Jimi Siebels von Egoexpress und Pascal Fuhlbrügge von L'Age d'Or schaffen mit ihrem zweiten Sand 11-Album die 120 Bpm-Grenze. Andere Grenzen akzeptieren sie nicht. Hamburger Vocalhouse im Verweigerungsgroove.
Text: Kerstin Schäfer aus De:Bug 41

Legomusik

Sand 11

Sand 11 treten kräftig auf’s Pedal. Auf ihrem zweiten Album ‘Sand 11’
auf Ladomat wird vor keiner Genregrenze abgebremst – Augen zu und durch.
Energisch wird anvisiert, Gas gegeben und die Schubladenkaskade so
verschoben, gedreht und versetzt, bis die ganze Hilfskonstruktion
zusammenfällt. Palauz. Wie mit Legobausteinen spielend, wird
anschließend zusammengesetzt, was gefällt und schön catchy herausschaut.
Revolution? Selber rausfinden. Crossover wäre auf jeden Fall das falsche Wort. Denn wenn auch vorbehaltlos kombiniert wird, ist der Zusammenhang subtilerer Art. Auf jeden Fall macht es totalen Spaß, Sand 11 zu hören. So unverblümt frisch wurde bis jetzt nur bei Egoexpress mit den Hi-Hats und Bässen gespielt. Was ja auch nicht weiter wundern sollte, ist doch Jimi Siebels selbst eine Hälfte des Hamburger Abrockduos. Bei Sand 11 wird der Studiostuhl dann mit Pascal Fuhlbrügge, auch bekannt als Gründungsmitglied des Hamburger L’Age D’Or-Labels, getauscht. Aber jetzt nicht dem Trugschluss verfallen, dass es sich hier eventuell um das neue Egoexpress-Album dreht. Ganz falsch, wenn auch zugegebenermaßen bei Sand 11 stilistisch Verweise zu finden sind. Jimi meint nur dazu: “Warum sollte ich das auch verstecken?” Sand 11 gehen noch einen Schritt weiter, emanzipizieren sich von der Festlegung auf Minimalhouse. Die Arbeit mit Vocals ist es, die da aus diesem Rahmen herausdrängt. Cyber bekommt eine ganz neue Definition verpasst: alles was da so vor sich hingrummelt, fiept und loopt, haben Pascal und Jimi selbst eingesungen und verfremdet. Wenn singen da mal der richtige Begriff ist. Eher Beatbox ohne Sequenzer. Also, zurück zum Planeten Hamburg, landen und nachforschen.

Keine Angst

Die Bedeutung von ‘Sand 11’ liegt für die beiden besonders in der
Konkretisierung des klanglichen Legoturmbaues, im Wege liegende Steine
wurden ebenfalls atomisiert. War das erste Album von Sand 11 ‘Around The Day In A World’, auf Ladomat im letzten Jahr erschienen, noch ruhiger, aber auch experimenteller, so ist jetzt der Nachfolger das ‘Finished Product’ ihrer Ideen. Pascal kommentiert dazu: “Das neue Album ist einen Schritt weiter gegangen. Der Mix der Kombinationen ist jetzt enger gefasst, klarer und viel
cluborientierter. Früher war auch das Verhältnis zu den
Egoexpress-Sachen ein anderes. Wir waren einfach langsamer als 120 BPM,
das Schnelle war nicht unser Ding. Davon haben wir uns jetzt gelöst.” Jimi wirft ein: “Es geht darum, gute Musik zu machen, die uns
auch gefällt und widerspiegelt. Man darf sich da nicht von solchen
Ängsten vereinnahmen lassen. Und das hat schon etwas mit Angst zu tun,
wenn man sagt, dass da keine Verwechslung stattfinden darf. Das ist jetzt nicht mehr wichtig für mich.” Das Thema des Albums sind auch eigentlich die Vocals, allerdings ohne im konzeptionellen Rahmen zu verweilen. Der Schlag der Stunde heißt so auch bei Sand 11 Pop. Dem Traum von Pascal,”mal in einem richtig großen Studio ein Vocalalbum einzuspielen”, steht allerdings der Drang nach Unabhängigkeit von solchen Strukturen seitens Jimi im Wege. Weil, dann würde ja doch eine Fixierung – nämlich hier des klassischen Popalbums mit Songstrukturen etc. – passen, und die Schubladen würden anfangen zu klappern. “Von mir kommt da ganz klar die Weigerung, mich zu einer bestimmten Gruppe oder Szene zugehörig fühlen zu müssen. Das ist wie die Tatsache, dass ich mich ja auch nicht nur mit einem konkreten Genre beschäftigen möchte. Bei House ist das schwierig, da man die Musik ja auch auf der anderen Seite liebt und sich dann doch ganz gerne damit auseinandersetzt,” so Jimi. Das Problem geht also tiefer. Denn die Kombination aller Lieblingsfragmente könnte ja auch in eine andere Richtung abgleiten: “Wir versuchen auf jeden Fall, einen ironischen Abstand zu vermeiden, den finde ich ganz schlimm. Wenn man diese Ironie hört, dieses Lustig-machen-über-etwas oder zynisch auf etwas herabschauen, dann funktioniert die Musik auch nur ganz selten. Das können nur ganz Wenige, Koze ist da die Ausnahme, aber er liebt das ja auch, was bei ihm eher in Selbstironie ausartet,” so Jimi. Und wir mögen Sand 11. Bloß nicht die Butter vom Brot nehmen lassen, Jungs!

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Elektronische Lebensaspekte.