"Berlin ist ein Nimmer-Nimmer-Land, ein Spielplatz"
Text: Michael Döringer aus De:Bug 172

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Der verlorene Sohn kehrt nach acht Jahren mit seinem ersten Album zurück: Matthew Patterson Currys flauschiger Gesang schlägt eine Brücke zwischen House und Pop, und darauf flanieren Happy-Sad-Songs für ein besseres Leben.

Text: Michael Döringer

“Tut mir leid, ich habe noch einen Extra-Kaffee gebraucht”, entschuldigt sich Matthew Patterson Curry, als er mit leichter Verspätung im Skype-Fenster aufpoppt. Die letzten vier Tage musste er immer ab sechs Uhr morgens arbeiten, seufzt er ein bisschen. “Das war kein Spaß.” Matthew führt mittlerweile ein solches Leben, in dem man sprichwörtlich mit beiden Beinen fest drinsteht. Alleine um in New York City, wo er seit einer Weile wohnt, vernünftig durchzukommen, muss man fast pausenlos aktiv sein, sprich Geld verdienen.“Ich mache verschiedene Audio- und Tonjobs, die sich sozusagen im Glamour-Faktor unterscheiden”, erklärt Matthew. “Manchmal lege ich bei Fashion-Shows auf oder komponiere die Musik für Werbespots. Oft kümmere ich mich auch um den Ton bei Konferenzen und dergleichen, das ist eher langweilig. Damit habe ich auch meine letzten Tage verbracht. Aber ich hab es überlebt, und es ist leicht verdientes Geld. In New York geht es nicht ohne, es ist ganz schön hart hier. Mittlerweile habe ich mir auch ein Studio gemietet, und allein um die Miete zu zahlen, muss ich eigentlich ständig arbeiten. Als ich in Berlin wohnte, hatte irgendwie niemand Jobs.”

Natürlich müssen wir über Berlin reden. Matthew, aka MPC, ist schließlich ein alter Bekannter, in den letzten Jahren etwas aus dem Blick geraten, wie ein verlorener Sohn, der zwar nichts Böses angestellt hat, aber einfach nichts mehr von sich hat hören lassen. Er hat uns fast ein wenig zurückgelassen. Nachdem sein letztes Album “Tainted Lunch” 2005 bei Poles ~scape-Label erschien, ging er nach knapp einem halben Jahrzehnt weg aus Berlin und zurück nach San Francisco. Wiederum für fünf Jahre, bis er das Land Richtung Ostküste durchquerte. Das allerletzte Safety-Scissors-Lebenszeichen hörte man 2007 auf einer Split-Maxi mit Ben Klock, wo Ellen Allien Matthews “Where Is Germany And How Do I Get There” via Remix das Marschieren beibringt. Und wie es der Zufall will, kehrt Safety Scissors nun auch auf BPitch zurück, in voller Länge, in full effect.
Eine symbolische Heimkehr nach Berlin allerdings nur, und die guten alten Zeiten sollen auch dieselben bleiben. Denn 2001 liegt so lange zurück, in dieser Zeit hat sich nicht nur Berlin gewandelt, wir alle leben in ganz neuen Bezugssystemen. Damals war Matthew, der Art-School-Dropout aus Mangel an Praxisglauben, noch “einer der besten Powerbook Acts aus San Francisco” (DE:BUG 45), und wollte nach seinem Debütalbum “Parts Water”, einer verschroben melancholischen Elektronika-Platte, die perfekt zwischen Minimal-House und IDM-Pop pendelte, nur eines machen: Pop und noch mehr Pop, noch mehr singen, noch mehr Spaß haben und eklektischen Klamauk in gleichzeitig immer bescheidene Hymnen auf höchstem Vordenker-Produktionsniveau verpacken. Vielleicht war er dabei zu freizügig, denkt Matthew im Nachhinein:
“‘Parts Water’ war moody, unterwassermäßig und auch finster, ‘Tainted Lunch’ war ein bisschen poppiger und albern, fast zu albern für mich. Jeder Track hatte Vocals, und wenn ich so zurückblicke, dann gefallen mir einige davon gar nicht mehr. Das neue Album liegt zwischen den beiden, würde ich sagen. Alle meinen, es ist erwachsener geworden, und das kann ich nachvollziehen. Ich bin ja auch älter geworden. Und die ganze Zeit, die ich mit dem Material verbracht habe, hat das Ganze wohl auch einfach reifen, professioneller werden lassen. Die Moodyness ist noch da, gleichzeitig sind die scharfen Kanten von ‘Tainted Lunch’ ein bisschen abgeschliffen. Es war immer mein Plan, eine neue Platte zu machen. Ich mache mein Ding, und da bin ich einfach etwas langsam.”

 
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Hustle am laufenden Band
“In A Manner Of Sleeping” klingt auch wie eine wohlüberlegte Platte, ohne die Leichtigkeit einzubüßen, die Matthews Songs in jeder Sekunde trägt. Es ist auch kein Bruch, kein Neuanfang oder eine Neuauslegung von Safety Scissors, sondern einfach nur MPC in Bestform, die Quintessenz, die man so noch nicht gehört hat. Über die letzten acht Jahre musste diese heranreifen, acht Jahre seit dem letzten Album und seit Matthews Heimkehr in die USA. Wegen eines Jobs bei einer Softwarefirma, für die er schon in Berlin gearbeitet hatte, ging er zurück nach San Francisco, aber auch wegen der alten Freunde dort und den Annehmlichkeiten des eigenen Landes, wie er sagt – der gefühlt größeren Freundlichkeit der Menschen dort, und vor allem wegen des Essens. Dass ihm die internationale Küche in Berlin mittlerweile auch munden würde, mag er nicht so recht glauben. Nach fünf Jahren San Fran und einem weiteren Job bei einem TV-Sender zog es ihn weiter: “Die Stadt ist sehr entspannt und verschlafen, ich brauchte aber einen Tritt in den Arsch, den dir eigentlich nur New York geben kann. Es motiviert, hier zu leben, man muss hustlen und am laufenden Band Dinge machen, um es sich leisten zu können. Das mag ich irgendwie. Wäre ich in San Francisco geblieben, hätte ich wahrscheinlich das Album nicht fertig gemacht. Deshalb habe ich auch Berlin anfangs nicht wirklich vermisst. Ich war bereit, mich einfach mal auf Arbeit zu konzentrieren. Und Berlin, zumindest als ich dort wohnte, und so ist es wohl immer noch, ist ein Nimmer-Nimmer-Land, ein Spielplatz, wo du die ganze Zeit rumhängen kannst und nichts machen musst, wenn du es so willst.”

Trotz geregelterem Leben ist er aber doch mehr als ein Feierabendmusiker: “Wenn ich von einem langen Arbeitstag nach Hause kam, habe ich herumgespielt – einen Loop angefangen, Bass gespielt oder mit Effekten rumgemacht. Das war ein bisschen wie Therapie, um einfach nur was aus den Boxen rauszukriegen, aus mir selbst. Das war meine einzige Motivation.” Das klingt nach Perfektionismus, und da will man doch wissen, was für einen MPC mittlerweile das wichtigste Kriterium ist, damit er zufrieden mit einem Song ist? Der Perfektionist bleibt da natürlich vage – richtig müsse es sich anfühlen, “nach mir. Und interessant. Alles andere bleibt auf der Strecke.” Auf einmal gerät er ins Schwärmen – beim Auflegen wäre ja alles so anders und einfacher. “Ich lege mit jemandem regelmäßig zusammen auf und wir spielen alles, sehr amerikanisch gemixt, Baltimore und Jersey Club und HipHop. Mein Kollege sagt immer: Lass uns doch genau solche Tracks machen! Und ich habe es versucht, es macht auch Spaß, fühlt sich aber doch komisch und unbehaglich an. Es ist letztendlich nicht mein Ding, denn Produzieren ist doch viel persönlicher als Auflegen. Es muss sich, für mich zumindest, extrem persönlich anfühlen.”

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Das Happy-Sad-Verhältnis
Was genau er damit meint, hört man relativ unverschlüsselt auf “In A Manner Of Sleeping”. Es steckt bei Safety Scissors eigentlich in allen klitzekleinen Details, in jedem elektronischen Fiepser und süßen Knacksen, jeder samtenen Bassdrum und flauschigen Textzeile: Matthew will intim werden, aber Würde wahren, er will aufrichtig sein und doch ein wenig vage bleiben. Freundlich und fröhlich, aber immer nachdenklich. Viel zu selten zeigen einem Platten so deutlich, mit was für einem Menschen man es eigentlich zu tun hat. Und wenn Musik so klingt, wie der Künstler sich fühlt, dann darf man das auch “persönlich” nennen. “Mein Sinn für Humor ist ähnlich”, sagt Matthew, als wir über das richtige Happy-Sad-Verhältnis in seiner Musik reden. “Würde ich noch mal zur Uni gehen, dann würde ich ein neues Fach für ‘Humor’ entwickeln und studieren, auf eine sehr ernsthafte Weise. Es ist so wichtig, Humor ernst zu nehmen und sich umgekehrt über ernsthafte Dinge lustig machen zu können. Ich nehme mir nicht vor, fröhliche oder traurige Sachen zu machen, aber ich will meine Melodien schön catchy bekommen, und am Ende klingt es dann eben melancholisch. Viele nehmen das mit der depressiven Musik einfach auch viel zu ernst. Ich bin meistens ein sehr fröhlicher Mensch, und erfreue mich an vielen Dingen. Daran liegt das wohl.”

Und weil die nächste triste Krise bestimmt kommt, sollte man sein Angebot einfach mal annehmen – ist doch alles nicht so schlimm, flüstert jeder Safety-Scissors-Song. Alles ist gut. Und Matthew selbst hat durch sein kleines Comeback auch neuen Schwung in die Segel bekommen, denn er arbeitet schon an der Fortsetzung: “Die nächste Platte wird ein Cover-Album. Allerdings nicht mit Songs, die ich per se unbedingt covern möchte, sondern es gibt ein Thema – das werde ich aber nicht verraten. Es sind sogar viele Songs dabei, die ich vorher nicht mal kannte. Nur so viel: allen Künstlern, die ich covere, ist genau dasselbe zugestoßen.”

Safety Scissors, In A Manner Of Sleeping, ist auf BPitch Control/Rough Trade erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

Safety Scissors versucht den Drahtseilakt ohne Netz und doppelten Boden und wagt sich in die Gefilde des Pop, fällt dabei in ein Berliner Zirkuszelt, um mit richtungsweisenden Freunden einige musikalische Abenteuer zu bestehen.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 95

Uncool im Zirkuszelt
Safety Scissors

Es soll so eine Phase im Leben eines Elektronikers geben, in der er innehält, sich Gedanken macht und schließlich fragt, wie das mit den Tracks ist, und wie das wohl wäre, wenn daraus Songs würden, ganze Lieder. Wenn er richtig überschwänglich wird, denkt er dabei an Gesang, vielleicht sogar seinen eigenen.
Die Umsetzung solcher Überlegungen in die kompositorische Wirklichkeit ist immer ein Abenteuer, man kann sich ein bisschen in diesem Magazin umschauen und nach Knartzravern gucken, die wieder wutschreiende Punkrocker sein wollen.

Nun ist es nicht gänzlich absonderlich, dass Matthew Patterson Curry alias Safety Scissors seinen Stimmbändern Gestalt gibt, das hat er früher auch schon getan.
“Ich denke, dass es zwar Songs auf Parts Water gab, aber ich bin eigentlich nur in sie hineingestolpert. Bei Tainted Lunch war die Idee, Songs zu machen, von vornherein da. Es ging mir immer explizit darum.”

Will er denn ein Popstar sein, ein nachdenklicher? Und geht das überhaupt vernünftig? Schon bei seinem ersten Album hat er der Debug von kuriosen Plänen von zukünftigen Boygroupbildungen mit Suthek und Kit Clayton erzählt, die sind heute allerdings gelaufen, sagt MPC, aber die Idee, irgendwie Pop zu machen, die ist immer dagewesen. “Seit dem letzten Jahrhundert hat sich die meiste Popmusik über Gesang definiert und es geht immer um die Idee, einen Song zu machen. Ich denke, dieses Format hat einen unumgänglichen Eindruck in der Art, wie ich Musik höre, aber auch mache. Viele Musiker sind irgendwann gelangweilt, einfache Tracks zu machen, dann Lyrics und Pop-Arrangements zu verwenden, ist halt der einfachste und erste Schritt.”

Safety Scissors singt auf dem neuen Album auf allen Tracks. Und nicht nur das: Sie sind auch sonst ganz anders als auf allen vorherigen Veröffentlichungen. Wo früher eine verletzliche, schwermütige Stimmung verfrickelt dubbigen Techno beherrschte, wird nun fröhlich dahergepoltert. CutUp-Elektronika trifft dekonstruktive Poptechno-Avancen oder fiepsige Gitarren und immer schrillt seine Stimme klamaukvoll darüber. Zwar verschließt er sich so zunächst einigermaßen clever handelsüblichen Zuordnungsversuchen … irgendwie hackt es aber komisch, vielleicht zu komisch.
“Ich denke nicht, dass meine Musik in Popmusik-Kategorien fällt, sie spielt nur mit einzelnen Referenzen. Die Glitch-Elemente setzen es immer wieder davon ab und lassen es zu etwas anderem, eigenem werden, dass mit Radiomusik eigentlich überhaupt nichts mehr zu tun hat.”
MPC mag eben keine Eindeutigkeiten. “Ich denke, dass es nicht gut ist, sich zu sehr einem einzigen Style zu verpflichten.” Alles soll verfransen, man hört sich da durch dieses Songgewebe und bleibt etwas ratlos, Erinnerungen werden wach, an lustig scheppernde Kirmesmusik aus Kindertagen, Kleinkunstabende oder artistische Zirkusvorführungen, wo immer alles durcheinander rummelte. Ein Seiltänzer ist da, der versucht sich zu halten, balanciert zwischen den Dächern und bleibt irgendwo auf der Strecke. Und natürlich ein Clown. “Ich liebe traurige Clowns. ‘Parts Water’ hatte ein paar Momente dieser Stimmung, aber auf ‘Tainted Lunch’ ist noch viel mehr von diesem unglücklichen Entertainer, der manisch versucht, die Extreme Glück und Traurigkeit zu balancieren.” Ein Drahtseilakt, ein artistischer Soundtrack. “Parts Water präsentierte eine mehr homogene und tiefere Atmosphäre, Tainted Lunch hat mehr den Charakter einer Performance.”

Auratisierendes Lächeln

Man fragt sich ein bisschen, wo er das alles her hat, dieses vehemente Sichveräußern und irgendwie bewusste Verheddern, das auch in der Programmierung keine Lücken mehr lässt. Kevin Blechdom macht verrückte, schwierige Musik, die tut manchen in den Ohren weh. “Ja, aber es ist bloß Musik, mit der wir die Leute verletzen. Weißt du, Kevin und ich wohnten zusammen, in Kalifornien und dann in Berlin. Es macht einfach Spaß mit ihr zusammen zu sein, man kann schlechte und perverse Witze mit ihr machen und auf die absurdesten Ideen kommen, gerade in Bezug auf Musik. Ich möchte viel mehr mit ihr zusammen machen.”
Nun ist Safety Scissors bestimmt kein Abschreiber, weder von Kevin Blechdom noch von Erlend Oye, der neben Francoise Cactus den Berliner Hipsterreigen an Mitmusikanten schließt und dessen Gesangsstil auch immer wieder durchklingt. Die Berliner Gästeliste macht dennoch die Wendung seiner musikalischen Attitüde klar. MPC ist mittlerweile wieder nach San Francisco gezogen. Aber was hat das mit ihm und dieser Stadt auf sich? “Es ist definitiv mein ‘Berlin Album’, alle Lieder sind dort entstanden, es erinnert mich sehr an die Zeit, Ich weiß aber nicht, inwiefern dieses Album für irgendwen sonst Berlin bedeutet.” Berlin also als lustiges Zirkuszelt, in dem trotz allen Schabernacks die angeheiterten Augen unvermutet trocken bleiben. Wo Verwirrung herrscht und alles ein bisschen albern ist. “Der Unterschied zwischen einem Zirkusartisten und einem Musiker ist, dass Zirkusleute diese ganze Coolnessgeschichte nicht brauchen. Ich mag es nicht, wenn Musik zu cool ist. Leider fällt Musik, die versucht, Performenceelemente zu benutzen, oft in solche trendigen, coolen Kategorien. Wenn ich an verrückte Zirkusleute denke, finde ich manchmal, dass sie viel mehr mit dem wahren Leben verbunden sind als irgendwelche Musiker.” Auf jeden Fall ist Tainted Lunch nicht cool. Safety Scissors befindet sich in anderen Sphären und das hat etwas ganz unverbraucht Schönes, aber so eine vehement vorgetragene Naivität kann eben auch, na ja, jeden Spaß halt ein bisschen verderben. Dann klingt alles irgendwann nur noch kapriziös, gewollt und wie ostentatives Narrentum. Pop strahlt plötzlich Stress aus und was lustig gemeint ist, karrikiert bloß noch verdrehten, aufdringlich unbeholfenen Camp, der irgendwann vor lauter Scheinwerferlicht ganz egal wird.
Henry Miller hat in “Das Lächeln am Fuße der Leiter” die Beschreibung eines Clowns geschrieben, der die Leute nicht mehr zum Lachen bringen kann. Dieser hat sein alle Zuschauer auratisierendes, ekstatisches Lächeln nicht mehr hinbekommen, weil er zu verkrampft versuchte, diesen Eindruck in sein Gesicht und ins Bezugsfeld der Zuschauer zu zaubern. Nach einer langen, beschwerlichen Reise gelingt es dem Clown aber wieder, die Menschen in Verzückung zu bringen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Kunststudent, Theaterfreund, Boygroupgründer...Safety Scissors ist ein waschechter Amerikaner in Berlin. Mit mindestens 12 Millionen unendlich guter Platten hat er mit seinen Kumpels Kit Clayton und Sutekh Elektronisches aus den USA wieder interessant gemacht und clickt House in unser aller Lieblingsunendlichkeit. Mit Gesang und Caipirinha auf der Bühne.
Text: sascha kösch aus De:Bug 45

house

Doing it Dorkstyle
Opfer: Safety Scissors

Don’t believe the Bio. Bios sind blöd. Als Vorsilben verursachen sie grauenvoll ethisch triefende Debatten voller verantwortungslos dahingeplapperter Pseudowissenschaftlichkeit (Genblablabla), und in Wortformen wie Lebensläufen und ähnlichem scheinbar Erklärendem machen sie alles nur noch undurchsichtiger. Also pflegen wir gerne, wenn Bio auftaucht, einen gepflegten Unglauben mit großem Radiergummizeigefinger. Das zahlt sich aus.
Unterhält man sich mit Safety Scissors, aka Matthew oder MPC, wie sein Realname lautet, dann merkt man schnell warum. Er hat einen Lebenslauf, darüber sind wir uns nach ein paar Minuten klar, der für mich klingen muss wie das Grauen. Seine Tracks hingegen, oder er selbst, bewirken so in ungefähr das Gegenteil. Die Welt ist gut. Geduldig in Widersprüchen verhakelt, aus denen man bindende Weisheiten pflücken kann.
Matthew ist ein Kunststudium-Abbrecher. Ein Art School Drop Out aus Mangel an Praxisglauben. Theoriefreund, aber mit dem Willen mehr zu tun, zu produzieren. Mit der Option allerdings, wieder mal einzusteigen. Mit dem Glauben an das Theater (die kleine Variante, in einer Linie mit Beckett etc.), einer Vorliebe für Situationisten, dem Willen, vielleicht doch noch mal mehr Kunst zu machen, mehr Skultpuren oder Installationen, wie wir vielleicht sagen würden, jemand also, der von eigenen Idealen eines sinnvollen Lebenslaufs nicht weiter weg sein könnte.
Als einer derjenigen, die im Zug der amerikanischen Revitalisierung elektronischer Musik plötzlich vor nicht allzulanger Zeit auftauchten und San Francisco zu einer wichtigen Referenz auf der Landkarte des Powerbooksounds machten, ist Safety Scissors jemand, der bereitwillig bei seiner eigenen Demontage hilft. Nein, das mit den Powerbooks ist wirklich nur ein Label. Tatsächlich stehen die Dinger nur auf der Bühne rum und alle produzieren Tracks mit viel mehr Equipment und meist auch mit anderen Rechnern (G4s z.B. sind beliebter als man denkt).

Kaputte Musik…
Er verfolgt so eine Art Ideologie der Dorks. (Nein, nicht Borgs, Dorks). Was aber nun sind Dorks. Im Interview hatte ich hoch und heilig geschworen, mich mit diesem Zweig der Biologie bestens auszukennen und dabei felsenfest an diesen großen Vogel gedacht, der zwar fliegen, aber nicht landen kann. Und das verbunden mit japanischen Poesiebuchsprüchen wie “Men make mistakes, horses stumble” oder pseudofluffigen Adjektiven wie “tölpelstyle” in einer Nuancierung von Becketts Aufnahme des Versagens in die Kunst der Literatur.
Wir haben uns lange über Fehler unterhalten. “Eigentlich ist es schon seltsam, wie sehr diese Musik, Glitch, Clicks etc. ja aus Fehlern bestehen soll, am Ende sich aber alles immer so perfekt anhört.” Der freie Fall in die Technologie hat nicht nur einen doppelten Boden. Und grade in dieser Sicht auf die Unmöglichkeit der Willkürlichkeit eines Scheiterns in der Technologie und dem Versuch und der nochmaligen Verdoppelung einer Inszenierung eben dieser Idee liegt irgendwo das Zentrum von Safety Scissors’ Beitrag zum Universum der elektronsichen Musik. Clever oder? Nebenbei ließe sich das auch als Safety Scissors beschreiben. So in zwei Worten. Ein Mann der Reduktion ist er nämlich doch.
Aber Matthew ist dabei nicht einfach eine amerikanische Variante des Scheiterns als Chance Schlingensief Syndroms, das man in gähnend langweiligen 80er Provoshows in schlapp auf MTV als hippe Kultur verkauft bekommt. Seine Performances (wenn man seine Liveauftritte mal so nennen möchte) sind eher leicht linkisch schüchtern. Dabei aber sehr perfekt, ruhig und angenehm, obwohl man sich wünschen würde, damit einen Ravefloor zu kicken, was sogar ginge. Eine Art Ikone sitzt da hinter dem Powerbook, auch wenn er singt. Kein Wunder, dass Safety Scissors gerne in Japan auftreten würde, und die Japaner von nichts anderem träumen würden, wenn sie wüssten, dass es ihn gibt, wie es ihn gibt. Das Merkwürdige daran wiederum ist, dass er am liebsten Steptanzeinlagen in sein Set integrieren würde. Wie er überhaupt am liebsten Steptanzschuhe jeden Tag tragen würde (nicht, dass er irgendeine Begabung fürs Steppen hätte, aber er war grade in Australien auf Tour) und Louie Austen als großen Entertainer bewundert, obwohl er ihn noch nie gesehen hat.

…und was daraus werden könnte

Safety Scissors möchte eine Boygroup werden. Noch mehr singen. Noch mehr Popmusik machen und sogar Rock. Einfach so. Das ist seine Berliner Idee. Denn Matthew ist ein Berliner. Vor einiger Zeit ist er zusammen mit Sutekh hier rüber, hauste eine Weile lang in einem San Francisco 2Zimmerfür4Amis-Camp in Mitte und versucht nun eine vernünftige Basis als Wohnung zu bekommen, was zur Zeit gar nicht so leicht ist, aber notwendig, damit er nicht ständig herumreisen muss um aufzutreten, weil es in Moabit nichts Vernünftiges zu essen gibt.
“Ich glaube, in keiner anderen Stadt wäre es so uncool, Rock zu machen.” Da kann er Recht haben, aber wir überlassen diese Frage seinen Biographen und wenden uns lieber der Androhung und Verheißung einer kommenden Boygroup zu. Mit den anderen Boys aus dem Yard. Sutekh, Kit Clayton und so. Es wird aufwendig werden, in die Lyrics und deren Inszenierung bei allen Versuchungen der DSP Romantik soetwas wie Glamour hineinzuzaubern, aber man kann sich auf diese Bande verlassen. Und wer sonst sollte die erste Powerbookboygroup werden? Wer hätte es mehr verdient. Vielleicht machen dann Lesser, Hrvatski und Kid 606 auch eine, und die Welt wäre wieder aufgeteilt in die Guten und Bösen, in Rolling Stones und Beatles.
Neben zahlreichen Releases auf nahezu jedem dafür bekannten US Label (Carpark, Cytrax, Delay, Belief Systems, Tektite, Context, Plug Research, ….) und ein paar 12″es auf der US-Eremitenheimat Force Inc (bzw. Force Tracks) und einer schon jetzt vollgepackten Releaseliste für die Zukunft mit allein drei Alben dieses Jahr hat Safety Scissors grade sein eigenes Label gestartet: Proptronix ….

Laptop zum Runterwerfen

Proptronics sind aufgeplusterte Plastik Hitech Wannabees, die in Möbelläden rumstehen, damit sie bewohnt aussehen, denn nur was eine Hifi-Anlage und einen Computer hat, ist bewohnt, das würde kein vernünftiger Mensch diesseits der Zivilisationsgrenzenhegemonie bestreiten. Ein Stück Plastik, dass so tut, als wäre es Technologie. Lange Zeit hatte Safety Scissors ein Proptronic Laptop. “Mit merkwürdig blauschimmerndem Screen. Das sah richtig lebendig aus.” Das ließ er immer fallen, damit sich Leute erschreckten. Safety Scissors mag Fallen und fallenlassen. Die Wirklichkeit ist ein Ding. Und mit Dingen kann man arbeiten. Hinter einer Platte auf Proptronix steht immer eine Frage, die die Welt bewegt. Z.B. Pigeonfunk. Wozu würden Pigeons tanzen, oder was fänden sie funky. Und Electric Pants, die nächste: Was wäre, wenn wir alle elektronische Hosen tragen würden. (Safety Scissors könnte steppen!). Die Dorks sind unter uns. Und Safety Scissors ist “The ultimate dork debonair” wie es in seiner Bio heißt, in der allerdings nicht steht, dass, wie er nicht gerne und nur unter heftigst protestierendem Herumrücken auf dem Stuhl in diesem Mitte-Neojuppie-Cookie-Coffee-Americanstyle Restaurant, das wir uns als passendes Setting für unser Interview ausgesucht hatten, zugibt, es in seinen Lyrics nur um Girls geht. Beste Voraussetzungen für die erste Powerbookboygroup. Aber nicht einfach so, und irgendwie auch um alles, so der Nachsatz, aber schon um das Verlassensein, aktiv und passiv, das zwischen den Worten, zwischen den Zeiten und Zeilen und Zeilenschaltern, um das geheimnissvolle B, den Kühlschrank digitaler Einsamkeit, und wie man ein Bon Mot daraus machen kann, das Witz und Ernst in ein Paket schnürt, in dem man, packt man es denn dann aus, ein Paar verschieden großer Tanzschuhe, aber auch einen unverdaubaren Klumpen Glück finden kann.

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Elektronische Lebensaspekte.