekommen, ist es mit dem Element einer New Aesthetic, die viel ihrer Grammatik aus dem Zusammenspiel des Corporate Designs großer Konzerne sowie antiken Riesenzeichen zusammen pflügt, womöglich dann auch vorbei. Oder ist das erst der Anfang?

Ultimative Anschlussfähigkeit
Mitte des Jahres fanden, ganz nebenbei, die echten Olympischen Spiele statt. Und man kann sich fragen, ob es denn Zufall ist, dass der Name eines der größten globalen Medienereignisse, der Eröffnungszeremonie, mit demjenigen des auffälligsten Modelabels zusammenfällt. Opening Ceremony (OC) benannte sich bereits vor zehn Jahren nach dem feierlichen Intro, in ihrem Jubiläumsjahr 2012 aber liefen für die beiden 37-jährigen Labelgründer Carol Lim und Humberto Leon alle Fäden zusammen. Während in London athletische Astralkörper in die Becken der von Zaha Hadid entworfenen Wassersportarena eintauchten, launchte OC ihre für das Sportswearlabel Adidas Originals designte Linie. In dieser vielleicht zeitgenössischsten Kollektion des Jahres verbanden sie mit leichter Hand Referenzen von Schwimm- und Rennradmode mit einem 90er-Jahre Streetstyle, ihr ikonischer Bandana-Print prangte auf Nylon-, Neopren- und Reflektorstoffen. Wasserdichte Socken und Schuhe – ihre Kleidung sei eine “Ode an den Sport”, gab das Duo zu Protokoll. Der Baron hatte noch immer seine Finger im Spiel.

Ging es Coubertin darum, den umfassenden sozialen Fortschritt und die technischen Entwicklungen seiner Zeit auf den Sport zu übertragen, flutete in den letzten zwölf Monaten im Zeichen der Sportswear eine Mischung aus Technikbegeisterung und Fortschrittsvergnügen flächendeckend das Feld der Mode. “Die Verbindung aus Sport und Mode ist das richtige für eine Welt, in der ein Tablet-Computer mehr Pop ist, als jedes Release einer Popband. In der alles einfach verdammt schnell läuft”, bemerkte Peter Tiger dazu in unserer Aprilausgabe. Lim und Leon ersannen im sonnenbeschienenen Berkeley und eigentlich handelt es sich bei ihrem Unternehmen auch nicht um ein Label. Sie selbst bezeichnen ihr Modemonster auf der Webseite als “global community”, das über eine eigene Fashion-Linie, einen Blog, einen TV-Kanal und ein jährlich erscheinendes Magazin verfügt. In ihrem Concept Store in New York bieten sie von Beginn an ein geschmackvolles Potpourri aus teuren Waren des Weltmarktes und exotischen Produkten, die sie von ihren Weltreisen mitbringen. Sie verstehen sich als Botschafter der Mode, die bis heute jedes Jahr ein neues Land bereisen, vor Ort die interessantesten Dinge ausfindig machen und ausgewählte Teile in ihrem Laden präsentieren. Mittlerweile verfügen sie über weitere Außenposten in New York, London, Los Angeles und Tokio. Die selbsternannten Mode-Nerds bedienen so das grundsätzliche Bedürfnis aufgeklärter Kunden nach authentischen, exklusiven Produkten, die eine eigene Identität besitzen und in ei- nem Kontext präsentiert werden, der sich durch extrem hohe Anschlussfähigkeit auszeichnet. Mit dieser Mischung aus Marktplatz (Reisen), Preppy (Klassik) und Hi-Tech (Heute) erfinden OC eine Form des Verkaufens, die sich der multinationalen Benutzeroberfläche ihrer Kunden perfekt anpasst. Mit Weltherrschaftsanspruch. Sie sind so etwas wie die M.I.A. der Mode, überall genau die richtigen Sachen mitnehmen und immer schön global präsentieren.

Global Outlook
Auch wenn man OC nicht zu kennen glaubt, ist man ihren Produkten wahrscheinlich schon einmal begegnet. Lim und Leon sind an erster Stelle Kuratoren und Verkäufer (Ms. Lim arbeitete vor OC als Investment-Banker) und an zweiter Stelle Designer, und wenn sie etwas beherrschen, dann ist es das Stricken wasserdichter Kollaborationen, etwa mit dem Cappy-Monopolisten New Era, mit Vans, Timberland, und Pendleton. Der Pullover der Saison, auf dessen roter Brust der Eiffelturm und darunter der Schriftzug KENZO prangt, ist sicherlich das Kleidungsstück, das in diesem Jahr am häufigsten angeklickt wurde.

Neben der Zusammenarbeit mit Adidas Originals erschien 2012 ihre erste Kollektion als Kreativdirektoren des Prêt-à-porter Labels Kenzo, welches in den 70er-Jahren vor allem für Print- und Ethno-Fashion stand und das zuletzt niemand mehr so recht auf dem Schirm hatte. Doch plötzlich war die Kollektion überall zu sehen, in Berlin gleichzeitig im gediegenen Peek&Cloppenburg und in der Avantgarde-Boutique Wood Wood. Auf der ersten Kenzo-Präsentation in Paris lief Chloë Sevigny, eine ausgewiesene Freundin des Hauses OC, über den Laufsteg und setzte damit sowohl den Initiationsmoment ihrer eigenen, als auch der Karriere von Marc Jacobs noch einmal reflexiv ins Bild. Denn das heute 38-jährige It-Girl hatte 1993 im Musikvideo “Sugar Kane” von Sonic Youth ihren ersten medialen Auftritt, bei dem sie ein junges Modell und Mädchen (sich selbst) spielte, das später die Kleider eines Fashion Designers (er selbst, Marc Jacobs) durchs Bild trug. Jacobs, der heutige Kreativchef und wichtigste Arbeitnehmer im Hause Louis Vuitton, hatte damals die Grunge-Mode auf das Feld der Haute Couture übertra- gen. Und die LVMH-Strategen (Moët Hennessy Louis Vuitton) dieses größten Konzerns für Luxusprodukte, unter dessen Dach sich seit einiger Zeit auch Kenzo befindet, wussten was sie taten, als sie Opening Ceremony engagierten. Das Unternehmen, das zuletzt Nicola Formichetti, den Stylisten von Lady Gaga, ranholte, um eine andere verstaubte Marke zu erneuern, priesen neben der Wanderlust des Duos ihren “corporate background” und den perzeptuellen Sinn für einen “global outlook”.

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Watch in HD!
Zur Präsentation ihrer Kenzo-Herrenkollektion kollaborierten OC mit dem Journal der “Neuen Wirklichkeit”, dem visuell einflussreichsten Online-Magazin DIS aus New York, und setzen ein für High-Fashion-Verhältnisse schonungslos originelles Video in Szene, dessen Name “Watermarked” auf die virale Stockphoto-Ästhetik anspielt. Die Erklärung der Post-Irony-Postille zum Inhalt: “DIS manipulates the codes and trends in the innocuous world of stock photography where shaking hands, sipping coffee, waving, and joyful cooperation are global behaviors. Watch in HD!” Am besten alles ist irgendwie global, weil ja alles irgendwie Internet ist. Genial die Geste eines asiatischen Models, das hoch oben in einem Manhattener Büro am Fenster stehend, den Zeigefinger beim iPad-Wischen schwungvoll über den Rand des Geräts in unsere Richtung zieht und dazu ein breites Lächeln abfeuert. Es sagt: Ihr, ihr seid auch dabei. Und das ist natürlich gleichzeitig gut und schlecht. Aber schlecht, warum eigentlich? Die Jungs im Video umarmen sich immer wieder sanft zu Fahrstuhlmusik und winken uns freundlich aus dem Bild zu.

Noch gelingt OC der distanzlose Welten-verbindende Eingriff. Sie führen High and Low elegant und subtil zusam-men, die ganz große Umarmung, ohne auf der einen Seite der Medaille peinlich zu wirken. Anders als etwa die Rapperin Azealia Banks, deren Video zu “Atlantis” am selben Tag im Netz erschien wie der erwähnte Auftritt von R&B-Queen Rihanna. Sie bediente sich aus dem selben Referenz-Topf, aber statt den Fokus auf griechische Statuen und Säulen (kamen trotzdem vor) zu halten, verlegte sich Banks vornehmlich auf die Zeichen des diesjährigen Hashtag-Genres Seapunk, mitsamt Delfinen, Kristallen, hellblauen Wellenschlägen, kunterbunter Rave-Kultur und Zweihorn-Frisur, in der sie wiederum aussah wie eine M.I.A. von gestern. Natürlich hatte sie im Grunde nicht unrecht, sich an dieser Schnittstelle zu versuchen, doch viele Prosumenten nahmen ihr die überdrehte Adaption übel und empfanden die etwas verspätete Bezugnahme auf den Style der Saison als abgestanden und ausgewaschen.

In der Mode ging es, und geht es heute eben noch stärker um raffinierte Verfügbarkeit und größtmögliche Anschmiegsamkeit von dem, was da draußen passiert. In diesem Jahr verdichtete sich das zu einem Credo: “Be Water my Friend.” So hatte bereits Bruce Lee seinen Kampfkunststil beschrieben: “Leere deine Gedanken! Sei ohne feste Gestalt und Form, so wie Wasser. Wenn man Wasser in eine Tasse füllt, wird es zur Tasse. (…) Sei Wasser, mein Freund.” Inhaltlich wie auch in der Form waren der Ozean und die daran angrenzende Wasserwelt das Ding zum Mitschwimmen. Und für die Form bedeutet das eben: Vollständige Anschlussfähigkeit, volle Biegsamkeit, absolute Durchlässigkeit. Daran erinnerte zum Ende des Jahres noch einmal Oscar Niemeyer. Der 104 Jahre alte Architekt, der die Hauptstadt Brasiliens praktisch alleine konzipierte, gilt als einer der wichtigsten Baumeister der Moderne. Zum Ende diesen Jahres feierte er, weiß Gott warum, mit Converse einen Sneaker, den er für das Label designt hatte. Den Stoff des Chuck Taylor All Star Hi ziert der berühmte Satz des brasilianischen Architekten: “Der rechte Winkel zieht mich nicht an, und auch nicht die gerade, harte inflexible Linie, die der Mensch geschaffen hat. Was mich anzieht, ist die freie und sinnliche Kurve, die ich in den Bergen meines Landes finde, im mäandernden Lauf seiner Flüsse, in den Wolken des Himmels, im Leib der geliebten Frau (…).” Perfekte Biegsamkeit, Natur, Flüsse, Menschen, Be Water my friend, Très Chic!

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Elektronische Lebensaspekte.