Auf den Punkt
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 164

Es geht um Jean-Michel Jarre, Paul van Dyk, Nathan Fake und Aphex Twin. Für so ein Universum braucht man natürlich Albumlänge. Nach über zehn EPs hat sich Ryan Davis die Zeit dafür jetzt genommen.

Seit zwei Jahren ist Ryan jetzt in Berlin. Er kam aus Magdeburg, wo er Teil einer kleinen Partyszene unter dem Namen Freiraum war, die dort die Fahne melodiöser Elektronik im Umfeld des Minimaltechno aufrecht hielt. Davis ist einer der zahllosen Emigranten elektronischer Musik, die von Berlin nach wie vor magisch angezogen werden. “Man kam damals natürlich nur nach Berlin, wenn die Künstler spielten, die man gerne sehen wollte, in meinem Fall vor allem Border Community, und hat dann eine leicht verschobene Wahrnehmung. Ist man erst einmal hier, merkt man doch, dass alles eher technolastig ist und die melodischen Tracks kaum vorkommen. Auf Standard-Partys findet man eher selten komplex strukturierte kompositorische Leistungen. Da zählen wohl eher die einfachen Dinge. Polka, Saxophon, peruanische Arbeitergesänge.” Auch Melodien, aber so gar nicht die Welt von Davis. Manche entdecken in den Tracks seines Debütalbums “Particles Of Bliss” Referenzen wie Aphex Twin oder selbst New Order, dieses Zwischending aus Indie und Elektronik, das tatsächlich auch seine beiden Label definiert: Klangwelt und Back Home. Beide stehen für rein digitale Releases, die im Spannungsfeld dieser Klangwelten in die eine oder andere Richtung tendieren. Aber selbst wenn auf dem Plattenteller seines Vaters auch die ein oder andere Jean-Michel-Jarre-Platte lag, ist Davis natürlich viel zu jung, um in solchen Referenzen mehr als einen geschichtlich geschulten Blick zu sehen. “Ich komme eigentlich aus der HipHop-Szene und hab da so ziemlich alles mitgemacht. Breakdance, Skaten.Aber ich habe auch immer schon elektronische Musik aufgesogen. Schon in der Grundschule war Rave ein Ding für mich, das war damals ja auch einfach Popmusik für alle. Harter Techno, Electro kamen dann erst im Nachhinein. Als ich später zu produzieren angefangen habe, habe ich für mich dann zunächst rausgefiltert, was ich am interessantesten fand. Es war so die Zeit, als Einmusik mit ‘Jittery Heritage’ rauskam. Aber damals habe ich auch noch Paul van Dyk oder sogar Sasha gehört. Trance-Strukturen waren mir dann aber einfach zu langweilig. Es fehlte mir das Spielerische. 2004 kam ‘The Sky Was Pink’ von Nathan Fake raus mit den Holden Remixes und da dachte ich mir ‘Wow, man kann noch so viel machen’. Das war für mich ein Startschuss. Natürlich habe ich erst mal wie wild alle Effekte ausprobiert, das hört man bei meinen ersten Releases auch. Aber ich glaube so langsam komme ich zum Punkt. Da muss man durch, auf dem Weg zum eigenen Sound.” Eine gewisse Schwermütigkeit, eine ausgefeilte Dramaturgie, und dennoch etwas Leichtes in den Grooves, so klingt der fertige Davis. All das passt perfekt in das Traum-Universum, das sich in der letzten Zeit wieder auf seinen ursprünglichen Stil zurückbesinnt, weg von den minimaleren Dancefloor-Stücken. Es ist Musik, die keine Grenze zwischen Filmmusik und flirrender Elektronik kennt, den Übergang zum Floor immer mit schlafwandlerischer Sicherheit findet und darüber hinaus direkte Komplexität vermitteln kann, ohne sich im Experiment verfusseln zu wollen. Musik, in dessen Zentrum immer wieder das eine steht: “Das was die Seele berührt, die Melodie eben, das ist die Welt, in der ich mich verlieren kann.”

Ryan Davis, Particles of Bliss,
ist auf Traum Schallplatten erschienen



http://soundcloud.com/ryan-davis

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Elektronische Lebensaspekte.