HipHop heißt bei den Runaways, Stimmungen in harmonisierte Beats zu fassen. Eine musikalische Vision zum glücklich sein. Auf der neuen Platte der Briten,
Text: Clara Völker aus De:Bug 40

Eine Chance für die Liebe
Weglaufen gilt nicht

RUNAWAYS

Die Stagnation regiert. Behauptet der zweite Grundtenor. So auch das Londoner Duo Runaways. Denn lapidares Kastenspiel hat die Macht über freie Selbstentfaltung im HipHop übernommen. Finden sie. Das ist traurig. Da sie aber mehr die fidelen Zeitgenossen sind, unternehmen sie was dagegen. Mit ihrer Platte Progress. Hier liegt der Fokus auf der Musik. Hochgradig Kompositorisches ist im Topf. Denn bei den Runaways soll HipHop intellektuell sein. Klingt ja erstmal enorm befremdlich und katastrophal verkopft. Soll aber einfach heißen, dass statt Weggehaue und Dauerprops Emotionen verlangt sind. Die Runaways wollen Stimmungen und Menschliches an sich in ihrer Musik fassen. Genau das, finden sie, fehlt HipHop im Moment, alles ist komplett gleichförmig und variiert nur scheinbar. Gegen das Fade setzen sie deshalb seit geraumer Zeit ihre Produktionen. Früher als RPM bei MoWax, seit 1995 als Runaways. Ihre Vision auf Progress ist allerdings keine konzeptionierte Idee sondern simpler Spaß. Die meisten Tracks kommen bei der freudigen Stimmungswiedergabe dann auch mit rein instrumentalem Stimmfluss aus. Die wenigen vorhandenen Wortdreher sind Masta Ace, Sylvia Powell, J-Zone und Iriscience von Dilated People. Über den sind die Runaways ganz besonders froh, denn er “spricht für viele Leute, die in großen Städten leben, auf einem Strassenteacherlevel”. Sie trafen ihn im Publikum bei einem Konzert in ihrer Homebase London und kamen direkt ganz gut klar. Die anderen haben sie allesamt über Ecken angeheuert, dieselben, durch die sie auch die Cyclobs4000 aka Scaramanga Kollaboration an den Start bekamen.

Ghana vs. UK

Die Philosophie der Runaways aka AJ Kwame und Joseph 2Grand: “Wir versuchen anders und originell zu sein. Und hoffentlich die Kids, die sich nicht mit HipHop beschäftigen, zu interessieren. Unsere Musik ist kraftvoll und energetisch und hat fast ein urbanes Gefühl dabei. Wir versuchen, HipHop einfach ein bisschen anders anzugehen. Es ist eine offene Angelegenheit, an der man arbeiten kann, an Veränderungen in der Musik. Es ist ein Genre, das sich selbst permanent neu erfindet. Diese Idee muss man aufnehmen.” Wichtig aber bleibt wie in jeder guten Musik eins: “Man muss eine Aussage oder Emotion vermitteln. Wir versuchen, Herz und Soul in unserer Musik zu haben.” Dazu gibt es einen Hintergrund: “AJ hat in Bands gespielt. Er ist in Ghana geboren, hat in Kirchenbands gespielt, elektrischen Bass. Wir sind beide DJs und kommen aus musikalischen Familien, unsere älteren Geschwister haben auch in Bands gespielt. AJs Bruder hatte ein DJ Soundsystem in London, meiner hat in einer Punk Band gesungen. Wir sind zwischen verschiedenen Musikstilen großgeworden. Das kommt hoffentlich in unserer Musik durch. Und wir legen viel auf. AJ hat mehr Jazz, Hilife (ghanaischer Jazzfunk) und auch Soul aufgelegt, ich habe mehr HipHop gespielt, weil ich auch Skateboarder und BMX Fan war. So kamen wir dazu und arbeiten jetzt echt gut zusammen als Team.” Das einzig seltsame an Progress ist, dass alle MCs auf der Platte Amerikaner sind. Wo sind die Briten hin? “Es gibt zwar ein paar gute britische Rapper, aber ich glaube, manchmal leiden sie darunter, dass sie einen britischen Akzent haben. Für Leute von außerhalb, gerade für Amerikaner, ist das etwas schwierig. Generell ist die Qualität der MCs in den Staaten wirklich besser als bei uns. Und wir sind eben leider daran gewöhnt, Leute im amerikanischen Akzent rappen zu hören. Das macht es für die MCs hier schwieriger, weil es sich sofort so anhört, als würden sie amerikanisch klingen wollen. Das gilt nicht für Deutschland, Frankreich, Australien, weil dort die Leute nunmal ihren eigenen Akzent haben, oder in Südafrika, wo sie in Zulu rappen. Wenn Leute in England auf Englisch rappen, ist das komisch, weil es schwer ist, einerseits amerikanisch klingen zu wollen, aber man ist halt kein Amerikaner, man ist dann in einer Art Catch22 gefangen.” Das vermeiden sie mit universeller Leichtigkeit. Innovation statt Imitation.

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Text: Sascha Kösch aus De:Bug 05

Runaways
HipHop, paraphrasiert

Sascha Kösch
bleed@buzz.de

Wo eigentlich noch einmal das “Wir” im HipHop liegt, weiß eigentlich niemand so genau wie die Runaways. Es ist ein Ausbruch aus dem, was man vor sich als möglichen Lebensentwurf haben mag, durch eine Art Ersatzreligion der Praxis.
AJ Kwame und Joe 2 Grand, die vor knapp zwei Jahren Mo Wax und ihr Projekt RPM verließen bzw. aufgaben, um mit Mike Ultimate Dilemma zu gründen, können mittlerweile auf ihre eigene Labelgeschichte zurückblicken. Vorbei sind die Zeiten, als man sich damit beschäftigen mußte, um Triphop, Abstract, Freestyle und andere journalistische Eisberge herumzuschiffen. HipHop kommt nach Hause und das kann überall sein und man kann sich selber als Teil des großen HipHop-Baumes betrachten. Wenn er so aussieht, wie die Bäume auf dem Cover ihrer ersten LP “Classic Tales”, dann fragt man sich allerdings schon, was aus der Straße geworden ist. Ist das noch Streetstyle? Gemälde aus dem 18ten Jahrhundert? Neoromantik in HipHop, als das Ende von Graffiti? Kaum. Runaways definieren alles zu einer imaginären Geschichte, zu einer des Ausdrucks. Für sie war und ist HipHop eine Art miteinander zu sprechen, gegen die Codes und in einer Neudefinition der Codes. Bei ihnen tauchen Worte auf wie Humanismus und Expressivität und sie meinen sie. Obwohl es alles Geschichten sind, die man eigentlich hinter sich gelassen zu haben glaubte, kehren sie wieder, aber nicht naiv, nicht als Beschreibung der eigenen Methode, die einfach und klar und einfache, klare konzentrierte Arbeit ist, sondern in einem Gegenkonzept. HipHop. HipHop als Klassik und als Imagination. Musik als “Journey through a HipHop Fantasy”.
Die Geschichte mit dem Plattenspieler, die alles an sich reißt. Jeder der älteren Techno DJs wird einem sagen, was für einen entscheidenden Einfluß HipHop auf ihn hatte und jeder, der Auflegen für eine Kunst hält, der wird sie zunächst bei Hiphoppern suchen, dann erst woanders. Was Scratchen und damit eine Handfertigkeit, Skill eben für HipHop bedeutet, das sind die Breaks für Drum and Bass oder die Bassdrum und die Sequentialität analoger Elektronik für Techno. Verschiedene Weisen der Konzentration ein und derselben Manie zum Ausbauen einer eigenen Welt, in der Worte erträglich sind, weil sie Scratchpatterns sein können, genau so wie Begriffe, Breaks oder eben eine Bassdrum. Vielleicht ist der beste Ausdruck für HipHop in England wirklich dieses Bild: Landschaften, die man nicht mehr kennt, weil man über Kilometer nur Landschaft sieht, Pferde, die Wägen ziehen und Menschen mit unmöglichen Gesichtern. Ein auf Klangfarben reduziertes Bild, in dem die Strasse eben eine imaginäre ist, die, die man sich für seinen eigenen Weg sucht, keine Knarren, Bitches, Money vielleicht, aber ästhetisiertes.
So wie RPM sich eigentlich genau in dem Moment aufgelöst haben, als Mo Wax überhip wurden, so fingen Ultimate Dilemma in dem Moment an, eine neue Schule von UK-HipHop, der sich längst nicht mehr auf die Insel begrenzt, zu fördern, holten Req aus der Versenkung und ließen neue Klänge aufkommen, wo sich eine große Klappe allein nicht mehr halten konnte. Sie ließen es nicht nur wahrscheinlich werden, daß ein DJ Kammermusik zwischen die Breaks setzt, sondern auch, daß er damit tagelang übt, Wochen an unmöglichen Scratches tüfftelt, die nur ein neuer Sound möglich machen konnte.
Ultimate Dilemma stehen für eine wiederentdeckte Arbeit an der Basis von HipHop, nicht dem Instrumentalen, sondern dem Instrumentalisieren, dem Verständnis von Sprache als einer Funktion, die sich durch jedes neu entwickelte Medium, durch jede neue Konstellation von konzentriert aufgeladener Instrumentalisierung nur verständlicher machen kann. Sie stehen vor dem Dilemma, daß Dinge erst wenn man sie tausend mal in die Hand genommen hat, irgendeinen Sinn ergeben, erst wenn sie ein Netz geworden sind, greifbar werden. Erklären das flugs als “ultimate” und setzen es ein, um sich selber eine Grundlage für das Leben eines Runaways zu schaffen. Zurück zum Wir. Warum wir das auch tun. Arbeiten. Konzentriert arbeiten, durch Arbeit Konzentration schaffen und uns so einen Handlungsraum aufbauen, der nicht nur neu ist, sondern auch gut einsetzbar, gegen alles und jeden, der uns etwas will. Zumindest im Idealfall, auf jeden Fall aber für uns selber.

out now:
runaways – classic tales (ultimate dilemma)

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