The Sea and Cake sind neben Tortoise die profiliertesten Post-Rocker aus Chicago. Ihre softfolkigen Dekonstruktionen suchen immer die Melodie im Herzen des Songs. Damit haben sie sich in die Herzen vieler Techno-Afterhour-Träumer gespielt. Wir schnuffeln in unser Flanellhemd.
Text: Anett Frank aus De:Bug 67

Chigagos Vorzeige Indie-Post-Rock-wie-auch-immer-Kunst-Pop-Band “The Sea and Cake” hat ihren wundervollen Namen einem Missverständnis zu verdanken. Dass Meer und Kuchen postum auch viel besser passen als ein Verweis auf einen Song von Jim O’Rourkes Band Gastr del Sol “The C in Cake” versteht sich im musikalischen Sinne nicht nur allegorisch. Manchmal ist es doch ganz gut, wenn John McEntire sich verhört.

Wir sehen…. Flanellholzfällerhemd und Bierplauze

Mitgliederkonstellatorisch hat sich seit ihrem ersten 94er Auftauchen im Indieground nichts geändert. Nach wie vor an vorderster Front des obskurtextgetränkten Gitarren-Abstraktpop von “The Sea and Cake” stehen Singer-Songwriter und Gitarrist Sam Prekop, Erik Claridge (Bass), John McEntire (vorrangig Drums/Percussion) und Archer Prewitt (vor allem Gitarre/Synths). Archer spielte bei den “Cocktails” und Eric und Sam kannten sich bereits aus alten “Shrimp Boat” Zeiten. John kannte die drei und war gerade dabei, bei “Mosquito” mit einzusteigen, der Band, die sich später selbstredend zu “Tortoise” umbenannte. Sehr ungewöhnlich, dass einer Band über einen so langen Zeitraum von über acht Jahren immer noch die zwischenmenschliche Affinität zueinander innewohnt. Das funktioniert natürlich nur, weil jeder auch weiterhin seine eigenen Sachen am Laufen hat. Prekop performt seine Öl-Schinken und Fotos in der Clementine Galerie in Chelsea. Auch das Coverfoto zum neuen Album “One Bedroom” stammt aus seinem Blickfeld. Man schaut aus einer Nebenstraße ein paar Treppen hinauf auf eine eigentlich stark befahrene, aber zu diesem Zeitpunkt durch die in Dreier-Reihe parkenden Ami-Schlitten im Stillstand versunkene Hauptverkehrschlagader und eine im Nebel versinkenden Skyline im Hintergrund. Eine Direktverbindung zur Aufnahme? Das nicht. Aber ein Link – genau wie der Titel. Prekop lässt hier im Zugang Interpretationsspielräume offen und induziert ein interessantes Zusammenspiel aus Bild, Text und Ton. Wir erinnern uns. “Oui” projizierte eine Geschichte aus der Vogelperspektive. Die Erzählung ist immer wieder poetisch, nicht narrativ. Im Alleingang ist Prekop ein ebenso tiefgründiger wie leichter Hochgenuss. Auch Prewitt ist Maler, produziert zwischenzeitlich seit dem letzten TSAC-Album “Oui” sein mittlerweile viertes Soloalbum “Three” auf Thrill Jockey und zeichnet nebenher ausdauernd an seinen “Sof’Boy” Comics. McEntire ist mit dem Betreiben der SOMA Studios und gemeinsam mit Jim O’Rourke u.a. mit dem Abmischen des Stereolab-Albums beschäftigt und scheint mit den Aufnahmen zum neuen Tortoise-Album und diversen Theaterprojekten auch ausgelastet.

Wir hören…….Easy Listening für Hipster

Bleibt das Line Up, so hat sich doch nuanciert im Produktionsprozess etwas geändert. So wird zum Beispiel nicht wie gewohnt erst die musikalische Formung bis zu einer bestimmten Sättigung gebracht und der Text im Nachhinein von Prekop geformt, sondern Text und Geräusch gestalten sich in Abstimmung aufeinander. So eben auch bei “Try Nothing”. Sound und Eindrucksverarbeitung werden parallel verlinkt. Die generelle Färbung des Albums ist dabei etwas melancholischer und dunkler als auf “Oui”, aber auch offener, dem Sound mehr verantwortlich. “One Bedroom” setzt der traditionellen Chicago Post-Rockmusik eine fragile Eleganz entgegen. Prekops Stimme ist teilweise auch dominanter, stimmt sich in Wärme und Ausdrucksstärke an Gitarrenklangmischung und melodischen Basslinien. Heraus sticht “Sound And Vision” – darauf können sich alle einigen. Das Stück von David Bowie aus seiner Berliner Zeit vom 1977er Album “Low” hat als erster TSAC-Cover-Song Premiere auf dem Album. Dabei geht’s nicht um ein anders geartetes Wiedereinspielen eines guten Stückes, sondern viel mehr illustriert die Version des Bowie-Songs den Arbeitsprozess der Band auf eine hyperreale Art und Weise. Viel radikalere Veränderungen waren an diesem Stück angesagt, es klang wie eine Barband, sehr unbefriedigend. Sam: “Es war spannend, die Mechanik dieses Stückes zu erforschen. Wir haben schon vor fünf Jahren damit herumexperimentiert. Es war eigentlich als Teil der Liveshow angedacht, wir setzten das aber nie um. John brachte dann schließlich die Idee wieder an und wir packten es auf ‘One bedroom’, um es sich von den anderen Alben abheben zu lassen.” Prekop ist während der Produktionsphase zu “One Bedroom” kein intellektueller Vorausdenker, sondern eher ein sich selbst begleitender und im organischen Prozess befindlicher Beobachter, ein wachsamer Phrasensammler der sich auf dem Weg ausstellenden Impressionen. Chicago Post Rock funktioniert als Einordnung und Genre für TSAC vielleicht mal genau so umfangreich oder auch schwammig wie Garage-Punk auf ähnliche Art und Weise White Stripes für sich beansprucht. Auf die Frage hin, welche Meinung er denn zu der Genre-Schublade “Chicago Postrock” hat, bemerkt er abschließend mit einem durch den Telefonhörer merkbar selbstbewussten Grinsen:
“Es stört mich weder, noch find ich diesen rundum offenen Begriff sehr griffig. Es setzt einen Focus auf mich, was ja ganz o.k. ist.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.