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Text: sven von thülen aus De:Bug 32

/Drum and Bass IN EINER KLEINEN STADT Santorin in Tübingen Das letzte Jahr der 90er war für Drum and Bass, glaubt man grossen – und englischen – Teilen der Musikpresse, wie 98 ein Jahr der Zäsur. Und so wurde, sei es zur eigenen Beruhigung oder um der Welt etwas zu beweisen, auf der grössten Drum and Bass Web-Page zum Ende des Jahres ein Poll gestartet: Sind wir noch zufrieden? Und siehe da, alle sind glücklich. Fast. Gerade die zweite Hälfte von 99 war ein gutes Jahr für Drum and Bass im allgemeinen und die deutsche Szene im besonderen. War 1997 das Jahr der grossen Euphorie und das Coming Out vieler deutscher Producer und DJs, die es mit Drum and Bass sehr ernst meinten und antraten, zu beweisen, das es auch jenseits der Insel eine funktionierende, ohne wöchentliche Gastbesuche englischer Star DJs überlebensfähige Szene geben kann, so war 1999 das Jahr, in dem die Tracks, endgültig ein eigenes Soundselbstbewusstsein erreicht hatten. Aus dem tiefsten Baden Württemberg, genauer gesagt aus Tübingen, wo man, wenn man nicht gerade dort geboren ist, am ehesten landet, wenn die ZVS es nicht so gut mit einem meint, operiert die Santorin Crew und entzückte das Drum and Bass Ohr mit bis jetzt vier Releases. Gegründet wurde Santorin 1998 von Oliver Lichtwald aka DJ Lightwood, der mit seinen Plattentaschen schon eine Weile durch die südliche Hemisphäre Deutschlands reiste und nebenbei noch Mitherausgeber des Tübinger Fanzines Ouk ist. VOM NETZ AUF VINYL Wie das in Kleinstädten so ist, finden sich Gesinnungsgenossen recht schnell. Man begegnet ihnen auf der Strasse. Simon Jarosch aka Simon V. und Oliver kannten sich auch schon aus der Schule, bevor Simon zum ersten und bis jetzt einzigen Artist auf Santorin wurde. Seitdem er mit elf seinen ersten Computer und eine Gitarre bekam, feilte er an Tracks herum. Stilistische Grenzen ausgeschlossen. Die gerade Bassdrum wurde genauso zum Klangforschungsfeld wie klassische Streicherthemen, schluffige Ambientloops und ganz dem Experiment gewidmete Plockerbeats, Acidgezwitscher nicht ausgeschlossen. Ziemlich schnell (1993) entdeckte er das Internet, als ideale Plattform, seinen Output, damals noch unter dem Namen Vivid, unabhängig unter die Leute zu bringen. 1996 schickte er erste Drum and Bass Tracks auf die digitale Autobahn, die auch Oliver Lichtwald erreichten. Der versorgte ihn von da an mit den neuesten Drum and Bass Maxis aus seinem Plattenkoffer und das “Ausgehverhalten”, wie Simon schmunzelnd bemerkt, erledigte den Rest. Anfang 1998 war es dann soweit, und die erste 12″ von Simon V.(meke, V. kommt von Vivid) erblickte auf Santorin das Licht der Welt. Die Katalognummern zwei und drei erschienen dann im Verlauf des nächsten Jahres, wobei vor allem “Disco Sperm”, die Nummer drei, neben den immer ausgefeilteren Beats und Sounds durch ein spassiges und funktionales Gimmick auffiel. Die ersten Drum and Bass Endlos-Loops ever. Simon V, mit seinem PC und einer 120 DM Soundkarte bekennender Bedroom Producer par excellence, generiert in seinen Tracks eine trockene Euphorie, die an Kategorisierungen wie Darkness oder Rave locker vorbeisteppt. Melodien treffen auf rollende Beats und treibende Basslines, die einem das Wort Pop ins Hirn schupsen, ohne damit Böses zu wollen. BACKUPS UND FEEDBACKS Im November letzten Jahres kam dann Santorin Nummer vier in die Läden, und mitlerweile arbeiten Oliver und Simon auch logistisch gemeinsam daran, dass Label weiter nach vorne zu bringen. Während Oliver sich um das Label an sich kümmert, ist Simon – wie auch für das schon erwähnte Ouk – der Beauty Operator und zuständig für Layouts und Webpage. Im Tübinger Club Depot rollt die Santorin Crew einmal im Monat den Bass aus, und die monatlichen Parties erfreuen sich solcher Beliebtheit, dass man DJane Storm für eine Residenz gewinnen konnte. Für die Zukunft planen Santorin, mehr Producer zu signen. An zugeschickten Dats und CDs mangelt es Oliver nicht. Was ihm dabei am Herz liegt, ist Feedback, denn nur so kann sich die Drum and Bass Szene weiterentwickeln. Also, ran an die Rechner NachwuchsproduzentInnen und auf ins Abenteuer.

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Elektronische Lebensaspekte.