Berlin ist das neue Kanada. Fast alle kanadischen Produzenten leben an der Spree. Constantin Köhnke bringt Licht hinter die transatlantische Achse
Text: Constantin Köhnke aus De:Bug 126

KANADA, WEIL ALLE HIER
Mike Shannon, Deadbeat, Adam Marshall

Techno-Berlin, so heißt es landläufig, sei mittlerweile in italienischer oder spanischer Hand. Aber eigentlich sind es die Kanadier, die in der Hauptstadt die Regler in der Hand halten. Klammheimlich hat sich eine Community gebildet, die weit über den Wirkungsgrad des Ahorn-Paten Richie Hawtin hinausgeht. Auch Deadbeat, Mike Shannon und Adam Marshall haben es sich zwischen Helmholtzplatz und Spree bequem gemacht und De:Bug stattete mit ihnen nicht nur einen Besuch in der neuen Kanadischen Botschaft ab, sondern versuchte auch die Gründe für den Massenexodus zu ergründen.

Es ist einer dieser letzten Sommertage, an denen man schon spürt, dass der Herbst vor der Tür steht. Am Leipziger Platz in Berlin Mitte, dem achteckigen Platz neben dem wohl bekannteren Potsdamer Platz, weht der Wind den vielen Schulklassen die Berlinführer aus der Hand. Dieses Achteck, das früher Octogon genannt und im Zweiten Weltkrieg beinahe komplett zerstört wurde, wird gerade in seiner originalen Baustruktur wieder hergestellt. Bis jetzt sind fünf der acht Ecken bebaut, eine davon ist die kanadische Botschaft auf der Nordseite des Platzes, dessen Areal sich bis auf die Ebertstraße in den Westen erstreckt. Auf der Ebertstraße befindet sich auch der Eingang zu den öffentlichen Räumen der Botschaft, wo ich mit zwei Mitgliedern der kanadischen Elektronik-Szene verabredet bin: Mike Shannon und Adam Marshall.

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Im Marshall McLuhan Salon, einer Art öffentlicher Multimedia-Ausstellung in den Räumen der Botschaft, soll die kulturelle Vielfalt Kanadas Schulklassen und interessierten Bürgern vermittelt werden … wir sind die einzigen Besucher. Mike Shannon und Adam Marshall nehmen in dem kleinen runden Raum auf der Sitzinsel in der Mitte des Salons Platz, einer kreisförmigen Sessellandschaft, an welcher man sich die verschiedenen an der Wand installierten Touchscreens anschauen und sich per Kopfhörer den Sound der gezeigten Clips auf die Ohren setzen kann. Adam und Mike starren gebannt auf ein Video von Glenn Gould, auch Leonard Cohen wird verlangt, Feist, Peaches und Gonzales wären auch zu haben. Kanadas kulturelle Vielfalt ist groß und eine sehr nette Dame der Botschaft, Katharina Fichtner, ihrerseits Kulturreferentin für Bildende Kunst, Film und Neue Medien, fragt Mike und Adam, ob sie nicht auch gerne etwas Musik für die Dauerausstellung beisteuern würden. Telefonnummern werden getauscht, Hände geschüttelt, das erste Gefühl entsteht, die Kanadier sind sehr freundliche und offene Menschen.

Kanada, das ist für viele Europäer der liberale Bruder der Vereinigten Staaten. Michael Moore brachte uns in seiner polemischen Weise schon bei, dass bei allen Kanadiern stets die Türen offen ständen, es sowieso wenig Kriminalität gäbe. Die Kanadier haben das Kyoto-Protokoll unterschrieben, fühlen sich aufgrund ihrer riesigen Naturlandschaften und wechselnden Klimazonen verantwortlich für das Weltklima und man wird das Gefühl nicht los, dass diese Kanadier uns Europäern ein Stückchen näher wären als die Amerikaner. Kanada, das ist ein Land mit der Fläche der USA und gerade einmal drei Einwohnern pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: in Deutschland sind es 230.
Mike Shannon und Adam Marshall sind nur zwei der vielen kanadischen Künstler, die es nach Berlin verschlagen hat. “Eigentlich wohnen alle meine besten Freunde aus Kanada hier”, erklärt Mike nicht ohne ein Lächeln im Gesicht. Und wenn man ihn bittet, alle kanadischen Künstler in Berlin aufzuzählen, wird die Liste sehr lang: Deadbeat, Guillame and the Coutu Dumonts, The Mole, Jeff Milligan, Matthew Johnson, Jeremy P. Caulfield, Konrad Black, Richie Hawtin und viele mehr. Kann man also von einer kanadischen Völkerwanderung in Richtung Berlin sprechen? Noch drastischer: “It’s like a mass exodus, man”, sagt Mike Shannon.

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Diese Worte kommen mir bekannt vor. Scott Monteith alias Deadbeat hatte sich zwei Tage zuvor des exakt gleichen Wortlauts bedient. Als ich ihn an einem warmen, sonnigen Nachmittag in einem Café in Berlin Mitte treffe, sieht er etwas müde aus. Er ist gerade schnell von seinem Studio herübergelaufen, wo er noch die letzten Details für sein bald erscheinendes Album “Roots and Wire” fertig gestellt hat, bevor es am kommenden Tag ins Presswerk muss. Er scheint ein bisschen gestresst zu sein, aber man hat nie das Gefühl, er wäre mit seinen Gedanken woanders, vielmehr scheint es, als würde er sich mit jeder Interviewfrage mehr entspannen, als würde er mit sich mit jeder Antwort weiter von allem Stress um ihn herum distanzieren. Warum es ihn nach Berlin gezogen habe, möchte ich wissen, ob alle kanadischen Produzenten in Berlin befreundet sind, ob er selber schon im Marshall McLuhan Salon gewesen ist. Scott beginnt zu erzählen, von der High School, wo er Mike Shannon kennen lernte, und wie sie mit 14, 15 nach Detroit fuhren, um dort auf Richie Hawtins ersten Partys zu tanzen, dort begannen, die Musik zu spüren. Später, viel später werden Mike und Andy bestätigen, was für dunkle, surreale Orte die Warehouse-Partys in Detroit waren, wo Richie die Kontrolle über einzelne Lichter hatte, es stockdunkel war, bis ein heller Strahl die tanzende Masse erlöste.

Kisten packen, Pass beantragen
Scott Monteith redet auch viel von der Versammlung der vielen kanadischen Ex-Pats hier in Berlin. “Es ist schon so, dass wir uns täglich sehen. Wir treffen uns mindestens jeden Abend auf ein Bier”, berichtet er lachend. Zusammen mit Mike Shannon teilt sich Deadbeat ein Studio, Letzterer veröffentlicht diesen Herbst sein neues Album auf Matthew Johnsons Wagon Repair, Mike Shannon hat soeben ein Album für Richie Hawtins wiederbelebtes Plus 8 Recordings produziert. Auf Adam Marshalls Label NewKanada sind seit Beginn fast ausschließlich kanadische Künstler vertreten – von Jeff Milligan bis Jeremy P. Caulfield. Gegenseitige Remixe auf Mike Shannons Label Cynosure oder anderen kanadischen Labels sind die Regel.

Immer wieder sprechen alle Beteiligten von dem Zusammenhalt der Kanadier in Berlin. In einer Weise ist dieser einzigartig, fällt einem doch kein anderer Künstlertopf ein, der von so homogener Herkunft ist. Um zu verstehen, wie sich in Berlin alle Fäden wieder zusammenfinden, muss man zurückschauen in die Vergangenheit, und über den Ozean, nach Kanada um das Jahr 2000. In den Ballungszentren des Landes Vancouver, Montreal und Toronto, versammelten sich kleine lokale Szenen, die sich jährlich in Montreal zum Mutek Festival trafen. Hier wurden Kontakte geknüpft, man spielte sich gegenseitig Musik vor und feierte zusammen. Um die Jahrtausendwende war die Warehouse-Szene in Toronto schon passé, Kommerzialisierung beherrschte die Raves. Es entstand eine kanadische Szene, die sich auf die Musik besann, ähnlich wie es in den Nuller-Jahren auch anderswo geschah. “Das war schon eine besondere Zeit”, bestätigt auch Scott Monteith.

Jetzt, acht Jahre danach, ist Berlin zum Auffangbecken für die kanadische Elektronikszene geworden. Das hat viele persönliche Gründe, aber bestimmend ist sicherlich auch, dass man auf europäischem Festland viel mehr Bookings bekommt. “Früher, da ist man für ein bis zwei Monate nach Europa gekommen und hat hier eine Tour gemacht”, erzählt Adam Marshall, der als einer der letzten dieses Jahr nach Berlin gekommen ist. “Ich war nie ein großer Fan davon. Ich mag es lieber, nach dem Wochenende zu Hause sein zu können.” Da macht es also nur Sinn, nach Europa zu ziehen und am besten dorthin, wo alle Freunde sowieso schon sind. Zudem sollte die Nähe zur europäischen Clubszene auch in Richie Hawtins CO2-regulierenden, klimafreundlichen Plan hereinpassen. Die vielen Flüge über den großen Teich sind weniger geworden, nun fliegt man eher noch mal zurück nach Kanada, um in Toronto oder Montreal zu spielen.

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In der kanadischen Botschaft stehen Mike Shannon und Adam Marshall mittlerweile im “Herz der Botschaft”, der Timber Hall, einem Saal, dessen Besonderheit acht kreisförmig angebrachte Lautsprecher sind. Stellt man sich in die Mitte dieses Kreises, hört man seine Stimme wie durch einen Phaser, jenen in den 1960ern durch Zufall entdeckten Modulationseffekt, der klingt, als würden mehrere Spuren übereinander liegen und dadurch diesen besonderen, etwas abgehobenen Klang entwickeln. Mike Shannon ist begeistert von diesem Raum und fragt in seiner direkten Art sofort unseren sehr freundlichen Guide, übrigens kein Kanadier, sondern ein Deutscher, Markus Uhl, wozu die Räumlichkeiten genutzt werden. Empfänge und andere repräsentative Veranstaltungen fänden hier statt, erzählt uns Markus, was für Mike Stichwort genug ist, um ihn direkt zu fragen, ob er mit seinem Label Cynosure denn hier zur Popkomm eine Veranstaltung machen könnte. Wieder werden Telefonnummern getauscht und Kontakte hergestellt.
Die Kanadier sind umtriebig in Berlin und obwohl sie unter sich bleiben, gibt es genug Berührungspunkte mit der Berliner Szene. Scott Monteith erzählt, dass es schon komisch wäre: “Als ich in Montreal gewohnt habe, habe ich für das deutsche Label Scape veröffentlicht, und als ich hier angekommen bin, habe ich ein Album für das kanadische Label Wagon Repair gemacht.” Bei Mike Shannon ist das ähnlich. Auch er veröffentlicht jetzt wieder auf einem kanadischen Label. Später berichtet Mike Shannon noch von der offenen, multikulturellen Einstellung Kanadas. Man müsse sich dort nicht an den Way-of-Life anpassen wie in den USA, in China Town in Toronto wären die Straßenschilder auf Kantonesisch, man müsse also gar kein Englisch oder Französisch sprechen, um hier ein erfülltes Leben zu leben. Irgendwie gilt diese Parallele auch für die vielen Kanadier in Berlin. Wenn sie denn wollten, dann müssten sie kein Deutsch lernen, denn alle Deutschen wollten ja ständig ihr Englisch verbessern, sagt Adam Marshall.

Nach der Timber Hall werden wir noch auf die Terrasse der Botschaft geführt, wo kleine Tische und Stühle aufgestellt sind, auf denen kanadisches Essen serviert wird. Unser Botschaftsexperte Markus erzählt, er habe hier sein erstes Ahornsirup-Eis gegessen. Allerdings, so wirft er ein, sei der Ahornsirup aus den USA importiert worden. Das bringt alle zum Lachen. Nur Mike Shannon wundert sich, wie das denn ginge. So eine tolle neue Botschaft, und dann das: Da müsse man doch schon etwas kanadischer denken.

Am Ende der Führung kommen wir wieder in den Marshall McLuhan Salon. An den Hörstationen kann man kanadische Musik hören. Scott Monteith erzählt, dass er mit dieser Ausstellung nicht wirklich etwas anfangen konnte, umso überraschter sind Mike Shannon und Adam Marshall, als sie hier die Musik von Deadbeat entdecken. Vielleicht hatte Scott einfach nicht genau genug hingeschaut.
Die Kanadier sind in Berlin angekommen. Auf den Hörstationen der Botschaft, in den Clubs der Stadt und den Studios. Ohne viel Aufregung produzieren sie hier Musik, knüpfen Kontakte und bleiben doch unter sich. Sie haben ihr Montreal, Toronto oder Vancouver fest in Berlin etabliert. Wie sehr die Kanadier in Berlin verortet sind, erzählt mir Scott Monteith ganz zum Schluss, als er schon fast wieder auf dem Sprung ist, zurück ins Studio. “Vor ein paar Monaten stand ich zusammen mit Konrad Black bei einer Cynosure Party im Watergate”, erzählt er dann noch. “Es war super voll und Konrad sagte zu mir: Stell dir vor, Scott. Wenn jetzt eine Bombe explodieren würde, wäre von der kompletten kanadischen Techno-Szene nur noch Akufen übrig.” Der wohnt nämlich noch in Kanada. Bis er nach Berlin kommt, ist es wahrscheinlich aber nur noch eine Frage der Zeit. Auf den Hörstationen in der Botschaft kann man ihn jetzt schon erleben.

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Elektronische Lebensaspekte.