Gabba Gabba Bling
Text: Alexandra Dröner aus De:Bug 168

Bild: Bibi Cornejo Borthwick

Bild: Bibi Cornejo Borthwick

Venus X haut der Welt megastressige Cut-Up-DJ-Sets um die Ohren und auf die Trendmütze: globalisierter Sound jenseits des Schnell-Langsam-Kontinuums, der tödliches Popstar- Kopfweh verursacht, weil Ruhm und Geld getrennte Weg gehen.

Ein Blick auf Twitter, ein Blick auf die Uhr: Noch zu früh in New York, Venus X ist noch nicht online. Wäre sie es, würde sie uns in Großbuchstaben universelle Wahrheiten aus ihrem Leben als rebellischer Celebrity-DJ entgegenschleudern oder Bilder von kunstvoll lackierten Fingernägeln, niedlichen Neffen oder sich selbst in aller Privatheit instagrammen. Twitter ist eine öde Müllhalde, solange Venus schläft. Vor ein paar Wochen trafen wir uns noch in Berlin, schwitzend, im zu grellen Licht eines verirrten Herbstsommertages, um über Musik zu sprechen, das Jahr Revue passieren zu lassen, abzunerden. Jazmin Venus Soto mixt Al-Jazeera-Nachrichten-Schnipsel, Shampoo-Werbe-Jingles oder libanesische Folklore-Mash-Ups in ihre Hipster-Sets und Hipster, meine Damen und Herren, übersetzt sich in diesem Fall mit Club-Avantgarde. Venus kennt sie al- le, die angesagten Stars und Sternchen aus Musik, Mode und Kunst, weil alle sie ken- nen wollen und sie umschwärmen als engelsgesichtige Hohepriesterin der Coolness, als orakelnde DJ-Göttin.

Ja, aber nein, aber ja, aber nein!
Das Monster, das Venus X und ihre Freunde Shane und Physical Therapy vor drei Jahren in New York mit ihrer gehypten Partyreihe “Ghetto Gothik” geschaffen haben, hat Venus zu internationaler Popularität ver- holfen und sie gleichzeitig in kürzester Zeit die Schattenseiten einer überhaste- ten Spektakel-Industrie gelehrt, die so be- zeichnend sind für das vergangene Jahr. “Alle haben es wahnsinnig eilig”, fasst Venus die Crux der Szene zusammen und spricht lange über die Kinder-Rapper, die ganz schnell ganz groß sein wollen und sich selbst der Industrie zum Fraß vorwerfen, eine ganze Generation verpasster Paradigmen-Wechsel. Venus’ ununterbrechbarem Fluss von Einordnungen, Kritik, Selbstdarstellung, Verletzlichkeit und Lebensphilosophie zu folgen, erweist sich als so unterhaltsam wie tückisch: Hat sie nicht gerade noch das Gegenteil gesagt? Hat sie, denn sie weiß: “Ich bin ein kontro- verser Mensch.” Sie verspürt keinen wirklichen Respekt vor den meisten Popstars und möchte trotzdem einer sein, aber bitteschön in ihrem eigenen Tempo und nach ihren eigenen Regeln. Die Grundfrage zu ihrem Masterplan lautet: “How do I make it like Lil-Wayne-cool to do what I do?” So cool wie der meistgespielte Artist im Radio, der mit der größten Reichweite. Dazu be- darf es vorsichtiger Planung, Fürsorge und vieler Neins – ein Weg, den kaum mehr je- mand geht.

Kulturpessimismus 2012
Venus erzählt von ihrer Freundin Kreayshawn, die ihrem eigenen Hype zum Opfer gefallen ist, wie so viele. Der One-Millionen-Dollar- Plattendeal, den Columbia Records ihr Ende 2011 nach dem viralen Mega-Erfolg ihres selbst gemachten Videos zu “Gucci Gucci” anbot, resultierte in diesem Sommer in einem hastig zusammengeschusterten Album, das laut Venus gerade mal 3000 Kopien verkauft hat. Kreayshawn – out. Die rasende Geschwindigkeit, mit der sich Labels, aber auch die gleichwohl hochkommerzialisierte Kunst- oder Modewelt noch dem kleinsten vielversprechenden Trend ermächtigt und ihre damit erworbene Credibility über alle Kanäle in die Welt hinausposaunt, führt zu Szene-Kleinkriegen, zerbrochenen Freundschaften und Massen von Copycats, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Solange bis niemand mehr das Original von der Fälschung unterscheiden kann und nichts bleibt als Misstrauen. Show me the money. Das ist 2012.

All die dummen Mädchen
Venus ergreift der gerechte Zorn. Fast täglich. Über all die dummen Mädchen, die ihre nackte Haut zu Markte tragen, über Vampire wie Diplo, mit seinem Keller voll ausgesaugter Weltmusik-Leichen, über die verpfuschte Karriere von Lil Kim, den Frauenhass im Allgemeinen und in der Schwulen-Szene im Besonderen oder der fehlenden Unterstützung aus dem ehemals eigenen Lager. Wer war eigentlich ihr Lieblingsact in diesem Jahr? “Sasha Go Hard! Sie ist smart und sehr klar in ihrer Sprache und Aussage. Sie glorifiziert nicht irgendeinen Scheiß, den sie gar nicht erlebt hat und sie ist niemals kleingeistig oder engherzig in ihrer Musik. Sie sagt ‘Ich bin eine Frau, und das ist hart’. Ich liebe sie, ich hoffe sie kommt weiter.” Damit wären wir ganz einer Meinung, und nächstes Jahr machen wir das Ganze noch mal, falls Venus dann nicht schon mit Rihanna auf Barbados im Studio sitzt.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.