Si Begg konfrontiert als S.I. Futures das 2000er Modell vom technophilen Young Urban Professional mit Heaven 17, den Musikingenieurspoppern der 80er. Nur um festzustellen, dass man in der New Economy-Baisse mit Gary Newman viel weiter kommt.
Text: sascha kösch | bleed@de-bug.de aus De:Bug 53

S.I. Futures aka Si Begg
17 gute Gründe, jetzt Retro Futures Stock zu kaufen

Was würdet ihr von jemandem erwarten, der zu seinem neuen Album als erstes erzählt, dass er grade kurz vorher ‘No Logo’ gelesen hat? Richtig. Logos. S.I. Futures, das neue Projekt von Si Begg für Mute, brauchte ein Logo. Etwas, das richtig gut “coporate” aussieht. Und mit dem man quer über das Cover fahren kann, wie die Bremsspuren eines zu schnell rasenden Trucks. Das der eigenen Identität eine Rechtfertigung gibt. Sie zu einem Körper macht, an dem man in Form von Stock rumfleddern kann. Gleichzeitig schließt das Cover von “The Mission Statement'” eine Art Bogen. Von Heaven 17’s “Penthouse and Pavement'” zum Jetzt. Einem Jetzt, das merkwürdig in die Zeit zwischen Releasedate 2001 und Konzeptionierung 2000 fällt. Das Höchstphase und Untergang der nicht mehr ganz so frischen, aber immer noch omnipräsenten ‘New Economy’ einschließt. “Es geht tatsächlich auch wieder darum, den Leuten zu zeigen, dass es in Musik nicht nur um Geld geht. Dass es eine Kunstform ist. Und Humor ist einer der Wege, in denen man auch Dinge sagen kann, die man ernst meint, ohne dass es wirkt, als würde man predigen.” S.I.Futures klang sogar so sehr nach neuer Firma, dass die Webseite schon weg war und ein Extrapunkt in den eigenen Vornamen gesetzt werden musste. Besetzt von einer realen Company. “Aber es ist nur eine sehr kleine, und ich denke, wir werden damit durchkommen.” Etwas, das auch für sein Label Noodles gelten könnte, auf dem er sich schon mal heimlich Milliardenbeträge an ungeclearten Samples zu einer der absurdesten Formen elektronischer Musik around zusammenbunkert.
Als Si Begg von Intro, der englischen Designcompany, die seine Ideen umgesetzt hatte, das Layout für sein Album bekam, fiel ihm jedenfalls genau das auf: Der Heaven 17 Aspekt. Damals, eine frisch mit Buntstiften gezeichnete Welt von Young Urban Professionals Anfang der 80er mit rosa Telephonhörern, Bandmaschinen, Musikbörsen-Notationsnotizen in hochgekrempelten weißen Hemden und einem alles besiegelten Handschlag von Männern mit Zöpfchen in graulila Anzügen vor halberwachsenen Wolkenkratzern. Heute, um den Unterschied und den Sprung zu verdeutlichen, eine Photoshopbuntstiftsimulation mit Magnetschwebebahn und Parkanlagenstadtkonzept statt Aktentasche Einkaufstasche, statt Männern ein Touristenpärchen ohne Lächeln für den Businesspartner aber mit unsagbarem stummem Glück auf den in die Ferne der realsozialistischtechnologistischkonsumfetischistischen Zukunft gerichteten Gesichtern. Die Kommunikationsmedien sind längst zu klein, um gesehen zu werden, denn die Welt ist ein Screen der Einschreibung geworden, wäre eine der vielen Folgerungen, die man aus einem solchen Gegensatz herausholen könnte. Von den Machern zu den Gemachten ein weiterer. Daran anschließend entstünde ein dritter in einem Übereinanderlegen von Tracktiteln: Aus “Let’s all make a Bomb” wird “I’m the Bomb”. “Die Designer haben ja neben Albumcoverkunden auch richtige Firmen, und sie fanden es wirklich gut, sich endlich mal darüber lustig machen zu können.”
Damals, in den 80ern, die sich gar nicht mehr wiederbeleben lassen ohne massive Verschiebung, das Konzept der Gegensätze (Penthouse, Pavement) additiv vereint (and) im 17ten Himmel einer mit Städtenamen verzierten Eroberungsstrategie von innen (Es ist endlos oft von Soul die Rede auf diesem Heaven 17 Album). Explizit Anti-Reagan und antifaschistisch mit sarkastischen und, trotz massivem Einsatz, gelegentlich antitechnologischen aber psychologistischen Zügen. Heute das Konzept als Booklet zu einer Firmenveranstaltung mit Lounge-Seminaren über “Synergies in vertical networks” als schwärzeste Ironie der Immersionsemulation der Angestellten in den Firmenkomplex (Aus dem Booklet: “We don’t hope, we know, your’re going to have a great time”). Es geht gar nicht anders, weil alles eh anders ist. Während damals die Seele den Konflikt austragen musste zwischen Widerstand und Aufstieg (“Let’s all make a Bomb”), ist heute Objekt und Subjekt längst Teil einer ununterscheidbaren Firmenstrategie, (weshalb Heaven 17 sich auch noch abbilden mussten, Si Begg längst nicht mehr und noch nie), die man nur aussprechen muss: “I’m the Bomb” um sie als Sleeper explodieren zu lassen (auf dem Dancefloor natürlich, don’t try this at home). Nicht dass er Heaven 17 Fan gewesen wäre, damals, nein, Gary Newman! Das kommt seiner futuristischen Scifi-Ader einfach näher. Und dem Alienhaften, das ein Konzept ist. “Gary Newman hatte seine eigene Welt, das hat mich immer fasziniert. Dieses Darke, das Bladerunnermäßige.” Seinem Humor auch. Aber ungefähr dort verliert sich die Spur elektronischer Musik, der Si Begg folgt in einem Jenseits, das vielleicht noch als Sample taugt, aber nicht als Bezug in einer innermusikalischen Auseinandersetzung mit Strukturen. Aber es macht keinen Sinn mehr, heute Gary Newman zu sein. Lieber ist man gleich eine ganze Firma voller Angestellter, die alle Gary Newman sind.
Tatsächlich ist Si Begg immer noch und vor allem stolz auf die Errungenschaften der 90er Jahre, so blöd er auch jede Undergroundromantik findet (und vielleicht auch eben aufgrund dieser Errungenschaften). Wir reden von den guten alten, geheiligten Errungenschaften elektronischer Musik. “Heutzutage versuchen so viele wie eine Band zu sein. Aber elektronische Musik war für mich immer das nächste Level. Beyond Stadion Rock. Kein Heavy Metal, Ego-Stumpfsinn, Leadsänger. Es sollte nun wirklich das Gegenteil von Rock and Roll sein.”
Die Liste seiner Identitäten ist entsprechend, aber nicht außergewöhnlich lang. Betrachten wir sie mal als Strafregister, notieren ein paar Hinweise und legen sie schnell zu den Akten: Si Begg (von Simon), Inevitech (mit Vogel), Cabbage Head, Bigfoot, Cabbage Boy, Buckfunk 3000 (viele B’s und doppelte Konsonanten und Vokale, gell?), Bigfoot Futures Ltd. (schon 1996, eine konstante Person), Dr. Nowhere vs. the Maverick DJ (er liebt Dr. Who) und diverses anderes auf Noodles, wie wir vermuten seinem Label für nudelige Musik (siehe F. Zappa). Endlose EPs seit 1994 (die erste lustigerweise auf einem UKTechno-Label namens Berlin) und eine gute Handvoll Alben. Früher Mitstreiter bei Vogels Mosquito Label, heute dort noch Act, dann bei Eukatech, Trope, Language Records, auf Ninja, Force Inc, Tresor, Spymania, Fuel, Caipirinha, Drought, Noodles natürlich, usw. und unzählige Compilationbeiträge. “Ich arbeite meist sehr fokussiert an einem Projekt für ein paar Monate, und dann geht es an das nächste. Wenn ich im Studio auf so etwas wie eine Mauer treffe, dann mache ich halt einfach für ein paar Tage Labelarbeit, das ist das Gute daran, wenn man so viele verschiedene Dinge zu handeln hat.”
Seine Musikgeschichte ließe sich so schreiben: Als Kid: 80er Elektropop (Gary Newman wie gesagt, OMD, Depeche Mode u.ä., Cabaret Voltaire, Throbbing Gristle und Experimentelleres nur in Retrospektive, weil damals noch zu klein). Als Teenager: frühe Warp Tracks, Bleeps und Hardcore ab Shut Up And Dance mit einem Hauch Synthesizerkonzeptalbum Euro-Pathos und Kraftwerk, und schon macht man es selber. Irrelevant? Nein, all das hört man nämlich immer noch in seinen Tracks und in der Rückbewegung in eine sehr spezielle Zukunft. Die von S.I. Futures. “Ich mag diese Periode von Musik immer noch. Elektronische Musik war etwas, das so neu klang. Bei Bleeps und Basslines war es so trocken, so leer und funky, aber gleichzeitig so roh und elektronisch futuristisch. Crisp und sparse. Das war minimal, ohne auf es auf diese repetitive Art sein zu müssen wie heutzutage alles Minimale. Und vermutlich versuche ich mit vielen Tracks zu den Prinzipien elektronischer Musik von damals zurückzukehren. Zu dieser Art, das Elektronische an sich richtig zu feiern.”

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Elektronische Lebensaspekte.