Luigi Russolo hat in seinem futuristischen Geräuschmanifest
Text: Florian Schreiner aus De:Bug 45

buch

1916, der heitere Virus im System
Luigi Russolos Manifest “L’Arte Dei Rumori”

Der Futurismus ist sicher die meist gegängelte ästhetische Ausrichtung des letzten Jahrhunderts, die sich ihrer ideologischen Zwangsjacke bis dato kaum entledigen konnte: Marinettis Übersetzungen der blinden Skandierung des Krieges in “ZANG-TUMB-TUUUMB” wird als verklärender Ruf zu den Waffen gelesen. Ebenso der gemeinsame Hörgenuss der harmonisch gänzlich undifferenzierten Waffensysteme auf den Abhängen des Monte Altissimo di Nago 1914 von Marinetti, Russolo und den übrigen futuristischen Kampfgenossen. Als “überschwänglicher Geräusch-Enharmonismus” ästhetisierten sie die aufziehenden Geräuschgewitter der Kriegsmaschinerie.
Russolo hatte es mit der Rückkehr nach Italien sehr eilig gehabt, als ihn die Nachricht vom Kriegseintritt Italiens in London erreichte. Zu dem Zeitpunkt war sein eigentliches futuristisches Manifest vom März 1913 schon weitverbreitet, innerhalb des folgenden Jahres knapp 20 “Intonarumori” (Geräuschinstrumente) fertiggestellt, und sein Orchester hatte schon mehrfach den öffentlichen Raum betreten. Nur war die kulturelle Großwetterlage wie hier in London selten so freundlich gewesen. Was wohl an der britischen Aufnahmefähigkeit für den Coleurreichtum des Regens, sprich für Russolos Zischer (“Gorgoliatore”) und Gurgler (“Scrosciatore”) gelegen haben mag. Die ausführenden Musiker selbst mussten eingestehen, “dass sie überrascht gewesen seien, welche Tonunterschiede in all diesen Geräuschen wahrzunehmen wären”. Aber Russolo ließ alles stehen und liegen, reiste unverzüglich ohne seine Instrumente zurück, direkt an die Front.
Musikologisch betrachtet markiert Russolos Erfindungsreichtum noch vor der elektroakustischen Spektraltechnik den maschinellen Aufbruch in eine enharmonische Ausweitung des Tonraums, in die natürliche wie städtische Geräuschkulisse. “Wer sich von der erstaunlichen Vielfalt der Geräusche überzeugen möchte, denke bloß an das Rollen des Donners, das Pfeifen des Windes, das Tosen des Wasserfalls, das Rauschen des Baches, das Rascheln der Blätter, das nächtlich gedehnte, feierliche und hohe Atmen einer Stadt (..), das Brummen der unbestreitbar animalisch atmenden und pulsierenden Motoren, das Pochen der Ventile, das Hin und Her der Kolben. (..) Die Vielfalt der Geräusche ist unerschöpflich, welche aber dennoch nicht einfach nachgeahmt, sondern unserer Fantasie gemäß kombiniert werden müssen.” Dieser Phantasie entsprang dann auch das legendäre “Veglio di una Citta” 1914 sowie verschiedene Klang-Geräusch-Synthesen seines Bruders Antonio oder von Ballila Pratella, (“du großer futuristischer Musiker”), wovon die dem Buch beiliegende CD nebst einzelner solistischer Intonarumori-Beispiele ein facettenreiches Zeugnis ablegt. Dass diese moderne Sensibilität im Fall Russolo wie später auch bei John Cage ihre Gegner und Skandale fand, ist einleuchtend. Und doch hat die Form dieser oder jener Auseinandersetzung etwas Erheiterndes, wenn ein kirchlicher Kritiker 1914 mit Russolo zusammenprallt: Russolo gab ihm “eine schallende Ohrfeige, weil er sich erlaubt hatte, mich und meine futuristischen Freunde aufs Dümmste zu beleidigen und zu diffamieren. Der Ehrwürdige, kein Ausbund an Wagemut, verklagte mich, und nach einer kurzen Verhandlung im Amtsgericht, während derer er sich zum Gespött des zahlreich erschienenen Publikums machte, wurde ich zu einer Geldbuße und öffentlicher Abbitte verurteilt. Daraus schließen wir: 50 Lire Prozesskosten ist ein Luxus, den man sich jederzeit leisten sollte, um einem üblichen Verleumder das Gesicht grün und blau zu schlagen.” Das wird heute nun wohl nicht mehr nötig sein.

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Elektronische Lebensaspekte.