Stilikone Grimes hatte die Apokalypse schon hinter sich
Text: Jan Kedves aus De:Bug 168

John Londono

John Londono

Niemand kraulte dieses Jahr eleganter durch die Sintflut der Styles als
die Dekontextualisierungs-Meisterin Claire Boucher aka Grimes.

Der diesjährige Aufstieg Claire Bouchers zur Stil-Ikone hatte am allerwenigsten damit zu tun, dass Victoria Beckhams Spring-Summer-Kollektion 2013 in New York zu den Tracks “Oblivion” und “Genesis” gezeigt wurde. Was fand nun ausgerechnet Posh Spice, die als Designerin für vollendete Langeweile steht, am irisierenden DIY-Pop der kanadischen Seapunk-Warrior-Queen? Sollten cremefarbene Ledersandalen und transparente Tüllblusen tatsächlich mit ihr korrespondieren? Zunächst muss man wissen, dass Claire Boucher ihr musikalisches Konzept – Do it yourself bzw. Decontextualise yourself – konsequent aufs Feld der Mode überträgt. Genau so, wie sie als Produzentin im Heimstudio Enya, Mariah Carey und Aphex Twin mit New Jack Swing durchnimmt, ohne dass der Mix bröselt, sieht sie auch aus: wie ein supercooler Female Nerd, dem Referenzen viel bedeuten, aber bestimmt nicht so viel, dass er dafür eine dicke Brille anziehen würde. BOY- oder PUSSY-Cap zu Kimono, Bart-Simpson-Jumper zu Blümchenrock und Gothic- Skelett-Handschuhe zu Plateau-Raver-Boots. Dieses immer knapp am Scheitern vorbei kombinierte, niemals “anything goes” zulassende Stil-Mismatching legt nahe, dass Boucher sich die ass kicking girls der letzten Jahre angeschaut hat, Lisbeth Salander und Yo-Landi Vi$$er, aber auch Tank Girl. Nicht anders sind ihre Kombinationen aus Camo-Fallschirm-Anorak und schwarzem Netz-Shirt zu er- klären, oder ihr gesamtes “Genesis”-Video, in dem sie mit ihrer Crew im Hummer (statt im Tanklaster) durch die Wüste rast und ein riesiges Ritterschwert schwingt. Überhaupt waren rasende Frauen in Wüsten 2012 ein großes Thema, siehe M.I.A.s von Romain Gavras gedrehtes “Bad Girls”-Video. Toughe Riot-Mädchen beim Endzeit-Game, in hypersouveränen Looks.

Wunder, Witch House, Weltuntergang
Über allem thront bei Grimes dieser Bettie-Page-Pony, der in Coiffeur-Kreisen “baby bangs” heißt und Bouchers Dekontextualisierungskünste unterstreicht, denn bei ihr hat es überhaupt nichts Erotica-haftes mehr und schon gar nichts von Retro. Mit genau diesem Pony erzielte Boucher denselben Effekt wie Lady Gaga am Anfang mit ihrer Ansteck-Haarschleife: Sie paradierte diese ikonischen Frisur solange unverändert herum, bis sie sich in alle Köpfe eingebrannt hatte. Erst dann fing sie an, sie alle 15 Minuten zu updaten. Bouchers Pony war erst rosa, rosa, rosa – dann braun, blond, blau, oder alles auf einmal: am Ansatz rosa, dazwischen blond und an den Spitzen schlammgrün, in verwaschenen Verläufen. Sah Boucher damit nicht ein bisschen aus wie jemand, der gerade durch die Sintflut gekrault ist? Das passte in ein Jahr, in dem – Maya-Kalender hin oder her – jeder irgendwie auf den Weltuntergang zu warten schien. Grimes hatte die Apokalypse sozusagen schon hinter sich. Kein Wunder, dass sich die internationalen Modemagazine um sie rissen. Endlich hatten die jemanden gefunden, mit dem sich diesem komischen Musikding, von dem die schlaue Jugend dauernd redet – Witch House, Hypnagogic Pop, Seapunk? –, ein hübsches, modisch formbares Gesicht geben ließ. Doch muss man sagen: Bei den Hochglanz-Shootings, die Boucher mitmachte, war auch Stuss dabei. Ihre Hedi-Slimane-Fotos mit Givenchy-Tribal-Schmuck im Gesicht: okay. Aber als Model fürs New York Times Magazine, von Kopf bis Fuß brav in Céline? Und dann auch noch im September das gemeinsame Foto mit Sky Ferreira und Charli XCX für das Cover der “Youth Quake Issue” des V Magazine. Darauf erkannte man sie gar nicht mehr. Der Pony: weggegelt. Das Make-up: tussig. Das Styling: null Grimes. War Boucher hier schon zum herkömmlichen Pop-Starlet geworden, das alles mit sich machen lässt? Schließt sich so der Kreis zu Victoria Beckham? Nicht ganz: Für Beckham war selbstbestimmtes, cooles Frau-Sein von Anfang nichts als eine Pose, die sich unter der Regie anderer einnehmen ließ, zum Beispiel als sie 1994 – noch bevor sie sich mit den Spice Girls im Majorlabel-Auftrag ans Riot- Grrrl-Movement dranhängte – für die Hauptrolle in der missratenen Hollywood- Adaption von Tank Girl vorsprach (auf YouTube steht der Beweis). Beckham stand so gesehen schon immer für eine Inszenierung von DIY nach Industrievorgaben. Bei Grimes ist es genau andersrum: Ihr Auftauchen auf dem Cover des V Magazine beweist, wie schnell man es mit DIY in die Industrie schaffen kann, wenn man nicht immer nur safe fährt und bereit ist, sogar die Tussi mit ins Repertoire zu nehmen. Decontextualise yourself!