Der sonst eher schweigsame Japaner im Gespräch beim Berliner MaerzMusik-Festival
Text: Multipara

Ikeda spricht. In der Regel stehen Musik, Konzept, Philosophie und Darbietung des Japaners für sich, kein Gesprächsbedarf. Interviews mit ihm sind eine rare Angelegenheit. Anlässlich seiner Installation “Datamatics” bei der Berliner MaerzMusik machte er für uns eine Ausnahme.

Interview: Multipara

In die zweite Hälfte der Neunziger Jahre, als die Fraktionen elektronischer Musik sich gemäß der digitaltechnischen Errungenschaften zwischen Gehalt durch Verzerrung und Fortschritt durch Hypereditierung in zahllose Schubladen zwischen Dancefloor, Homelistening, digitalem Hardcore und postakademischer Kopfmusik sortierte, stürzten Ryoji Ikedas Releases auf Touch und Staalplaat wie Botschaften aus einem Paralleluniversum. Die radikal reduzierten Elemente: Sinustöne, Rauschen, Impulse, gefügt in klare und präzise, vibrierende Arrangements, in extremen Frequenzen mit viel Platz dazwischen und drumrum, entwickelten kinetische Energien, die man in derart aufgeräumten Klangwelten nie vermutet hätte.

Eine neue Musik, die die Räume, in denen sie lief, in mit uhrwerksartigen Kraftfeldern überzogene psychoakustische Laborkammern verwandelte. Diese Wirkung hat Ikedas Musik bis heute, regelmäßig geupdatet über in grobem Jahresrhythmus erscheinende Alben, und dabei ist sie in ihrer transzendenten Abstraktion kaum je kopiert worden. Unbestreitbar aber ist auch der energetische Kick, den Ikeda Raster-Noton aufprägte, dem Label, auf dem er heute zuhause ist, und mit dessen Mitbetreiber Carsten Nicolai er sein einziges musikalisches Kollaborationsprojekt pflegt: Cyclo. Deren zweites Album ist soeben erschienen.

Wie im Fall seines Duopartners erstreckt sich Ikedas Kunst aber weit über den Bereich Musik hinaus, in die Bereiche Installation, Public Art, audiovisuelle Präsentation, sowie in eine Reihe künstlerischer Kollaborationen, deren Vielseitigkeit sich aus Ikedas Wurzeln speist: über zwölf Jahre Arbeit als Teil des japanischen Performance-Theaterkollektivs Dumb Type. Eines der Hauptprojekte des letzten Jahrzehnts, zwischen Prix Ars Electronica 2001 für das Album “Matrix” und seiner bislang größten Einzelausstellung “+/- [the infinite between 0 and 1]” im Museum of Contemporary Art Tokyo 2009, ist die vielteilige Werkserie “Datamatics”, in der es um die ästhetische Erfahrung von Datenstrukturen (und Datenmengen) geht. Neulich war Ryoji Ikeda in Berlin, um auf Einladung des MaerzMusik-Festivals seine audiovisuelle Installation “datamatics [ver.2.0]” vorzustellen.

Ikeda, sonst außergewöhnlich Interview-scheu, beantwortet uns ausnahms- und denkwürdigerweise auch die abwegigsten Fragen – in leicht französisch gefärbtem Englisch, weil er inzwischen Familie in Paris hat. Ikeda und Carsten Nicolai haben gerade auf einer kleinen Tour ihr neues Cyclo.-Material vorgestellt. Die Musik haben sie dabei direkt für ein klassisches Mastering-Tool geschrieben: einem Goniometer, also einem Oszilloskop, das schlicht die Signale der zwei Stereokanäle in Echtzeit auf zwei zueinander senkrechten Achsen abbildet. Live wird das Display projiziert, man kann die CD aber auch durch ein Plugin-Display auf dem Rechner laufen lassen, was ziemlich irre aussieht: lauter geometrische Formen und Texturen. Bei “normaler” Musik sieht man dagegen nur eine linsenförmige Wolke.

Debug: Wie kommt man auf sowas?

Ryoji Ikeda: Carsten und ich sind ja beide sowohl Künstler als auch Musiker, er kommt mehr aus der einen, ich aus der anderen Richtung, wir kreuzen uns quasi in der Mitte. Unsere Hintergründe sind verschieden, aber wir haben sehr viel gemeinsam, wir sind dieselbe Generation, wir verstehen einander sehr gut, auch privat, fast wie Brüder. Mit Cyclo. versuchen wir etwas zu machen, was nichts mit unseren Soloprojekten zu tun hat. Unser erstes Album vor zehn Jahren war reine Musik. Wir wussten zwar, dass wir da einige ungewöhnliche Sounds drin hatten, aber als wir dann im Mastering-Studio diese Figuren gesehen haben, diese Zykloiden, waren wir von den Socken. Der Toningenieur dachte, das Gerät sei kaputt. Wir haben uns also genau dieses Gerät gekauft und das Output für Konzerte verwendet. Und dann haben wir angefangen, systematisch zu erforschen, welche Klänge und Klangkombinationen was für Figuren erzeugen. Zehn Jahre lang, haha. Wir haben eine riesige, enzyklopädische Datenbank aufgebaut. Am Anfang hatten wir keine Ahnung von den Zusammenhängen, inzwischen ist uns eine Menge klar und das neue Album ist das künstlerische Resultat. Vieles, was gut aussieht, hört sich tatsächlich furchtbar an. Für das Album haben wir nur das verwendet, was uns sowohl optisch als auch akustisch gefiel. Zum Projekt gehört auch noch ein dickes Buch mit DVD, das Carstens Index-Reihe fortsetzt, das ist aber noch nicht ganz fertig.

Debug: Könnte man es nicht auch einfacher haben und die Figuren einfach malen und dann abspielen, also einfach den umgekehrten Weg gehen? Wie bei spektrografischen Darstellungen (X-Achse: Zeit, Y-Achse: Frequenz, Farbton: Amplitude)? Die wurden dafür ja sogar ursprünglich erfunden.

Ikeda: Das wäre ein Traum, aber so einfach geht es nicht. Die Figuren setzen sich ja aus Bewegungen zusammen, deren Details fürs Sehen ganz unwichtig sind, aber akustisch einen enormen Unterschied machen. Sonifizierung ist etwas ganz anderes, viel schwieriger als Visualisierung. Deshalb macht man ja vor allem letzteres: Grafische Analysen sind exakt und direkt erfassbar. Akustische Signale sind vage und taugen allenfalls als Alarm, beim Einparken etwa.

Debug: Bei deinem Soloprojekt Datamatics kenne ich bislang überhaupt nur die sonische Seite, die CDs, aber keine der Installationen. Worum geht es da insgesamt?

Ikeda: Die CDs sind zwar wichtig, aber gewissermaßen nur Arbeitsberichte: Das hab ich dieses Jahr gemacht, das kam dabei raus. Aber Datamatics ist viel umfangreicher. Komposition, egal ob in klassischer Musik oder Techno, ist zunächst mal eine mathematische Struktur. Der eigentliche Klang, das ist Physik. Für mich ist Musik die Vermählung der beiden. Bei Datamatics war nun die Idee, Daten überhaupt zu komponieren, nicht nur Musik, und damit erweitern sich die Möglichkeiten enorm. Es klingt vielleicht prätentiös, aber ich glaube ich kann sagen, ich bin ein Komponist, der alles komponiert. Texte, Zahlen, Farben, Pixel, Verhältnisse, Materialien zuweilen, Raum und Licht: Es geht immer um Komposition. Auch wenn ich die Proportionen eines Photoprints festlege, das ist für mich ganz wie musikalische Komposition. Für eine Installation wie die, für die ich bei der MaerzMusik eingeladen bin und die ich mit meinem Programmiererteam umgesetzt habe, gibt es auch eine Art Partitur. Aber die ist nur für mich.

Debug: Letztes Jahr ist als Seitenprojekt von Datamatics auf DisVoir ein kleines Buch mit CD erschienen, “Dataphonics”, das eine Serie von Stücken fürs Radio (France Culture) zusammenfasst. Die Pixelgrafiken im Buch scheinen eine Art Partitur der Stücke zu sein, aber es ist mir nicht gelungen, sie so zu lesen.

Ikeda: Nein, das geht nicht. Auge und Ohr kommen da nicht zusammen. Man sieht auch nicht die kompletten Stücke, da ginge das Buch bis dort drüben. Das sind jeweils nur ein paar Millisekunden, eine direkte Umsetzung der Bits auf der CD in 16er Spalten. Das wollte ich zeigen, deshalb hab ich das Buch gemacht: Man kann nicht folgen! In dieser Millisekunde steckt so eine Masse an Information, und dann schaut man hier auf diese Loop-Stelle und sieht diese faszinierende Struktur, ein bisschen unregelmäßig, und hier eine sehr schöne Stelle, wie ein Kristall. Und es ist so viel, zwar nicht unendlich, aber man fühlt etwas Erhabenes. Das ist jenseits von schön, man erschaudert. Sogar in diesem binären Code steckt also etwas Ästhetisches. Für die Systementwickler banal, für uns schockierend. Das ist natürlich eine der Aufgaben von Künstlern. Ganz banale Dinge zu nehmen, wie diesen Zuckerstreuer, und ganz neu zu zeigen.

Debug: Ist das schon die dritte und letzte der Datamatics-CDs, nach Dataplex und Test Pattern? Warum war von Anfang an klar, dass es drei werden?

Ikeda: Nein, die dritte kommt erst diesen Herbst. Eine Trilogie scheint mir ein ganz natürlicher Bogen zu sein: Anfang, Ausarbeitung, Zusammenfassung. Aber das kann man so eigentlich nicht planen, es kommt dann doch anders, bei so einem großen Projekt. In einer Firma geht so was nicht: Man designt einen Lastwagen, und es kommt ein Flugzeug raus. Aber ich gehe gern so intuitiv vor.

Debug: Zu den Höhepunkten von Bach, von dem ich weiß, dass du ihn sehr magst, gehört ganz absolute Musik, die fertig ist, wenn sie auf dem Papier steht, ohne gespielt werden zu müssen. Aber deine lebt sehr von ihrer Physis.

Ikeda: Ja, aber für mich ist Bachs Ansatz auch sehr wichtig. Deshalb mache ich alle meine Sounds so kurz: um die Struktur zu betonen. Keine Emotion, nur Struktur.

Debug: Ich finde deine Musik aber sehr emotional. Viele finden sie ja sehr kopfig abstrakt …

Ikeda: Emotion ist wohl das falsche Wort. Empfindung ist besser. Aber Hörer können selbst entscheiden, die sind ja nicht dumm. Und jeder Tag ist anders: An einem schönen Morgen ist Bach toll. Am nächsten Tag: Regen, der Magen ist verstimmt: Seine Musik wird schwer. Es ist ganz relativ. Das gilt für jede Musik, auch meine. Ich mag ja alles mögliche an Musik. Bach, Haydn … Mit Mozart hatte ich lange ein Problem, jetzt nicht mehr.

Debug: Ich auch. Man muss offenbar älter werden für Mozart.

Ikeda: Ich liebe aber auch Rock! Und Bossa Nova, Easy Listening … die Leute beschweren sich zuweilen, haha! Nein: Es ist schön – Musik muss man nicht kritisieren, man muss sich nur dran erfreuen. Ich hab vor all diesen Sachen Respekt. Was ich selbst mache, hat auch gar nichts mit Streben nach Originalität zu tun, ich will nur nichts machen, was andre schon viel besser können. Aber Bach mag ich wegen des Mathematischen. Dabei geht es nicht um Ratio, es ist Kunst, Schönheit.

Debug: Mathematiker reden ja auch vor allem von Schönheit.

Ikeda: Ja! Ich arbeite mit einigen zusammen, nur um mit ihnen reden zu können. Ich verstehe vielleicht fünf Prozent von dem, was sie machen, aber bin davon besessen. Das ist mein nächstes großes Projekt, nach Datamatics: ein Interviewfilm mit Mathematikern, und darauf basierend eine Art Oper. Wovon sie erzählen, überwältigt mich. Wie wenn man in der Wüste steht, Nevada, wo nichts ist. Nur wir Menschen können das empfinden. Man darf auch nicht zu tief eintauchen, sonst geht es einem wie Stockhausen. Aber ich lasse mich davon inspirieren, vergesse dann alles, und fange an zu arbeiten. Ich bin mir sehr bewusst, dass es Kunst ist, was ich mache, keine Übersetzung von Mathematik. Und in fünf Jahren – wer weiß. Man verändert sich. Ich interessiere mich inzwischen sehr für Bereiche, die ich nie mochte. Schon bei Mathematik ging mir das so: Als Kind hab ich sie gehasst. Jetzt, mit Mitte 40, lehne ich nichts mehr ab. Selbst wenn mir etwas unangenehm ist, schau ich hin und überlege: Ah, darum ist es für manche Leute wichtig, darum gibt es das. So versuche ich zu denken.

Debug: Wenn man zwanzig ist, sucht man seine Richtung.

Ikeda: Und verdammt vieles, man eliminiert: Das liebe ich, das hasse ich. Heute zieht mich an, was ich nicht mag. Warum mag ich es nicht? Und weil ich es so lange ignoriert habe, liegt es im Dunkeln. Dann leuchte ich drauf …

Debug: … und der ganze Reichtum wird plötzlich sichtbar.

Ikeda: Exakt!

Im weiteren Gespräch mäandern wir von Nicolas Bourbaki zur Tonspur in Godards Filmen, von seiner Mutter als bester Kritikerin zum Wesen der Dichtkunst, vom Künstlerdasein als politische Existenz über die Arbeit mit seinem Team zum dreisprachigen Küchentisch, und zurück zu Essen und Musik als Energie- und Erfahrungsquellen. Am Abend darauf verlieren ungestellte Fragen, etwa nach denkbaren ästhetischen Vorläufern wie Tatsuo Miyajima oder Kraftwerks Schaltkreisromantik-Pop vor der nüchternen Geschlossenheit und Wucht seiner Präsentation ihren Sinn. Perkussive Impulse, die in der riesigen Halle einfahren wie Donnerschläge, Lichtakzente, die zusammenzucken lassen: Handwerk.

Dann jedoch schraubt sich über den sanft tonalen Hintergrund-Drones, den Markenzeichen wie Signal-Blips und Morse-Dauerfeuer, den Wänden aus Bass eine hochauflösende High-Tech-Bildprojektion in rasendem Tempo hoch, die eine rhythmische Dynamik erlaubt, die sich auf keiner DVD, schon gar nicht auf YouTube erahnen ließe. Datenmassen aus Gensequenzen, astronomischen Koordinaten, Telekommunikationsströmen wechseln sich kapitelweise ab, molekulare Strukturen, rotierende Pixelwolken, Raumfaltungen folgen, schließlich ein dramatischer dimensionaler Sprung auf die Metaebene. Die hyperbeschleunigte Datenmatrix der Präsentation wird ihrerseits zum ästhetischen Objekt, am Ende in ein weißes Leerkanal-Rauschen mündend, das sich aus der Nähe als uferloses Meer sich jagender Ziffern erweist. Ikeda versieht seine Töne und Bilder mit einer Semantik, die er als ihnen zugrunde liegend offenbart, und geht damit über die übliche audiovisuelle Selbstreferentialität hinaus. So tritt seine Arbeit tatsächlich in die zweite Reihe: als emphatisches Oberflächenkräuseln von etwas viel Tieferem.

http://www.ryojiikeda.com
http://www.raster-noton.net
http://www.disvoir.com
http://www.maerzmusik.de

4 Responses