Progressive Rock hören, Computer entdecken, Spektral-Musik studieren. Das könnte sich zur Basis für absolut scheußliche Musik addieren. Aber Ryan Teague hat das Gefühl am rechten Fleck.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 106

Der progressive Grübler
Ryan Teague

15 ist das Alter der tiefgreifenden Entscheidungen. Souveräner Checker oder introvertierter Grübler, Pillen klinken oder Codes tippen, Mädchen abkriegen oder von Mädchen träumen – das sind die existentiellen Fragen, denen man sich stellen muss. Zumindest die Jungs. Nicht, dass man sich da ganz bewusst entscheiden könnte, das wird eher entschieden, irgendwie. Aber: Egal auf welcher Seite man landet, 15 ist ein Alter, das prägt – für immer.

Hört man die Musik von Ryan Teague, ist klar, Ryan war ein Grübler:
“Ich habe ziemlich früh angefangen Instrumente zu spielen und mit Freunden Musik zu machen. Damals ging es mir viel eher um diesen sozialen Aspekt, eine Suche nach Abenteuern. Mit 15 entdeckte ich den Computer. Von da an klang meine Musik wesentlich introvertierter und isolierter.”
Ryan wird zum Klangforscher. Während sich andere bierselig in Punk-Schuppen stürzen oder zugekifft auf Raves herumstolpern, schwelgt Ryan im Konzept-Kitsch der Progressive-Rock-Ära. Er experimentiert am Rechner, entwirft erste Ambient-Skizzen und lernt, dass Musik ein System ist. Eine Kopf-Sache. Ein komplexes Ding in sich. Wissensdurstig nimmt Ryan ein Musik-Studium auf, hört sich durch die Avantgarde-Musik des 20. Jahrhunderts. Von Schönberg bis zur ultramodernen Spektral-Musik. Doch irgendwann haben sich die Spielarten der Avantgarde erschöpft. Da ist zu viel Mathematik und zu wenig Gefühl, kein Platz für Träumereien. v vSein neues Album “Coins & Crosses” ist randvoll mit groß aufgeblasener, orchestraler Musik. Der Computer reichte Ryan nicht mehr. Statt die Streicher in seinem Sequenzer zusammenzufummeln, hat er die Noten auf Papier gebannt. Im Konzertsaal stand Ryan dann mit Taktstock vor dem 24-köpfigen Cambridge Sinfonie Orchester. Ein erhebender Moment, wenn die Notenblätter rascheln, die erste Geige mit der Einstimmphase beginnt und das ganze Orchester Instrument für Instrument ganz langsam abhebt, wie ein startendes Flugzeug. “Es war großartig, die Phrasierungen und die Dynamik wirklich zu hören. Vor allem im Kontrast zu den rigiden elektronischen Arrangements im Sequencer.” Zurück am Rechner editierte Ryan die Feinheiten der Stücke. Er verzierte die satten Streicherharmonien mit Harfen und exquisiten elektronischen Arabesken. An ausgesuchten Stellen legte er Chöre unter die Arrangements.

Wenn die Chöre zur großen Geste ausholen und Streicher dramatische Harmonie-Bögen schlagen, klingt “Coins & Crosses” nach ganz großartigem, herzzereißendem Kitsch. Dann wiederum ist das Album verblüffend virtuos und ausgefeilt. Wie im Vorbeigehen pickt sich Ryan die Rosinen aus den verschiedenen Genres der so genannten E-Musik. Die späte Romantik eines Gustav Mahlers, Harold Budds Ambient-Studien, Serielle Musik und Minimal Musik – das alles schüttelt er zu einem bombastischen Cocktail aus großer klassischer Tragik gepaart mit detailversessenem Kalkül. Wie der Progressive Rock, der ihn mit 15 auf den Plan gerufen hat, liegt seine Musik in der Mitte von Kitsch und Kunst, von Gefühl und Kalkül. Und irgendwie meint man die Träumereien des 15-jährigen Grüblers immer noch zu hören. Mit einem Unterschied: Da ist keine Unsicherheit mehr, die Träumereien sind auf “Coins & Crosses” zur souveränen Geste geworden.
vv vzontal Noise“. Wieder findet sich darauf eine dezent verstörende Vermählung von Disco und Dunkelheit, das Album lotet im Vergleich zu den vorangegangenen Erscheinungen vor allem die psychedelischen Verbindungen zum Krautrock aus. Das Hippie-Cover spricht Bände, Can und Neu! waren diesmal die großen Inspirationsquellen für Andy Meecham. “Viele Melodien“, so Andy, “sind mir einfach zu süß und schön. So käsig. Und ich mag echt keinen Käse. No cheese, please.“ ”Vertical Tones & Horizontal Noise“ ist am Ende aber nicht nur ein Krautrock-Experiment, sondern auch das Vocal-Debüt von Andy Meecham. Eigentlich, erzählt er, wollte er ja nicht, aber dann habe dieser rhythmische Sprechgesang doch ganz ordentlich gepasst. Gefragt, was er denn da genau rhythmisch spreche, bei diesem einen Track, in der Deckung des klatschenden Schlagzeuges, wird er einen Moment verlegen. Andy, der Einohrige, der seit sechzehn Jahren im Musikgeschäft ist, sagt, er müsse da mal kurz was klarstellen, eine Gebrauchsanleitung vorwegschicken. Etwas in der Art von ”Achtung: Beim folgenden Stück handelt es sich nicht um ein Alter-Ego des Sängers bzw. Songschreibers.“ Ok? Also: ”Ich singe da über jemanden, der sich eine Prostituierte auf dem Straßenstrich aussucht und dann bemerkt, dass diese Prostituierte in Wirklichkeit ein Er ist. Doch dieser jemand – der übrigens nicht ich bin – denkt sich am Ende einfach, Fuck it, was soll’s, ich tu’s jetzt trotzdem. Weißt du, das ist schon etwas anderes, als einen schnulzigen Love-Song zu schreiben.“

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Elektronische Lebensaspekte.