Drew Daniels und Martin Schmidt geben mit vollem Körper- und Konzept-Einsatz zehn schwulen Ikonen wie Larry Levan, Patricia Highsmith oder Valerie Solanas eine Klang-Identität. Das ist zwar nicht gerade funky, aber dafür so was von real.
Text: Kito Nedo, Matthias Sohr aus De:Bug 103

Matmos holen auf ihrem neuen Album “The Rose Has Teeth In The Mouth Of A Beast” den Hörer dort ab, wo sie ihn zuletzt verlassen hatten. Noch hallt in uns der dumpfe Bassschlag aus “The Civil War” (2003) nach: dieser erdige Touch! Doch nach dem ersten Track des neuen Werkes hat es sich mit der Wiederaufnahme dieser klanglichen Referenz auch schon wieder. Von nun an entfaltet jedes Stück seine eigene Identität. “Endlich Schluss mit den Konzeptalben bei Matmos!”, möchte man erleichtert jauchzen. Als könne der nun folgende funky Discotrack “Steam And Sequins For Larry Levan” endlich beweisen, was Drew Daniels Projekt ”The Soft Pink Truth“ schon immer vermuten ließ: Martin C. Schmidt war der eigentlich steife Nerd im Bunde. Wechselt Schmidt jetzt nach Jahren etwa vom Stand- auf das Tanzbein?

Besagtes Discostück firmiert auf der Netzseite der Plattenfirma als ”Mutant Disco”. Natürlich wurden insbesondere auf dem Album “A Chance To Cut Is A Chance To Cure” (2001) bereits housefarbenere Töne angeschlagen, doch stets schnipseliger, verklausulierter. Jetzt aber nimmt sich jedes Stück die Zeit, seine eigene, dem Thema entsprechende Atmosphäre voll auszukosten. Schmidt und Daniel nähern sich nämlich mit jedem Track einer mehr oder minder berühmten Person, etwa dem Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein, der Warhol-Attentäterin Valerie Solanas, Darby Crash, dem früh verstorbenen Punksänger der Gruppe “The Germs”, oder der Krimiautorin Patricia Highsmith. Im Grunde ähnelt das Album einem Gruppenbild queerer Leichen. Nicht zuletzt deswegen ist “The Rose Has Teeth” immer noch konzeptlastig und referenzhöllisch genug, um den Ruf der beiden als Elektronika-Intellektuelle nicht zu gefährden. Zumal die zehn Stücke des Albums keineswegs als platte Hommage an die jeweilige Person zu verstehen seien, wie Daniel im Interview erklärt.

Drew Daniel: “Als wir begannen, den Song zu Darby Crash zu produzieren, machten wir zuerst diesen sehr macho-mäßigen Industrial-Punk-Electronic-Song. Und wir merkten, dass er scheiße war. Es funktionierte nicht, weil wir versuchten, seinen Stil nachzuahmen. Es war wie Luftgitarre spielen. Es hatte kein Eigenleben, keine Berechtigung. Der richtige Ansatz schien der ‘Germs Burn’ zu sein, der genauso viel von der Fankultur, der Verehrung um Darby Crash handelt wie von Darby Crash selbst. Es ist eine Art zu zeigen, dass man einer Sache treu bleibt. Und dann ist es auch noch ein bisschen hysterisch. Es ist ein wenig zu viel.”

Und so präsentieren Matmos gleich zu Beginn des Stücks “Germs Burn For Darby Crash” den zischenden Schmerzensschrei Drew Daniels, der während einer mutwilligen Verbrennung von ihm durch den ehemaligen “The Germs”-Schlagzeuger Dan Bolles aufgenommen wurde. Zusammen mit Schabegräuschen einer Kopfrasur Schmidts wird das Ganze durch den Klangwolf gedreht. Als würden Matmos mit ihren “Power Electronics” Keim für Keim ausbrennen. Der Überdetermination nicht genug, ist es Darby Crashs The-Germs-Bandkollege Dan Bolles, der dazu beitrug, die performativen Klangerzeugungsstrategien zu erweitern. Sicherlich war der lebendige Körper bei Matmos schon häufiger Ausgangsmaterial – ein Klaps auf Martin C. Schmidts Hintern jedoch bislang das Höchste der Gefühle. Warum das Duo so am Sound des ”Realen“ interessiert, diese Arbeitsweise für sie selbst so wertvoll ist, dafür hat Daniel im Moment noch keine Theorie:

“Es ist real. Das ist vielleicht der springende Punkt unseres Tuns, dass es eigentlich überhaupt nicht kritisch ist. Wir sind wirklich besessen von der Tatsache, dass all diese Sachen real sind. Ich denke, dass wir uns wirklich darauf verlassen, weil wir glauben, dass es uns klanglich etwas bringt, das wir nicht erzeugen könnten, wenn wir zu Hause in unserem Studio bleiben würden. Natürlich gibt es all diese Genres wie Reality-TV, Dokumentationen – aber welches ist unser Genre? Oder, was ist unsere Idee vom Realen? Warum ist es realer, Fleisch zu verbrennen, als eine Gitarre zu schrammeln? Beides ist real. Ich denke, dass wir darauf noch keine kluge Antwort haben. Wir haben es noch nicht verstanden, warum das Reale etwas ausmacht.”

Für den Wittgenstein-Track, der dem Album seinen Titel gibt, sampleten Daniel und Schmidt auf Rosen ausgebreiteten Dung, fressende Kühe, schnatternde Gänse sowie das Knirschen gezogener Weisheitszähnen, die sie sich von einer Frau namens Erika Clowes liehen. Insbesondere in der Auswahl der Klangquellen erweist sich ihre Praxis als äußerst ”unkritisch“, wenn Klänge als (Ab)Bilder sowie das Material von Assoziationen ”ungebrochen“ verwendet werden. Damit nicht genug, versehen sie ihre ”Conceptual Musique Concrète“ gar mit einem Paragraphen aus den ”Philosophischen Untersuchungen“. So viel (gesprochener) Text war noch nie. Indexe grinsen den in Anschlag gebrachten Interpretationswerkzeugen entgegen: “The Rose Has Teeth In The Mouth Of A Beast”. Heißt dies: Ursächlichkeiten und ihre sprachliche Darstellung? Worte im Verhältnis zur vermeintlichen Realität des Anderen? Grenzen von Körpern? Weitsichtigkeit von Sprichworten? Stellvertretend für die Beantwortung sei auf folgenden, auf das Album verweisenden Wittgenstein’schen Verweis verwiesen, den Markus Schmickler im Original zitieren darf: “Zusammenhang mit Schmerzen im Körper des anderen”. Da wären die mit Schusswaffen auf andere Zielenden wie Valerie Solanas und William S. Burroughs, aber auch die gewissenhafte Verbrennung Drew Daniels. Oder gar die Verwerfung, die Queerness dem starren Staatskörper ”zumutet“. Matmos selbst darin zu positionieren, fällt niemandem mehr leicht, am wenigsten Daniel selbst:

Sperma und Schnecken
“In Bezug auf Identifikation mit all diesen Leuten müssen ich, Martin oder wir beide so etwas wie einen Nachhall oder Sympathie gespürt haben, daher ließe sich bestimmt von einem unterschwelligen Selbstausdruck sprechen. Bestimmt verstehen wir unsere Musik jedoch nicht im Sinne von Selbstausdruck. Ich wache morgens nicht verärgert auf und schreibe einen verärgerten Song. So arbeiten wir nicht – aber die Tatsache, dass wir uns über all diese Personen informiert haben und schließlich Sperma, Schnecken und verbranntes Fleisch benutzten, das sagt wahrscheinlich mehr über uns aus als über sie. Es gibt dieses Nietzsche-Zitat, dass wenn du versuchst, etwas sehr systematisch und rational durchzuführen, du immer etwas von dir selbst offenbarst. Das könnte hier auch der Fall sein. Aber ich kann darüber nicht urteilen. Vielleicht könnt nur ihr das.”

Dass Queerness Reproduktionslogiken unterläuft, steht außer Frage. Schmidt und Daniel lassen auch hier Text sprechen, um mal eben mit Valerie Solanas ”SCUM Manifesto“ für die Ausrottung aller Männer zu ”plädieren“. Dabei ist sich Drew weniger sicher, welcher Zusammenhang zwischen (ihrer Thematisierung von) Tod und Queerness besteht. Es ist mehr, als bedürfe ein jeder Tod – betrachtet im Zusammenhang seiner Umstände – einer Annäherung über den mit ihm subjektiv oder kollektiv verbundenen Schmerz.

Daniel: “In manchen Fällen, zum Beispiel bei jemandem wie Darby Crash: Brachte er sich um, weil er ein Junky war? Weil seine Rockstar-Karriere im Sande verlief? Weil er niemanden von seiner Queerness erfahren lassen wollte? Häufig, im Falle eines bewussten Selbstmordes, versucht man eine Art ästhetischen Schlusspunkt hinter ein Leben zu setzen.”

Auch für Patricia Highsmith gibt es kein Requiem, nur ein wenig ”Jazz Noir“, und auch dies kein kurzgeschlossener Schlusspunkt. Was Matmos zunächst einmal ins Auge stach, war Highsmiths Liebe zu Schnecken. Sie trug sie mit sich umher, auf einem Salatkopf, in einer Handtasche. “Creepy!” Für das richtige Maß an Suspense arbeitete Drew daher zunächst bei Nacht an “Snails And Lasers For Patricia Highsmith”. Doch die Schnecken aus dem Garten von Schmidts Mutter sollten natürlich auch ganz materiell ihre Spuren im Stück hinterlassen:

“Wir dachten viel darüber nach, wie wir mit Schnecken Musik erzeugen könnten – Schnecken sind vollkommen still, keine einfache Sache – und schließlich hatte ich eine Idee: Lass uns ein lichtempfindliches Theremin benutzen, die in einem Glasrohr heraufkriechenden Schnecken mit Lasern beschießen und so durch die Unterbrechungen Klänge in unterschiedlichen Tonhöhen produzieren! Dies war nur bei vollkommener Dunkelheit möglich. Denn bei Licht hätte das Theremin einen unkontrollierten Ton produziert.” Schließlich wurde die mögliche Annäherung an eine düstere Atmosphäre zur produktionstechnischen Notwendigkeit. “Es ist seltsam, wie manchmal ein Einfall, wenn du ihm einfach folgst, letzten Endes rational wird.”

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Elektronische Lebensaspekte.