Text: riley reinhold aus De:Bug 01

Ryoji Ikeda > Kondens-Musik aus Japan< Ryoji Ikeda hat mit seiner kürzlich erschienenen Veröffentlichung “+-” auf Touch International auf sich aufmerksam gemacht und das nicht nur, weil das Label für gelungene Produktionen schlechthin steht, sondern weil er damit die Wunschvorstellung eines jeden Europäers erfüllt, japanische Elektronik sei Minimalelektronik mit einer appetitlichen aber strengen Ästhetik. Absurd aber wahr, Ryoji Ikeda steht mit seiner Vorstellung von Musik nicht nur in Tokyo sondern in ganz Japan alleine da. Auch eine Person wie Riuo Tomita, der einige interessante Platten auf dem belgischen Label KK Records veröffentlichte, teilt eine andere Auffassung von Minimal Techno. Masami Akita aka Merzbow, besticht durch Noise, einer Maximierung von Extremwerten wie man sie aus der westlichen Rockmusik kennt. Ich erwähne nur Feedback… S.O.B. Mitte der Achtziger Vorgruppe von Grindcore Gruppen wie Napalm Death, Carcass oder Extreme Noise Terror, waren Vorboten wenn man so will, für diese Art von Musik. Auch wenn Japan einiges vorzuweisen hat an elektronischer Musik, besonders in den 80gern, so erliegt man doch dem Eindruck, daß wenig davon Teil einer Elektronikszene zu sein schien, sondern eher dem unterstand, was man heute Independent Musik oder New Wave nennt. Eine protektionistische Politik und der Umstand daß japanische Platten immer extrem teuer waren, lassen eine Grauzone entstehen. Doch das alles hat wenig zu tun mit Ryoji Ikeda und noch weniger mit seiner letzten Platte “+-“, die sich stark von seinen davor für Staalplaat produzierten Platten unterscheidet und zum seinem elektronischten Werk zählt. ” My last work is allways the best one, at least it should be!” Der aus Tokyo kommende Künstler, der seit 1990 Musik schreibt, schafft eine beängstigend kraftvolle Musik, die selbst mächtigste Fundamente zum Schwingen bringt und das oftmals mit weniger als drei Sequenzen. Man könnte seine Musik als architektonisch-digital beschreiben, aber das wäre falsch, subtil fallen analoge und digital Klänge aufeinander und bilden einen Klangbild-Strang, der in sich voller Lebens ist. “+-” basiert auf einer Klanglandschaft die auf engstem Raum zusammengerückt ist und trotzdem oder gerade dadurch eine Intensivität und Weitsicht beinhaltet, die beeindruckt. Ryoji Ikeda ist der einzige Künstler Japans, dessen Sichtweise von Minmalmusik für den europäischen Kontinent ähnlich interessant sein könnte wie derzeit Panasonic innerhalb der Techno und Elektronik Szene. Buzz befragte Ryoji Ikeda, der im Sinne seiner Musik knapp und aufrichtig antwortete und der betonte, daß Zen oder buddhistisches Gedankengut keinen Einfluß auf seine Antworten hatten. Der Inhalt des Interviews setzt sich zusammen aus einem Internet Interview zur Zeit seines Aufenthaltes in Maubeuge, Frankreich, wo er als Beteiligter der Theatertruppe Dumb Type eine Aufführung abhielt, sowie seines ersten im Köln, Mitte Mai. Ich treffe Ryoji Ikeda im Hotel Chelsea nach seinem Live-Auftritt beim Elektrik Trik Festival Er sitzt alleine am Tisch und deutet auf das Haus auf der anderen Seite, von dem er sagt, daß dort Holger Czukay von Can wohnt. Ryoji Ikeda kennt sich aus. Bekannt dafür über das Netz zu kommunizieren, eher schwerlich an den Telefonapperat zu bekommen, sucht er auf eigene Art den Kontakt zur Außenwelt. In Tokyo selbst ist er isoliert wie er sagt, für ihn gibt es dort wenig Gleichgesinnte die seine Meinung von Musik teilen. “Es ist schwierig für mich in Tokyo zu spielen und straight zu sein. Es gibt dort keinen vergleichbaren Künstler der mir entsprechen würde, weder in Techno noch in der Elektronik Szene, sie sind ein ganzes Stück anders. Im Normalfall sind sie entweder zu extrem krachig wie Merbow, zu Cocktail-Musik mäßig wie Gentle People (?, die nach unseren Informationen aus London kommen) oder zu trashig wie die Boredoms. Ken Iishi spielt z.B. immer in Europa und nicht in Tokyo. Ich finde, daß es weder eine Clubszene noch eine Musikszene in Tokyo gibt. Es ist alles eine Illusion. Tokyo ist zu groß um sich zu treffen und eine Konzentration schaffen zu können. Die jungen Leute mögen Hip Hop und amerikanische Musik und natürlich auch Techno. Bei Techno geht es dabei eher um die naive Variante, das was den Kids gefällt, bis hin zu Gabba, was dort auch existiert.” Bei Ikeda fällt immer wieder der Begriff Minimalmusik, mit dem er sich von vielem um sich herum abgrenzen möchte. Mit Tokyo verbindet ihn eine Haßliebe und für das Arbeiten bevorzugt er eine kleinere Stadt in der Nähe von Tokyo, Kyoto, wo die Künstler laut seiner Aussage Hand in Hand arbeiten und wahnsinnig viel Kreatives passiert. “Es gibt nur wenige Ausländer in Tokyo b.z.w. in Japan, ich finde das ist ein Problem. Es gibt fast nur Japaner, die eine geschlossenen Gesellschaft bilden. Normalerweise mögen Japaner andere asiatische Völker nicht, daß kommt noch dazu. Tokyo ist nur ein Markt, die Menschen dort sind 100%ige Konsumenten, was es für einen Künstler oder Musiker schwer macht zu existieren. Manche Künstler dort bekommen viel Geld, was ich für ungesund halte. Dagegen sind Kyoto, Osaka oder Hakata gesunde Städte, allein weil sie kleiner sind.
Ikeda ist seit längerem Mitglied in einer Theatergruppe, eben aus Kyoto. “Dumb Type ist eine Theatergruppe, die sich aus 17 Leuten zusammensetzt, aus einem Computerprogrammer, Choreographen, Musik, Licht und Schauspielern. Das Setup ist minimal. Die ganze Bühne und die Dekoration ist in weiß. “Es gibt zwölf 3.500 Watt Strobes(!), die von meiner Musik getriggert werden und gleichzeitig blitzen, sich meist an den tiefen langsamen Sequnzen orientieren. Dazu benutzen wir schnelle Cut Up Visuals, die mit der Musik synchronisiert sind. Meine Stücke dafür sind denen für “+-” sehr ähnlich. Sehr minimalistisch. Wir touren durch ganz Europa, was mir sehr wichtig ist. Die aufgeführten Stücke sind keine konventionellen Bühnenstücke, zeichnen sich aus durch minimalste Bewegungen von Seiten der Tänzer.” Hinter der schmächtigen Person Ikedas verbergen sich einige Geheimnisse. Selbst die Einschätzung seines Alters bereitet Kopfschmerzen. Das Vorurteil des ewig lachenden Japaners gerät bei ihm schnell zum dummen Spruch. Ikeda ist, was man nicht vermutet wenn man ihn trifft, sehr politisch engagiert und hat sich sein eigenes Bild gemacht über Korruption in der Musikindustrie, sowie die Willkür der Staatsorgane.
Als wir auf Radiosender zu sprechen kommen, sagt er: “Es gibt immer wieder Versuche Piratensender zu installiern, aber die Regierung geht hart dagegen vor. Es gibt also keine Piraten- oder überhaupt interessante Sender. Die drei existierenden großen Sender, der nationale Sender, ein amerikanischer, kommerzieller Sender und der Lokalsender Tokyo FM sind alle schlecht. Hinzu kommt, daß eine Firma wie Sony alles kauft, was ihr in die Hände kommt, auch sehr experimentelle elektronische Musik. Ich habe meine Konsequenzen gezogen und eine eigene Firma gegründet, TCRC Ltd (Too Cruel Resistance Company) die gegen diese Großkonzerne in den Kampf ziehen soll. Ich arbeite zusammen mit drei Freunden, die als Designer und Editor tätig sind.”
Auch andere traditionell japanische Merkmale, wie ein Minimum an Lebensqualität in den Metrolen nagen an ihm. “Ich lebe in einem c.a. 16 Quadratmeter großem Appartement, mit tiefhängender Decke, was mich 2000 DM kostet, was gemessen am Durchschnitt billig ist. Ich habe zwei Räume, womit ich Glück gehabt habe, weil alle meine Freunde nur einen Raum haben und das gleiche zahlen wie ich. Es ist angenehm für elektronische Geräte wenig zahlen zu müssen, aber Grundnahrungsmittel wie Tomaten oder Fleisch sind dagegen unbezahlbar”. Manchmal arbeitet er an Installationen, wie Ende letzten Jahres in der tokyoter Metro zusammen mit Christophe Charles. Sein Auftritt beim Elektrik Trik Festival, Kölns Vorzeigebeispiel einer elektronischen Großveranstaltung Mitte Mai, war der erste überhaupt in Europa und der geheime Höhepunkt der drei Tage im Stadtgarten. Ikeda stellte Remixe von “+-” vor, sowie schnell geschnitte Cutup Musik. Dazu Ikeda; “Ich persönlich bevorzuge Minimalmusik, habe mir das Line Up der Veranstaltung angeschaut; David Toop, Scanner, Drome und mich dann dazu entschlossen einen entsprechend erweiterten Sound zu machen. Ich mag beides, minimale Musik im Sinne von “+-” und schnelle Cutup-, Zipping-Musik. Ich habe Touch diese Remixe angeboten aber sie waren nicht interessiert. Sie wollen mehr tanzorientiertes Material herrausbringen. Meine Platte “+-” war, glaube ich, seit langem die extremste Platte auf Touch. “Ich mag am liebsten reine Kunstveranstaltungen, auch wenn sie akademisch sind, oder reine kommunikative Veranstaltungen mit Unterhaltungscharakter.Was ich am Fernsehen mag, ist zu zappen.”

Veröffentlichungen:
Ryoji Ikeda +- (Touch)
Ryoji Ikeda – LP (Staalplatt)
Ryoji Ikeda – LP (1000 Fragments)
Remixe:
Alan Lamb (Dorobe)

Auftritte:
-World Tour von Dumb Type, die jetzt beginnt und bis 1999 andauern soll.
– Installation mit Dumb Type in Tokyo in diesem Frühling.
-Ryoji Ikeda Solo Performance in London im Disobey Club in diesem Herbst. .
-Installation mit William Forsythe vom frankfurter Ballet in Tokyo .

Kommentar zu dem Photo:
Ich mag es weil aussieht als ob ich auf einem elektrischem Stuhl sitzen würde. Es ist aufgenommen worden in einem amsterdamer Piratensender. Es gibt immer zwei Aspekte in meiner Musik, erstens eine Minimalstruktur zweitens eine Kompressions-Charakter.

Zitat: Ich mag David Moss, er improvisiert Pavarotti.

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Elektronische Lebensaspekte.