In Zürich muss man leicht verspult sein, um als normal zu gelten. Beste Voraussetzungen, um einen Hit für Afterhours zu schmieden. Dennoch zieht es Samim und Michal nach Berlin.
Text: Pat Kalt aus De:Bug 97

Zu Hause ist es am kaputtesten

Mit Ihrem ersten Release “Dini Mueter“ auf dem Züricher Label Stattmusik machten Samim Winiger und Michal Holy zum ersten Mal auch jenseits der eidgenössischen Grenzen auf sich aufmerksam. Mit einer für Schweizer ganz eigenen Weirdness und einem verspulten Minimal-Funk im Blut knüpfte man erste Kontakte nach Berlin, wo Ihnen Jay Haze (wer sonst?) neue Plattformen auf seinen Labels Textone und Tuning Spork verschaffte. Mit “Dirty Big Mouse“ gelang Ihnen dann in diesem Frühjahr ein veritabler Clubhit, der nicht nur auf sämtlichen Afterhours hoch- und runtergespielt wurde. Grund genug für Debug, sich bei den Eidgenossen einmal zum Stand der Dinge umzuhören.

Was ist seit euren ersten Releases auf Stattmusik und Tuning Spork denn so alles zwischenzeitlich passiert?

Samim & Michal: Wir hatten einen Kater am Morgen danach. Zum einen gab es “Ripop”, den Textone-Release, der ist jetzt nach über einem Jahr als Vinyl auf Wasnotwas erschienen. Das war alter Shit, der unbedingt raus musste. Im Sommer haben wir dann für Get Physical Tracks von Chelonis R. Jones und DJ T rejacked. Die Physical-Homies haben uns freundlicherweise den Single Malt und ein Baggie bestes Sativa gesponsert. So ist es uns gelungen, die Remixe in Rekordzeit in unseren geheimen R & D Facilites zu produzieren. Zurzeit stehen unsere beiden Solo-EPs auf Tuning Spork an: Samims “Housenation” und Michals “Frisky”. “Housenation” featured wie zuvor auf “Angel” Vocals von unserem Lil’Dirty Ghetto Bastard – El Bastardo, wie wir ihn privat nennen. Neben drei sleazy Tunes wird es einen Remix von Dan Curtin geben. Release voraussichtlich Anfang November. Die “Frisky” EP spinnt die verspulte Tradition von “Mood” auf der “F-EP” weiter. Es gibt insgesamt vier Tracks, der Release hier auch vermutlich Ende November. Außerdem haben wir in unserer Remix-Sucht für unsere Zürcher Freunde von Littlebig Records einen Track von Crashdelay umgezaubert, der erscheint Ende des Jahres. Samim hat gerade solo einen Remix für Magnetic Base produziert, der im November in die Läden kommt.

Was hat es mit der Berliner Jay-Haze-Connection auf sich?

S&M: Wir haben Dr. Haze vor über fünf Jahren in Zürich entdeckt, als Ami-Traveler mit Backpack und der typischen You-know-Attitude. Gleich haben wir ihn in unser Herz geschlossen und einen Sommer lang mit allem, was unser Ghetto in Zürich hergibt, beherbergt. Einige Jahre danach in Berlin gab es die Reunion. Da haben wir beschlossen, ein Imperium zu gründen. Falls euch Jay etwas anderes erzählen sollte, glaubt ihm nicht! Unsere gemeinsame Liebe zu Funk und HipHop mit einer gehörigen Portion Fuckedupness hat sich in einigen gemeinsamen Kreativitätsergüssen manifestiert. Wir pflegen einen heiteren Gedanken- und Trackaustausch und versuchen, so oft wie möglich zusammen ein Fest zu feiern …

Ihr habt mit “Dirty Big Mouse” ja einen perfekten Clubsmasher produziert. Geht man nach so einer Erfahrung anders an neue Tracks heran? Versucht man da nicht irgendwie ständig, diese Erfahrung zu reproduzieren?

S&M: Wir wussten gar nicht, dass der Track so gut funktioniert, bis uns eines Morgens um sechs Uhr im Club eine ravende Dame den Text in voller Länge vorsang. Als wir ihr ein Mikrophon hinhalten wollten, war sie aber schon verschwunden … Musikmachen ist eine Obsession für uns. Wir haben keine Vorgaben, wenn wir produzieren, es gibt da ganz verschiedene Arten von Tracks und die meisten haben auch eine Funktion oder einen Charakter, gewisse Tracks verleiten zum Tanzen, obwohl es nicht einmal klar ist, wieso … ein alltaugliches Konzept für einen Hit wäre längerfristig gesehen schade, es soll doch nicht immer alles gleich klingen.

Es scheint, als seid ihr der Arbeit mit Vocal-Artists treu geblieben, siehe Lil’ Dirty auf “Angel”?

S&M: Lil’ Dirty ist für uns immer noch ein Mysterium. Er ist halt ein waschechter Ghettobastard, und das ist nicht immer so, wie man das aus den HipHop-Videos zu kennen glaubt. Wir arbeiten gerne mit Stimmen, aber viele unserer Tracks kommen auch ohne Vocals aus. Aber die Art von Funk/HipHop/Booty-Flavour, die wir in unseren Tracks oft suchen, bringt Lil’ Dirty perfekt.

Habt ihr eine bestimmte Produktionsweise, wie ihr mit Vocals arbeitet?

S&M: Unter Klausel 234 der S&M-R&D-Facilities ist es nicht gestattet, Dritten Details über unsere Produktionsverfahren bekannt zu geben …

Was waren denn eure Erfahrungen, nachdem ihr in letzter Zeit ja des Öfteren unterwegs wart und viele Live-Gigs außerhalb von Zürich hattet?

S&M: Es tut gut, aus Zürich herauszukommen. Trotz der schrägsten Situationen waren die Leute immer euphorisch und unterstützend, daraus ergaben sich teilweise wieder neue Freundschaften und Connections. So auch in der Circus Company in Paris. Die Öffnungszeiten in Pariser Clubs waren eine reine Freude … Peaktime um vier Uhr und um sieben ist Schluss …
Zürich, insbesondere die Dachkantine, funktioniert da etwas anders: Um sechs fängt’s da gerade eben an, oder ist es dann der Anfang vom Ende? Wir haben schon an manchen Orten gespielt und geraved – aber zu Hause ist es immer noch am kaputtesten. Nicht, dass wir nicht respektieren, was die Leute da so treiben, und deshalb: Shouts to our good friends at Dachkantine …

Wer sind die Leute, die euch in eurer Arbeit als Produzenten beeinflussen?

S&M: Es gibt unzählige Einflüsse. Viele davon außerhalb der House-, Techno- und HipHop-Kultur … z.B. Django Reinhardt, Herbie Hancock, Sun Ra, Hendrix, Lee Perry, die ganze Motown-Familie, George Clinton und P-Funk … Auch hier gibt es viel mehr, die wir erwähnen könnten.

Wie geht es weiter mit Samim & Michal? Hält es euch noch in Zürich?

S&M: In nächster Zeit werden wir unsere Solo-EPs predigen, live all over. Keine Angst, die R&D Facilities bleiben bestehen. R&D ist unsere Crew. R&D = research of unmapped territories and acoustic development. In Zukunft ist noch viel mehr Output zu erwarten. Es zieht uns nach Berlin.

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Elektronische Lebensaspekte.