Schmidttakashi machen High-Fashion aus Klamotten, die keiner mehr will
Text: Bianca Heuser aus De:Bug 151

Bild: Jule Felice Frommelt

Schmidttakahashi haben ihren eigenen Altkleider-Container. Einer steht an der Berliner Kunsthochschule in Weißensee, man kann seine alten Kleider aber auch direkt in ihrem Atelier abgeben. Dort, in einer Kreuzberger Fabriketage lagern in einem wandhohen Regal circa 1200 solcher Spenden. Es ist Eugenie Schmidt und Mariko Takahashis Ausgangsmaterial und Archiv. Sortiert nach Kleidungstyp und aufwendig digital erfasst, dienen die gebrauchten Klamotten der Belgierin und Japanerin als Repertoire für ihre Modekollektionen.

Nachdem sie für die Abschlussarbeit ihres Modestudiums in die Sachen von Professoren und Kommilitonen geschlüpft waren, um einen Einblick in deren Körpergefühl zu bekommen, und die Veränderung ihrer eigenen Wirkung dadurch fotografisch festgehalten haben, begannen die beiden, sich obsessiv für anderer Leute Kleidung zu interessieren. 

Kleidung samplen
Seitdem bilden ausrangierte Sachen die Grundlage ihrer Arbeit. Seitdem samplen sie Kleidung. Heute bestehen ihre Kleider für Männer und Frauen aus einem bedachten Mix aus alt und neu. Die Sachen, die vormalige Besitzer abgelegt haben, werden aufgetrennt, mit anderem zusammengefügt und sie hauchen ihnen neues Leben ein, indem ein altes Hemd etwa mit nagelneuer hochwertiger Seide kombiniert wird. Aus einer Seidenbluse wird so ein Kleid mit Strickeinsatz, ein Pelzmantel bekommt karierte Sakkoärmel und Recycling hält Einzug in die Modewelt. Auch wenn die neuen Materialien, wie zum Beispiel das Futter des Mantels, rein ökologisch hergestellte sind, hat nicht der umweltfreundliche Aspekt Eugenie und Mariko zu dieser Arbeitsweise bewogen: “Wir sind eigentlich keine Ökotanten. Uns hat interessiert, wie wir uns verändern, wenn wir in eines anderen ’zweite Haut’ schlüpfen: in Kleidung, die ein anderer mit seiner Körperhaltung und Attitüde geprägt hat. Wenn das Nachhaltigkeit als Nebeneffekt mit sich bringt, finden wir das natürlich auch nicht schlimm.“
Den ihnen darum verliehenen “Sonderpreis für Nachhaltigkeit“ des Berliner Senats nicken sie freundlich ab, und freuen sich umso mehr über die Einladungen von Museen in der ganzen Welt, die sie neuerdings ob ihrer konzeptreichen Mode einladen.
 
Mode hat einen Schaden
Gebrauchte Kleidung trägt natürlich nicht nur haltungsbezogene Spuren davon. Auch Flecken oder Risse gehören zum Verschleißerscheinungskatalog. So werden die Sachen zwar nach Erhalt gründlich gereinigt, bleibende “Schäden” beziehen sie jedoch in ihre Entwürfe ein. “Während es in der Konsumwelt eine Tendenz zu Produkten gibt, die man unbedingt unberührt und neu haben möchte, zum Beispiel einen iPod, existiert gleichzeitig eine vollkommen gegensätzliche Bewegung: dass man Vintage genau wegen der schon vorhandenen Spuren kauft, wegen der Geschichte, die hier, wie bei einem vererbten Möbelstück früher, sichtbar ist“, erklärt Eugenie.

Dass man im Unterschied zu einem Erbstück keine persönliche Verbindung zu gekauftem Vintage hat, ist den Designerinnen bewusst, aber auch dafür haben sie eine Lösung gefunden: In der digitalen Registrierung jeder Spende gibt es nämlich nicht nur ihr Bild und die Nummer zu sehen, sondern bald auch Fotos oder Texte, die der vormalige Besitzer je nach Mitteilungsfreudigkeit zu seinem abgelegten Stück hochladen kann. Der neue Besitzer kann per ins Teil eingenähtem Chip nachvollziehen, wie seine Geschichte den Stoff eingefärbt hat, seinen Blick auf jenen verstehen oder ändern. In Kürze soll auch der Austausch in einer Art Online-Community möglich sein.

Das Material färbt so auf die Kollektion ab, das Sample bestimmt den Ton des letztlich entstehenden Stücks. Einzige Ausnahme sind die Teile des Archivs, mit denen Mariko und Eugenie abgesehen von Schuhen und Unterhosen wirklich nichts anfangen können, die müssen sich der Ästhetik der beiden fügen: “Es gibt immer wieder Sachen, die sich im Atelier stapeln. Zum Beispiel die vielen H&M-Sachen, die wir noch vom ersten Sammeln an der Hochschule haben, oder schreckliche orangene Acrylpullover. Für die neue Kollektion haben wir die nun aber einfach aufgetrennt und dann die verschiedenen Garne zu einem neuen Stoff verstrickt.“


 
Modemosaik
Trotz dem Sample-Pastiche, das Schmidttakahashi in Textilform anhäufen, ist ein roter Faden in ihren Kollektionen sichtbar: Eine Vorliebe für Strick, ob nun an Hose, Rock oder Pullover im Einsatz, zieht sich durch ihre Herbst-/Winterkollektion 2011. Grelle Farben findet man hingegen selten, vor allem die von den Designerinnen hinzugefügten neuen Materialien bewegen sich aktuell meistens in Braun- und Blautönen. Vor allem über die Farbwahl bringen sie Konsistenz in ihre Patchwork-Arbeit. Denn wenn jedes einzelne Stück der Kollektion wiederum aus Einzelstücken besteht, ist eine massenhafte Herstellung für den Ladenbetrieb nur schwer möglich. Oder?
Eugine meint: “Zusammenhang ergibt sich vor allem über Schnitt und die Materialwahl. Wenn wir etwa ein Sakko aus zwei Pullovern herstellen, können wir das, sobald sich weitere Pullover aus einem Material dieser Art in ähnlichen Farben in unserem Archiv ansammeln, auf gewisse Weise reproduzieren. Das erzählt natürlich eine andere Geschichte, aber auf diese Weise bleibt jedes Kleidungsstück ein Unikat sowie der persönliche Aspekt erhalten.“
 
Kleidungsstück Unikat
Designer benutzen seit jeher das Wissen um Kleidung vergangener Jahrzehnte. Halbjährig werden Zitate aus der Mode- und Kunstgeschichte und Referenzen aus der Popkultur zu einem mehr oder weniger tragbaren Pastiche gefügt. Marc Jacobs ist ein Meister dieser Form des Eklektizismus.

Eugenie und Mariko gehen mit ihrer Sample-Methode aber einen Schritt weiter: Sie nehmen nicht nur einen zeichenhaften Bezug auf Vergangenes, sondern integrieren das konkrete Material unmittelbar in ihre Kollektionen. Die musikalischen Wurzeln des Sampelns liegen in der Herausforderung, Bestehendes in einen neuen Kontext zu rücken, es vielleicht ganz neu zu formen oder von einem schlecht sitzenden Korsett zu befreien. Für die Mode machen sie dieses Prinzip ganz neu produktiv. So richtig geht ihr Konzept aber wohl erst auf, wenn die Kleider von Schmidttakahashi wieder in irgendeinen Kleidercontainer zurückkehren. Denn dann geht wieder alles von vorne los.