US-Wahlkampf: Demokratie nicht mehr privat
Text: Elisabeth Giesemann aus De:Bug 168

Bild: Rob Shenk

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Nach Obamas Wiederwahl gab es in den USA viele strahlende Gesichter, aber wohl niemanden, der so gründlich Recht behalten hatte wie Nate Silver, Autor des Blogs Fivethirtyeight und Kontrahent der amerikanischen Po- litikkommentatoren und vermeintlichen Experten auf FoxNews, CBS und CNN. Silvers Blog fand nach seiner erstaunlich akkuraten Prognose der Wahlergebnisse 2008 bei der New York Times ein publizistisches Zuhause, 2012 hat man sich dort sogar selbst übertroffen: Silver lag bei allen 50 Bundesstaaten mit seiner Prognose richtig.
Während die Kommentatoren der TV-Sender von einem “messerscharfen Rennen” sprachen, ließ Silver, der seine Skills beim Online-Poker und der Analyse von Baseball- Statistiken schärfte, zusätzlich Daten von Meinungsforschungsinstituten wie Gallup und der American Research Group sowie demographische Kennzahlen in seine Prognosen einfließen. Dadurch konnte er präzisere Aussagen erstellen als die Kollegen großer Medienhäuser und das auch noch verdammt frühzeitig: Bereits Wochen vor der Wahl prognostizierte er richtig, dass Obama weiterhin im West Wing residieren wird.

Data-Mining
Informationen über die Wahlteilnahme einzelner Bürger sind in fast allen Bundesstaaten der USA öffentlich zugänglich. Für welche Partei gestimmt wird, bleibt vorerst privat, kann allerdings durch die Analyse von Einkommen, Religionszugehörigkeit sowie Konsum- und Freizeitver- halten leicht erschlossen werden. Bei dieser Profilerstellung der Wähler und Nichtwähler war das Team um Nate Silver natürlich nicht allein. Votebuilder ist der Name der Datenbank der Obama-Kampagne, Voter Vault das republikanische Pendant. Neben den Daten der Meinungsforschungsinstitute kaufen die Kampagnen Informationen von kommerziellen Data-Mining- und Marketingdienstleistern wie InfoUSA, die ihre Informationen von Zensusdaten, Post- und E-Mail-Tracking sowie der Analyse des Onlineverhaltens durch Web Bugs gewinnen. Die Daten werden von Voter Vault und Votebuilder geographisch gefiltert, um das Microtargeting zu ermöglichen, das das Auffinden und Anschreiben noch unentschiedener Wähler vereinfacht. Die Strategie kam auf nationaler Ebene
zur Wiederwahl George W. Bushs zum ersten Mal zum Einsatz, und laut der Slate-Kolumnist Sasha Issenberg wurde das mittlerweile um ein vielfaches verfeinerte Microtargeting im Jahr 2012 zu einem entscheidenden Vorteil für die demokratische Partei. Während sich die republikanischen Kandidaten noch in der Vorwahl gegenseitig diskreditierten, lief auf der Seite der Demokraten bereits Votebuilder heiß. Die Get-out-the-vote-Kampagne war vor allem darauf ausgelegt, bisherige Nichtwähler telefonisch, per Post und in sozialen Netzwerken zu erreichen. Um zum Gang ins Wahllokal zu motivieren, wird auch nicht vor sozialpsychologischen Taktiken und Gruppenzwang zurückgeschreckt. Die liberale Non-Profit-Organisation MoveOn versandte an zwölf Millionen potenziell progressive Wähler Briefe mit Voting Scores, in denen das eigene Wahlverhalten visualisiert wurde. Die konservative Organisation Americans For Limited Government verschickte E-Mails, in denen das demokratische Pflichtbewusstsein des Empfängers in einem Ranking mit dem der Nachbarn verglichen wurde. Dass einige derart unter sozialen Druck gesetzte Wähler mit Morddrohungen antworteten, ist wenig erstaunlich.

Personalisiertes Bauchpinseln
Hatte man sich einmal darum bemüht, Mitt Romneys offizielle Haltung zur Einkommenssteuer auf seiner Webseite zu recherchieren, sorgten im September vierzig Tracker-Programme dafür, dass man auch weiterhin von Anzeigen mit Spendenaufforderungen und Lobpreisungen der Familienwerte eingedeckt wurde. Laut Datenschutzfirma Evidon befanden sich auf der Seite der Obama-Kampagne mit 76 Trackern mehr Web Bugs als auf der des Elektronikgiganten Bestbuy. Ist der Cookie erst auf dem Computer, können die Kampagnen ihre Anzeigen individuell auf das Profil des Targets abstimmen, wodurch Wähler unterschiedliche, der Situationen angepasste Werbespots zu sehen kriegen. Gleichzeitig fallen in den Datenbanken der Kampagnen oftmals ganze Bevölkerungsgruppen aufgrund demographischer Angaben und parteifernem Profil durchs Raster. Da kein Anruf der Republikaner an die vegane Kommunikationsdesignerin an der Ostküste verschwendet wird, bekommt diese daher tagtäglich ein vollkommen anderes Weltbild bestätigt als der SUV-fahrende Redneck. Durch diese Individualisierung der Wahlwerbung vergrößert sich natürlich der Graben zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Was gut für die Parteien ist, ist eben nicht immer gut für Demokratie.

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