Text: manuela krause aus De:Bug 46

Russland Special

“Es ist Zeit mein Freund, es ist Zeit…” *

* Titel eines russischen Romans, der uns mit den Gefühlen und Gedanken der russischen Jugend konfrontiert – geschrieben Mitte der 60er Jahre von Wassili Aksjonow.

Russland –
ich glaube, es gibt keinen anderen Ort auf der Welt, der gleichermaßen der Zeit soweit vorauseilt, wie er derselben hinterherhinkt. Und das schon seit vielen Jahren. Irgendwie paradox, oder? Da ist ein Land bei der Erkundung des Weltalls ganz vorne, und im Land selbst wird gehungert. Diese Widersprüchlichkeit spiegelt sich in vielen russischen Lebensbereichen wider. Versteht sich beinahe von selbst, dass dieses Phänomen auch die Entwicklung der elektronischen Musikszene
stark geprägt hat.

Russlands elektronische Wunderkinder im Aufbruch

Wer in Russland elektronische Musik machen will, weiß, es ist viel Improvisationstalent erforderlich. In der Regel gibt es nämlich nicht einmal das nötige Equipment. Also wird mit dem gearbeitet, was man hat. Ich habe von einem russischen Musiker gehört, der arbeitet mit einem uralten Computer, mit dem er maximal einen Titel produzieren kann. Ist dieser fertig, überspielt er den Track mit einem alten Kassettenrekorder auf ein Tape, löscht die Daten auf dem Rechner und beginnt wieder von vorne…eine in Russland nicht ungewöhnliche Produktionsweise. Hier liegt auch einer der Gründe, warum bislang Tapelabels die wichtigste Rolle beim Verbreiten von elektronischer Musik hatten. Das bekannteste Tapelabel gründete niemand anders als Roman Belavkin. Unter seinem Künstlernamen Solar X hat dieser längst auch hier in der westlichen Welt für Furore gesorgt. Roman ist sozusagen einer der russischen Pioniere, was elektronische Musik betrifft.

Er war einer der ersten, die damit begannen, sich aus alten Sowjetsynthesizern und Computern eigene Geräte zu basteln. Schließlich hatte er eine bestimmte Vorstellung, wie das klingen sollte, was da am Ende in musikalischer Form aus der Maschine herauskommt. Aber Musik will auch gehört werden… Immer öfter kamen Freunde, bestärkten Roman in seinem Schaffen und steckten ihm Tapes zu, um ihn nach seiner Meinung zu fragen. So entstand 1994 die Idee, ein Tapelabel zu gründen. Gesagt – getan: ArT-TeK! Ein Name, der für die meisten Russen mit einem berühmten Boy-Scout-Camp am schwarzen Meer identisch ist. Für junge russische Elektronikliebhaber steht ArT-TeK jedoch für Avantgarde, für futuristische, vielleicht sogar mystische elektronische Musik aus Russland. Techno, Ambient und sonstige Arten elektronischer Musik aus dem Westen haben in Russland ihre Spuren hinterlassen. Die Idee von ArT-TeK war und ist es, russischen Elektronikkünstlern einen ideologischen Space zu verschaffen und ein Netzwerk aufzubauen, damit auch diese Musik weltweit gehört werden kann. Ein glücklicher Zufall verschaffte dem Label internationales Interesse. Defective Record aus den USA hatten ein Tape mit Musik von Roman zu Ohren bekommen und veröffentlichten einige seiner Stücke. Von dem Geld brachte Roman dann 1997 auf ArT-Tek die erste CD heraus. X-Rated enthielt seine allerersten Kompostionen, die zum Teil schon bei Defective erschienen waren. Es wurden ein paar Kopien verschickt, und die Neugierde der Presse war geweckt. Es folgten Artikel in “The Wire”, “DJ”, “Magic Feet” etc. Für Wochen quoll der ArT-TeK – Postkasten in Moskau über mit Briefen aus aller Welt: Anfragen für Interviews, Rezensionen, Radioauftritte, Lobesbriefe, Fanpost… ein großer, erster Erfolg. Trotz allem existierte ArT-Tek auch weiterhin in den nächsten Jahren als Tape-Label. Finanziell gesehen wäre das gar nicht anders möglich gewesen. So entstand etwas, was man am ehesten als virtuellen Club für Elektronikkünstler der ehemaligen Sowjetunion bezeichnen könnte. ArT-TeK veranstaltete von Zeit zu Zeit Events in russischen Clubs, um den Künstlern die Möglichkeit der Liveperformance zu bieten. So wuchs die Anzahl der Fangemeinde genauso rasch wie die Anzahl der Künstler. Und Roman wuchs die Arbeit über den Kopf. Er kümmerte sich neben dem Label ja schließlich um seine eigene Musik, und ganz nebenbei studierte er auch noch in England Artificial Intelligence… 1999 fand er dann glücklicherweise Verstärkung in Yura Moorush, der bislang als einer der Künstler des Projektes T.A.N.D.E.M für ArT-TeK produzierte.

Yura nahm die Veröffentlichung einer ersten ArT-TeK Compilations in die Hand und bescherte damit dem Label erneut internationales Interesse. “Artefacts”, so der Titel, enthielt 12 Tracks 12 verschiedener interessanter russischer Elektronikpioniere wie zum Beispiel EU, SCSI – 9, Novel 23, Fizzarum, nicht zu vergessen der legendäre DJ Compass Vrubel, Lazyfish und natürlich Solar X. Diese Compilation sorgte für viel Gesprächsstoff. Das Interesse an elektronischer Musik aus Russland war endlich geweckt. Mittlerweile gab es noch 2 weitere CD Veröffentlichungen : Das unglaubliche “Vortex” Album von Lazyfish und ein Longplay von EU. Auf alle weiteren dürfen wir gespannt sein.
Als große Liebhaberin russischer Elektronik haben mich Freunde immer wieder gefragt,” was denn nun so besonderes an der russischen Elektronik sei…”, eine schwierige Frage, die ich bislang nie so richtig beantworten konnte. Zum einen ist es natürlich interessant, den Künstler in seinem Umfeld zu sehen. Welche Möglichkeiten hat er? Was macht er daraus? Und da haben mich einige Russen, allen vorweg Solar X, doch sehr beeindruckt. Zum anderen gibt es etwas in dieser Musik, was ich schon an herkömmlicher russischer Musik so liebe, weil sie noch von Gefühlen handelt, die mir sehr vertraut sind. Hört doch mal auf diese kleinen zarten, melancholischen Melodien zwischen Bass und Beat. Da wird einem plötzlich kalt und warm zugleich…”
“Es ist Zeit, mein Freund, es ist Zeit” und zum Abschied ein leises do swidanjia…

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Elektronische Lebensaspekte.