Es wirkt so, als würde der DJ-Mix zunehmend ins Belanglose abdriften. Flohmarkt, Netz und Ebay blühen und die Ernte wird häufig nahezu wahllos übereinander geschmissen, direkt neben die besten Hits neuerer Genres. DJ-Sets aus Kraut und Rüben statt separierter Selektion und talentiertem Mixen - wo bleibt der Flow?
Text: Clara Völker aus De:Bug 84

Die Rückkehr der Dorfdisko
Wissen im DJ-Mix

Gerade in letzter Zeit scheint es in gewissen Kreisen zum guten Ton zu gehören, seine musikalische Vielseitigkeit öffentlich zu präsentieren. Dummerweise bleibt diese wissensgepfropfte Musikdemonstration nicht da, wo sie eigentlich hingehört: im relativ privaten Raum, z.B. verbalisiert in Netzen oder akustisch auf eigens kompilierten, selbst gebrannten CDs für die befreundeten Unwissenden, sondern gelangt an Orte, bei denen man hoffte, davon verschont zu bleiben: in Clubs. Dabei gab es doch eigentlich mal einen kleinen, aber feinen Unterschied zwischen urbanen Clubs und Diskos, wie sie in jeder größeren Kleinstadt anzufinden sind: Im Club legt ein DJ Schallplatten auf, mixt diese ineinander und prägt damit einen eigenständigen Sound voller Referenzen, Bruchstücken und neuen Impulsen. In der (Dorf-)Disko dagegen steht der so genannte Diskjockey hinter den CD-Decks und spielt meist recht zufällig all das, was die Leute eh schon kennen und hören möchten, inklusive Stücken aus der ausliegenden Wunschliste: einen großen Kessel Buntes, der für alle da ist und allen gefallen soll. Im Club dagegen, so dachte ich bisher, würde man idealer Weise jemanden Schallplatten spielen hören, die einen nicht deswegen zum Bleiben und Tanzen animieren, weil man sie eh schon kennt, sondern weil sie frisch oder rar sind und in einer umwerfenden Kombination so ineinander gemischt werden, dass der ganze Raum nur noch einen Vibe atmen kann. Im Gegensatz zur Disko schien mir der Club nicht primär ein eher geschmackloser Abschlepport zu sein, bei dem die Musik nur ein nebensächliches Rahmenprogramm ist, sondern ein kurzlebiger Mikrokosmos, in den man nach Belieben und intensiv eintauchen kann, und in dem man Teil von etwas Lebendigem ist, das gerade in diesem Moment passiert: einem so ausgewählten wie spontanen und nicht nur, aber hauptsächlich musikalischen Mix.

STÜMPER-SCHWEMME
Mit der allgemeinen Zugänglichkeit von immer mehr Musik scheint sich das jedoch geändert zu haben. Es grassiert eine zunehmende Flut an DJs, die von Reggae bis Elektro, Neo-Soul bis House, HipHop bis Techno eigenen Aussagen zufolge einfach alles drauf haben. Mag ja sein, dass ihre Musiksammlung nicht nur ein Genre umfasst, was bei den meisten DJs, die hauptsächlich einen Style auflegen, ja auch eher selten der Fall ist, die Versatilität dieser DJs ist jedoch oft die eines buchhalterischen Chronisten. Man hört immer mehr einigermaßen musikwissende Menschen in unglaublich schlechter Weise Platten aneinander kleben, die man lieber unter anderen ihresgleichen in einem smoothen Mix hören würde, als ohne Gefühl für den Spannungsbogen, der einen DJ-Mix mit ausmacht, tempobedingt aneinander gesteckt. Hierbei demonstrieren diese DJs gerade nicht den intendierten Weitblick, sondern einen kurzsichtigen und oft konservativen Rundumschlag mit dem eklektizistischen Charme eines Reihenhauses. Die sich ausbreitende Kombinationsbegeisterung vermeintlich multitalentierter Tanzjockeys zeugt in erster Linie von egomanem Stümpertum. Klar, Rock, Soul, Jazz, Funk, Punk etc. haben alle ihren Einfluss auf ihre Hörer und heutige Produzenten hinterlassen, das ist bekannt, aber noch lange kein Grund, rückblickend und nostalgisch immer wieder dieselben Breaks und Hits abzufeieren, bis sie einem aus den Ohren rausquellen. Vor allem wenn bei diesem Style-Mix der Flow fehlt. Natürlich können ein paar Classics ein Set massiv aufwerten, indem sie Erinnerungen wachrufen bzw. für andere neu klingen, die hohe Kunst, z.B. Breaks den Leuten geschickt und ohne Lehrerappeal unterzumischen, wird jedoch von den wenigsten verstanden. Ein prägnantes Set voller alter Perlen kann absolut begeistern, Cratediggertum ist in jeder Hinsicht cool. Eine zu wahllos oppulente Mischung populärer Tanzmusikstile killt jedoch jeglichen Vibe. Oberflächliches und wiederholtes Genre-Ankratzen ist überflüssig. Weniger ist in dieser Hinsicht mehr.

GENRE-SPEKTREN
Denn viele DJs übersehen, dass auch einzelne Genres ein breites Spektrum möglicher Platten bieten, die gespielt werden können. In jedem Musikstil gibt es genug neue oder spannende Musik, die weder die Party killt, noch den Raum in Eiszapfen verwandelt, also problemlos aufgelegt werden könnte. Leider werden solche unbekannteren Stücke im Zuge der sich einschleichenden biederen Stagnation und vermeintlichen Musikoffenheit viel zu selten eingesetzt, sondern stattdessen auf Altbewährtes und teilweise sehr Abgedroschenes zurückgegriffen. Etwas neugierige Risikofreude wäre da sicher nicht verkehrt. Schließlich kann man ein halbherziges Gewäsch mit den besten Hits der 70er, 80er, 90er und von heute auch im Radio oder eben der Peripherie hören. Es ist langweilig, die musikalische Breite eines Allround-DJs in zwei Stunden im Club präsentiert zu bekommen. Als DJ muss man weder Wissen beweisen, noch so tun, als würde die letzte Nacht, wenn sie es denn wäre, davon profitieren, in einem schlechten Megamix zu enden. Ein flowendes Funk-Set kann ebenso entzücken wie ein groovendes House- oder ein flüssiges HipHop-Set. Ein gelungenes Set muss nicht genreübergreifend sein, ein guter DJ-Mix fließt in Kurven und fängt bestenfalls alle Hörer ein, auch solche, die den jeweiligen Musikstyle sonst vielleicht nicht besonders schätzen. Bei der anhaltenden Dorfdiskoisierung ist es immer öfter ratsam, das Ausgehen genau zu planen oder es einfach sein zu lassen, bis die Schwemme der Ich-kann-nichts-und-mach-alles-DJs neue Interessen entwickelt hat und der Raum wieder freier ist für realeren Shit.

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Elektronische Lebensaspekte.