Der Autor und Cafébetreiber Wladimir Kaminer hat seinen ersten Sammelband mit Kurzprosa vorgelegt. Und der zeigt: Es gibt nur einen unbestechlichen Blick auf das Neue Berlin, den Russendiskoblick.
Text: Markus Krajewski aus De:Bug 42

Burger in Buchform
Wladimir Kaminers Kurzprosa-Sammlung: Russendisko

Amerikanern oder Kamerunern ist es weniger vertraut als Berlinern: nicht der, sondern das Burger, “Kaffee Burger”, um genau zu sein. Dabei handelt es sich nicht etwa um die neuste produkttechnische Errungenschaft der Ernährungsindustrie, mit dem beliebten FastFood-Gericht aus zwei Brot- und einer Fleisch-Scheibe zwischen Gemüse auch gleichzeitig bereits den Kaffee einzunehmen, sondern um eine seit den 30er Jahren wie auch heute rege besuchte Lokalität in Berlin-Mitte, dessen Tapeten nach stolzer Auskunft der Betreiber zuletzt 1972 erneuert wurden. Wer samstags schon mal dort war oder im Prater oder auf den Bahnsteigen der U-Bahn, der kennt sie, die Russendisko in Berlin. Doch hört man im Burger weniger Akkordeon-Standards als in der Straßenunterführung am Alexanderplatz. Statt dessen alte Hits von xxx oder xxx zu Ehren der Oktoberrevolution, aufgelegt von DJ Kaminer. Gleich seinem berühmten russischen Landsmann, der von 1922 bis 1937 in Berlin nicht nur erste literarische Versuche unternahm, sondern ebenso als Komparse in Potsdam-Babelsberg den dringend benötigten Lebensunterhalt einspielte, legt Wladimir Kaminer nun seine erstes Album mit Berliner Kurzgeschichten vor. Anders als die Texte seines Namensvetters Nabokov widmet sich die versammelte Kurzprosa jedoch insbesondere den zumeist amüsanten, manchmal komplizierten interkulturellen Unterschieden zwischen Russen und Nicht-Russen in der neuen alten Hauptstadt. So erfährt man etwas über die neue Dauerwelle von Kaminers vietnamesischem Gemüsehändler: “Sein Weg zur Integration. Jetzt sieht er wie Paganini aus. ‘Du bist ein Paganini, Chack!’, sagte ich zu ihm. ‘Ein Paganini!’ ‘Habe ich nicht’, sagte er zu mir, ‘aber Zucchini, hier, bitte schön!’. Wir stehen beide an der Schönhauser Allee, er mit der Dauerwelle auf dem Kopf und einer Zucchini in der Hand, ich daneben.” Die 50 versammelten Geschichten tragen den hintergründigen Witz wie ein feiner Keyboardteppich den 80ies-Sound sowjetischer Postpunkschlager und gefallen durch die wohlkalkulierte Pointe. Pro Text mindestens drei. So etwa die Geschichte eines Kameramanns, der während der Proben zu einer “Theater-Revolution” zum Klischee eines französischen Liebhabers wird, überdies seine Jungfräulichkeit verliert, um am Ende nach einer gescheiterten deutschen Psychotherapie fortan ein glückliches Leben als Postbeamter in Frankreich zu führen (“Mein erster Franzose”). Oder über die Vorzüge Berlins als Kurort, nicht nur wegen seiner ebenso ruhigen, gelassenen wie nachdenklichen Einwohner. “Überall auf der Welt gibt es Mücken. Nur hier nicht, das ist selbstverständlich nicht der einzige Grund, warum mir Berlin so gefällt. Die Menschen finde ich auch cool.” (“Die Mücken sind anderswo”) Da ist sie endlich, die genaue Beobachtung, literarisch verarbeitet mit aller wünschenswerten Lakonie. “Dort, wo ich herkomme, ist das Leben zum Leben ungeeignet. Wegen des starken Windes und der schlechten Verkehrsverbindungen wird jedes Vorhaben ungeheuer mühsam.” Präzise Sätze also treffen den Leser, die eine Freude sind und wegen ihres Grooves weit mehr entzücken können als beispielsweise die versammelten Verunglückungen eines leider sehr bekannten sog. Popautors, dessen Textserie an Discographien angelehnt ist. Untergründig durchzieht die Sammlung von fröhlichen Miniaturen nicht zuletzt die Frage, was tun als junger Russe in Berlin. Schriftsteller werden, zum Beispiel und wenn es der Zufall will. Kaminer beschreibt die bisweilen umständlichen Etappen zu diesem Beruf, etwa wie er mit dem Lehrbuch seiner Wahl Deutsches Deutsch zum Selberlernen in die Lage versetzt wurde, sich der komplizierten Fremdsprache zu nähern. Dort heißt es mit didaktischem Geschick: “Genosse Petrov lernt Deutsch. Diese Arbeit ist schwer, aber interessant. Er steht pünktlich um sieben Uhr morgens auf. Er ißt immer in der Kantine zu Mittag. Das Wetter ist immer gut. Am Sonntag geht er mit den Kameraden ins Kino. Der Film ist immer gut.” So auch die Geschichten. Nabokov verfaßte 1925 nach literarischen Aufsätzen und Kurzgeschichten in Berlin mit Mashenka seinen ersten und keineswegs schlechtesten Roman. Nur gespannt kann man nun warten auf Kaminer. Sein erster Roman heißt Militärmusik, ist im Stehen mit Blick auf die U-Bahn geschrieben und erscheint demnächst.

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Elektronische Lebensaspekte.