Business as usual bei den US-amerikanischen Serien. Bis auf "The Newsroom".

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(Emily Mortimer als Mackenzie McHale in The Newsroom. Bild: HBO)

Kürzlich lamentierte Sarah Kuttner im zweiten öffentlich-rechtlichen Experimentierfernsehen NEO darüber, dass es in Deutschland keinen echten Widerstand gegen das System, die Zustände, die Wirklichkeit mehr gäbe, was maßgeblich daran läge, dass wir voll und ganz damit beschäftigt seien, uns die neuesten US-Serien aus dem Netz zu ziehen. 2012 wurde aus dieser – ausgesprochen dämlichen – Prämisse zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder ein einigermaßen nachvollziehbarer Schuh, auch wenn die US-amerikanischen Networks immer noch meilenweit von der Form entfernt sind, die noch vor einigen Jahren ihren Ruf eines New Hollywood 2.0 begründeten.

In der Saison 2012/2013 gilt vor allem: Business as usual. Die Absätze von Piper Perabos Schuhen sind immer noch viel zu hoch (“Covert Affairs”) und Tyrion Lannister immer noch der größte Zwerg (“Game of Thrones”), die US-Regierung verschwört sich gegen das eigene Militär (“Last Resort”, Bonus: Hawaii im Post-Lost-Stadium kommt wieder zum Einsatz, Andre Braugher als Captain Chaplin ist großartig, warum die ganze Serie jedoch nachsynchronisiert wurde, bleibt unklar), Sherlock Holmes lebt jetzt in New York, ist mit seinem iPhone aber nicht halb so lässig unterwegs mit Benedict Cumberbatch im BBC-Original (“Elementary”), Carrie Mathison ist nicht verrückt, aber schaut verdammt irre drein (“Homeland”), Jax Teller will das Gute und steigert den Blutzoll (“Sons of Anarchy”, allein wegen der Party-Exzesse von Rockeroma Gemma aka Ex-Peggy-Bundy sehenswert) und J.J. Abrams verstrickt sich in einem hoffnungslosen Steampunk-Apokalypsen-Debakel (“Revolution”), in dem Elisabeth Mitchell wirklich nur von der Ersatzbank mitspielen darf. Da ist es fast erfreulich, dass sich James Caviezel in der zweiten Staffel von “Person Of Interest” sein notorisches Nuscheln nicht abgewöhnen musste und Michael Emerson (Benjamin Linus aus “Lost”, wir erinnern uns) zu noch größerer Form aufläuft.

Spezialeffekt Dialog
Doch es ging auch voran. In einem kleinen und gleichzeitig umso größeren Schritt. Dafür musste ein alter Hase reaktiviert werden, der aktuell eigentlich damit beschäftigt ist, das Leben von Steve Jobs zu verfilmen: Aaron Sorkin. Mit Shows wie “The West Wing” oder “Studio 60” kultivierte er eine Art des Fernsehens, das dem eigentlichen Sinn und Zweck dieses Mediums – kurzzeitige Zerstreuung – konträr entgegensteht. Sorkin ist anstrengend. Seine Spezialeffekte sind die Dialoge, die, präzise bis auf den letzten Seitenhieb geplant, oft minutenlang um kleinste Details kreisen. Details der US-amerikanischen Wirklichkeit, warum es nicht weiter verwundert, dass “The West Wing” nicht in voller Länge bei uns lief und “Studio 60” schon gar nicht. Wir haben doch unsere eigenen Probleme. Für HBO konzipierte und schrieb Sorkin “The Newsroom” und besann sich damit auf die erzählerischen Qualitäten des Fernsehens aus einer Zeit, an die wir uns kaum noch erinnern können. Und ist damit ironischerweise ganz bei Sarah Kuttner. Die Serie beschreibt den Neustart einer abendlichen Nachrichtensendung auf einem fiktiven Kabelkanal, jede Episode wird bestimmt von einem tatsächlichen innen- oder außenpolitischen Ereignis. “The Newsroom” ist brillant besetzt: die fantastische Emily Mortimer spielt die von langen Einsätzen im Irak ausgelaugte Produzentin der Show, Jeff Daniels den Anchor, Dev Patel den Social-Media-Manager, Olivia Munn die Wirtschaftskorrespondentin.

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(Jeff Daniels als Will McAvoy und Sam Waterston als Charlie Skinner. Bild: HBO)

Mündige Bürger
“The Newsroom” richtet sich an den Gutmenschen in uns. Das ist nicht schleimig, sondern wichtig. In den USA genau wie in Europa. Denn die objektive Berichterstattung liegt am Boden und wenn die Menschen nicht mehr gut informiert sind, können sie auch nicht reagieren. Das ist der Ausgangspunkt der Serie, der Kampf für die Veränderung dieses Zustands ihr Motor. Damit beschreibt Sorkin die Misere unserer Wohlstandsgesellschaft einerseits, die der Medien andererseits: Haltung und Meinung gegen glückliche Werbekunden, gute Quoten gegen die Entscheidung gegen die “weichen Themen” (ja, die Ölplattform Deepwater Horizon explodierte an dem Tag, als auch der Prototyp des iPhone 4 in einer Bar verloren ging). Sorkin wäre nicht Sorkin, wenn ein kontinuierliches Republikaner-Bashing selbst innenpolitischen Themen, die es nicht in die europäischen Medien geschafft haben, genug nachvollziehbaren Swing verleihen würde, um sofort mitdiskutieren zu wollen. Um sich angesprochen, betroffen zu fühlen. Denn schon nach einer Folge der Serie hat man das Gefühl, wieder gut informiert zu sein. Mehr noch: Man ahnt, was man vermisst hat. Das ist viel mehr als nur klare Worte im richtigen Moment. Objektivität ist nicht alles.

Kopf auf, Blödmann
Sorkin braucht fünf Minuten, um die Tea Party zu dekonstruieren und komplett lächerlich zu machen. Mit einer Leichtigkeit und Nachdrücklichkeit, die so im Fernsehen nicht mehr stattfindet. Und genau das ist der Kern von “The Newsroom”. Es ist ein Appell, sich wieder einzumischen, zu interessieren, Meinungen der Gegenseite nicht von vornherein zu verdammen und sich ein möglichst objektives Bild zu machen. Die große Parabel unserer Gesellschaft, kein kitschiges Klischee. Das kommt fast immer brillant, hin und wieder aber leider auch ein wenig hölzern daher. Hölzern, wenn die Schauspieler plötzlich aus sich raus sollen (HBO, Kabelkanal, Hey, da kann man ja Dinge sagen wie “Let’s put your good looks to some patriotic fucking use”) oder wenn das Gleichgewicht zwischen tiefer, spannend arrangierter Politkrise und dem Sorkin-typischen Slapstick für einen Moment aus den Fugen gerät. Doch selbst das ist noch besser als alles andere, was die US-Networks dieses Jahr auf die Beine gestellt haben. Speaking truth to stupid. Das ist wichtiger denn je. Die zweite Staffel läuft ab dem Sommer 2013.

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2 Responses

  1. Milka

    Schlechter kann man im Grunde genommen nicht über Serien schreiben.

  2. Justus

    Schön zusammengefasst! Bis auf das Fehlen von Rick & seinen Zombie-Freunden (Coolster Vorname: Merle) für mich ok.