Text: Barbara Kirchner aus De:Bug 17

Computer als Gebüsch Sadie Plants “Nullen und Einsen” Barbara Kirchner KIRCHNER@UBACLU.UNIBAS.CH Wenn das Buch “Zeros and Ones” von Sadie Plant ein mathematischer Traktatus wäre, wenn es also in den von der formalen Logik, der Zahlentheorie, der Geometrie, der theoretischen Informatik und allen ihren Cousinen abgesegneten Aussageformen wie Proposition, Theorem, Lemma und so weiter verfaßt wäre, dann könnte ich aus der von Plant gleich vorne hingeschriebenen Proposition: “Frauen waren maßgeblich beteiligt, bei jedem Schritt hin zu den Maschinen der modernen Elektronik, ihrer Software und den sie transzendierenden neuen Strukturen, wie dem Internet, das weder eine bestimmte Software braucht, noch eine bestimmte Hardware ist” das schöne Korrolar ableiten: “Und deshalb, liebe Frauen, müssen wir uns unter Ausschluß der Jungs mal drüber unterhalten, warum wir und unsere Vorfahrinnen von Ada Lovelace bis Pat Cadigan diese Evolution digitaler Maschinen eigentlich gefördert haben, was wir damit jetzt machen wollen, wann endlich die große Feier losgeht usw.” Da würde der Bildschirm für alle männlichen Leser dieser Zeilen plötzlich schwarz, und das Geschlechterinterface, eine Erfindung aus vordigitaler und vorfeministischer unzivilisierter Zeit, bräche zusammen. Nur geht das nicht. Denn in dem Buch stehen, da es in abwechselnd lockerer, dann wieder zergliedernder und ein andermal plötzlich mitreißender P-r-o-s-a geschrieben ist, und nicht in Formeln und Folgerungen, keine Fertigbausatz-Syllogismen, sondern bloß eine Menge Informationen, Thesen, Parolen, Witze, Phrasen, gute Einfälle und auch ein paar Fehlerchen. Wie war nochmal das Verhältnis von Denkrichtungen, die lange Benachteiligten (z.B. Frauen) zu ihrem theoretischen und praktischen Recht verhelfen wollen, zum Vorgang der “Begriffsfindung”? Cyberwas? PraktikerInnen (nicht “Praktikantinnen”, Mr. Clinton!) finden ausgedachte Begriffe meistens Scheiße. Im Hacker-Heftchen “2600” stand z.B. schon 1995 mal im Rezensionsteil: “This review was written without the use of the following terms: cyberpunk, cyberspace, digital highway, global network, infobahn, infoway, information superhighway, cracker, on ramp. With a little effort, you can avoid using these terms as well.” Worauf ich hinauswill? Darauf, daß man über das Buch von Sadie Plant anscheinend nicht sprechen darf, ohne dauernd das neumodische Lexem “Cyberfeminismus” in sämtliche Sätze zu interpolieren. Cyberwas? Es ist aber gar nicht so, daß sich “Nullen und Einsen” als Manifest andient. Das Buch, das seinen Hype in den folgenden Wochen einfach schultern wird oder drunter plattgehen, ist kein neuer Quatsch, sondern leistet auf seine Art, was alle verdrahteten (“wired”) Frauen leisten sollten – die ganz allmähliche und alltägliche Distribution von argumentativem Kleingeld für andere Frauen, die sich vom “Phänomen” Computer nicht mehr einschüchtern lassen wollen. Was nämlich unbedingt aufhören muß: daß irgendwelche Burschen, ob Microsoftbills oder Hacker, zum “Volk”, den Kindern, Weibern und von der Entwicklung abgehängten Greisen, heruntersteigen und sagen: ich habe da diesen brennenden Dornbusch gesehen, da standen Buchstaben drin, die habe ich mir gemerkt, und jetzt hört zu, was Gott von euch will… Moses hat ausgespielt, wenn alle erfahren (oder sich ein eigenes Bild machen dürfen) was für eine Pflanze (Plant) so ein Computer ist, was für ein Gestrüpp das Internet. 1. Nullen und einsen… Dazu brauchen wir: 1.) Eine Bestandsaufnahme unter Anleitung von einem oder mehreren Leitbegriffen. Sadie Plant wählt den Begriff “digital”. Ich weiß nicht, ob das eine gute Wahl war. Plant betont damit einen grundlegenden, aber leider auch statischen Aspekt, friert ihn begrifflich ein und macht sich von da aus an eine Analyse des Geschlechterproblems als 0/1-Frage. Es wäre vielleicht besser gewesen, sich nicht auf Nullen und Einsen sondern auf den mit diesen vorgenommenen Prozess des Computing selber und dessen Parameter zu konzentrieren. Ich arbeite z.B. gerade mit der Programmiersprache FORTRAN 95, und da fällt mir wiedermal auf, daß die Maschinen in Algorithmen arbeiten. Die 0/1-Binarität ist zwar elegant und praktisch (wg. An- und Abschalten), aber sozusagen noch zu arbiträr: 0/1-digital müssen “Computer” (wenn man sich mal gedanklich traut, über den Tellerrand zu gucken) nicht sein, ein mathematisches Beweisverfahren z.B., auf einer hypothetischen Beweismaschine, kann auch anders ablaufen, aber Algorithmen braucht es auf jeden Fall. Da Plant nun aber mal die 0/1-Begrifflichkeit gewählt hat, zieht sie die durch, und das ist auf jeden Fall spannend zu lesen. Ich hätte meine Kritik ja auch gar nicht formulieren können, wenn sie weniger entschieden argumentieren würde. So eine Transparenz ist auf jeden Fall ein dickes Plus und konnte nur passieren, weil es ihr wirklich um was geht. 2. Geschichte Wir haben also die Beschreibung, als nächstes brauchen wir: 2.) eine Herleitung des beschriebenen Zustands aus der Geschichte, nur das macht klar, daß der Istzustand mal eine Alternative aus vielen war, die ausgewählt wurde. Das Buch enthält also Geschichte. Woher der Begriff “debugging” kommt, beispielsweise, und daß Charles Babbage, der die “Differenzmaschine”, den ersten Computer, gebaut hat, wie viele Praktiker nicht begriffen hat, was er da gebaut hatte, dazu also eine spekulierende Frau brauchte, Ada Lovelace. 3. Evolution. Schließlich, Synthese von 1.) und 2.), als Letztes: 3.) eine (wieder begriffliche) Beschreibung der Möglichkeitsbedingungen von Geschichte. Plant bedient sich dazu der Evolutionstheorie als der im Moment fortgeschrittensten Begrifflichkeit von Komplexität auf Zeit. Auch hier gäbe es was zu kritisieren, indem nämlich manchmal nicht klar ist, wieweit sie weiß, daß man ein Denkmodell wie das, das BiologInnen seit Lamarck, Darwin etc. entworfen haben, nicht benutzen kann, ohne davon in ganz bestimmte Argumente reingezwungen zu werden- so könnte ein gewieftes Arschloch ihr eventuell nachweisen, daß man nicht einerseits, im historischen Teil, behaupten kann, das, was scheinbar im Off von Frauen gemacht wird, sei wesentlicher, weil zukunftsträchtiger, als das, was die Männer im Rampenlicht (Babbage etc.) angestellt haben, und dann andererseits mit der Evolutionstheorie hantieren, die immer nur das zukunfsträchtig findet, was sich dem Gegebenen am direktesten anschmiegt (“the fittest”). Aber diese Sorte Kritik ist auch irgendwo haarspalterisch. Zunächst mal müssen doch Karten ausgeteilt werden, damit gespielt werden kann. Das macht Sadie Plant. Dafür Danke. Und wer wird das Spiel gewinnen? Keine Ahnung, ich weiß nur, wer es spielt: all die Frauen, die Desktoppublisherinnen, Webseitengestalterinnen, Plattenmischerinnen, SF-Autorinnen, Technomusikrezensentinnen und du und ich und Sadie Plant. Wir, meine Damen, sind über den Status des ewigen “Newbie”, wie’s auf Netspeak heißt, hinausgewachsen. Wir sind dabei. Wir gehen nicht mehr weg. Das ist doch was! Sadie Plant: Nullen und Einsen, Berlin: Berlin Verlag 1998, DM 39.80 ZITAT EINS: Zunächst mal müssen doch Karten ausgeteilt werden, damit gespielt werden kann. Das macht Sadie Plant. Dafür Danke. Wir, meine Damen, sind über den Status des ewigen “Newbie”, wie’s auf Netspeak heißt, hinausgewachsen. Wir sind dabei.

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Elektronische Lebensaspekte.