Stahlbad des Fun
Text: Sulgi Lie aus De:Bug 168

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Superhelden, Aliens und der Weltuntergang. In Hollywood gaben 2012 die üblichen Themen den TonSuperhelden, Aliens und der Weltuntergang. In Hollywood gaben 2012 die üblichen Themen den Ton an. Am Ende kriegen nur zwei Filme die Kurve.

Vom kinophoben Adorno ist das Bonmot überliefert, dass er trotz aller Wachsamkeit das Kino als dümmerer Mensch verlasse. Lässt man einige von Hollywoods schlimmeren Blockbuster-Produktionen diesen Jahres Revue passieren, möchte man Adorno recht geben. Denn was soll man Positives sagen vom Intelligenzgrad einer Kulturindustrie, die allen Ernstes das hochkomplexe Kinderspiel “Schiffe versenken” mit dreistelligem Millionen-Etat verfilmt? So geschehen bei “Battleship”, dem vielleicht unseligsten Tiefpunkt eines insgesamt seltsamen Blockbuster-Jahres. In einer üblen Melange aus militärisch-industrieller Kriegsgeilheit und den immer gleichen Spezialeffekten kämpfen auf hoher See tapfere US-Soldaten mit ihren hochgerüsteten Kriegsschiffen gegen fiese Aliens.Dass der Film fast wie ein Plagiat von Michael Bays “Transformers”- Reihe anmutet, ist kein Zufall, steht doch in beiden Fällen das aggressive Branding des Spielzeugkonzerns Hasbro im Zentrum. Gab es früher Spielzeug zum Film, so ist es nun umgekehrt. Stahlbad des Fun, hätte Adorno dazu gesagt. Inmitten dieses infantilen Stahlgewitters versucht “Battleship” dann noch auf besonders dreiste Art und Weise, einen ziemlich debilen Jungschauspieler als neuen Star zu launchen: Der kanadische Newcomer mit dem sprechenden Name Taylor Kitsch hat einen gehärteten Body und eine tiefer gelegte Bass-Stimme, aber schauspielerisches Talent geht ihm ebenso ab wie seinem Namenskollegen Taylor Lautner. Um seine Talentfreiheit zu untermauern, hat er 2012 noch in zwei weiteren Produktionen agiert, die an Peinlichkeit kaum zu überbieten sind: “John Carter” – hanebüchener Fantasy-Trash aus dem Hause Disney und “Savages”, einem möchtegerncoolen Drogenthriller mit abgegraster Effekthascherei, mit dem sich Oliver Stone wohl endgültig als ernstzunehmender Regisseur verabschiedet hat.

Exzess und Effekt
Zu den etwas minderbemittelten Jungstars gehört auch der Australier Sam Worthington, der seit “Avatar” nur im teuersten Blockbuster-Segment agiert, obwohl oder weil ihm kaum je ein interessanter Ausdruck über sein apathisches Gesicht huscht. Das beweist er auch in “Wrath Of The Titans”, dem Sequel zu dem wenigstens halbwegs unterhaltsamen “Clash of the Titans”. Dass antike Mythologie auf unterstem Niveau verramscht wird, ist hier nicht das Problem, vielmehr sind es elaborierte Dialoge wie: “There is monster!” – “Okay, let’s move!”, die es nicht einmal zu unfreiwilliger Komik bringen. Überhaupt geht auch im Hollywood des Jahres 2012 nichts ohne Sequels: kaum ein Blockbuster, der nicht möglichst risikolos das Erfolgsdesign des Vorgängers weiterstrickt, oder zumindest auf marktlogisch sichere Weise einen Comic adaptiert. So versammelt “Avengers” alle bisherigen Superhelden aus den Marvel-Filmen zu einem großen Stelldichein, aber außer dieser Addition und Akkumulation fällt dem Film auch nichts mehr ein. Wenn Thor, Iron Man, Captain America und wie sie alle heißen in einer ermüdenden Materialschlacht aufeinandertreffen, gelingt “Buffy”- Schöpfer Joss Whedon kaum eine überzeugende Action- Choreographie. 300 Millionen Dollar verschlingt ein Film wie “Avengers” mittlerweile an Produktionskosten, aber das Mehr an Geld, Exzess und Effekten verliert im sinnlosen Overkill jede poetische Spezifik. Ein weiterer Trend des Blockbuster-Jahres 2012: back to the 90s. Nachdem die 80er-Jahre auch in Hollywood ret- ro-mäßig ausgeschlachtet wurden, scheinen nun die 90er an der Reihe zu sein. Das schon 1997 nur mäßig witzige Sci-Fi-Comedy-Schema von “Men in Black” wird auch in Barry Sonnenfelds Update kaum modifiziert. “Total Recall” war ein weiteres 90s-Remake, in diesem Fall von Paul Verhoevens Sci-Fi-Klassiker mit Arnold Schwarzenegger. Len Wiseman hat dem Original leider seine ganze böse Ironie ausgetrieben und hetzt den dackeläugigen Colin Farrell mit Gedächtnisstörung durch eine schamlos von “Blade Runner” geklaute Future City. Im Gegensatz zu den obigen Filmen ist “Total Recall” zwar kein Totalausfall geworden, aber Wiseman erweist sich nach “Live Free And Die Hard” ein weiteres Mal als ein eher grobschlächtiger Action-Mechaniker. Ein Action-Held mit Amnesie ist auch Jason Bourne, den Matt Damon unter der Regie von Paul Greengrass mit eisenharter Präzision zur Legende machte. Für “The Bourne Legacy” sind nun Damon und Greengrass abgesprungen, leider mit desaströsen Folgen. Jeremy Renners physische Präsenz macht sich zwar gut, aber leider hat mit Tony Gilroy ein talentfreier Langweiler den Regiestuhl übernommen: umständlich schwerfällige Dialoge, Verfolgungsjagden ohne Timing – die “Bourne”- Trilogie hätte wirklich einen würdigeren Nachfolger verdient. Ob es dem vierten “Spider-Man”-Film gelingt, an den Glanz der Vorgängerfilme anzuknüpfen, kann ebenso mit guten Gründen bezweifelt werden. Immerhin gibt Andrew Garfield mit seinem jugendlich ungelenken Körper dem unfreiwilligen Superhelden einen sympathischen Nerd-Touch.

Klügere Filme, klügere Menschen
Bei so viel Tristesse sorgten 2012 nur die großen Blockbuster- Auteurs für Lichtblicke, obwohl auch sie allesamt Sequels und Remakes ablieferten: David Fincher und Christopher Nolan. Finchers Stieg-Larsson-Verfilmung “The Girl With The Dragon Tattoo” hält sind eng an die schwedische Erstverfilmung und ist trotzdem nicht damit zu vergleichen. Ein Meisterstück an Erzählökonomie. So drosselt Fincher im ersten Teil zunächst das Tempo, um umso furioser eine Kaskade von Überwachungs-Montagen zu entfesseln, deren Sog man sich kaum entziehen kann. Zudem beweist Fincher ein weiteres Mal, dass er wie kein anderer Regisseur das Potenzial von High-Definition-Kameras zu nutzen versteht: ein visuelles Design der Kälte, das uns digital frösteln lässt. Im Gegensatz zu Fincher ist Christopher Nolan ein ausgesprochen analoger Filmemacher: “The Dark Knight Rises” ist im klassischen 35mm-Format gedreht, dunkel und düster wie ein altes Ölgemälde. Obwohl Nolan im Figurengewirr und im Revolutionsgetümmel manchmal den Überblick verliert und der Film nicht die Stringenz seines Vorgängers hat, gibt es einige große Momente: die Flugzeugentführung am Anfang, in der sich Nolan wieder einmal als virtuoser Konstrukteur filmischer Schwerkraft erweist und vor allem die Explosion des Footballstadions, in der plötzlich Hans Zimmers Soundtrack aussetzt und in völliger Stille eine Konfrontation zweier Stimmen in Szene gesetzt wird. Die unschuldige Stimme des Jungen, der die amerikanische Hymne singt und die elektronisch verzerrte Stimme von Bösewicht Bane. Und das Ende des Films ist mindestens so trügerisch wie das von “Inception”. Fincher und Nolan machen Blockbuster-Kino, das die Intelligenz des Zuschauers nicht beleidigt. Wir verlassen das Kino als klügere Menschen.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. kino

    Leider kein Blockbuster und nicht wirklich Superheld, aber ein super 90er Jahre Remake: Dredd 3D

    ganz großes Kino!