Sascha Funke laviert seinen Minimaltechno zwischen Berlin und Köln über die funkigste Transrapid-Strecke ever. Und klemmt mal der Groove, kennt Funke den rettenden Move.
Text: Kerstin Schäfer aus De:Bug 40

God made me Funke
Sascha Funke

Um mal wieder mit harten Bandagen die Welt anzugehen: Techno ist nicht mehr allein Good Old Techno, sondern beinhaltet zur Zeit mehr als nur ein bisschen Pop im euphorisch ideologischen Sinne von P.O.P.! Aber jetzt nicht wundern, schon bei Kraftwerk war von Technopop die Rede. Die alte Ravehauptstadt Berlin mit ihrer Detroitachse hat die Krone an Köln weitergereicht. Statt ‘Auferstanden aus Ruinen’ wird auferstanden aus dem Vorgarten von Heaven 17. Selbst der geborene Berliner Sascha Funke ignoriert jeglichen Lokalpatriotismus und nennt Köln seine zweite Heimat. Und das ist doch schonmal was: “Wichtig bei Techno in Deutschland ist, dass die Querverweise eher nach Köln als nach Berlin gehen,” sagt er dazu. Sein Weg: Weit ab von jeglicher Festgefahrenheit zu arbeiten und dabei noch jenes subtile Gespür für Understatement zu entwickeln, das zu nichts zwingt, sondern eher frei zum Abrocken einlädt. Und ihn umso sympathischer macht. Um mal mit Fußballmetaphern zu illustrieren (Sascha Funke ist totaler 1.FC-Köln-Fan; Fußball = traditioneller Popsport Nr.1): Er ist der Mittelstürmer des melodieverspielten Minimaltechnos, der sowohl nach rechts als auch nach links ausscheren kann, das Tor aber immer vor Augen hat. Die Trikots, die ihm die Welt bedeuten, tragen die Farben von Ellen Alliens BPitch Control aus Berlin und Kölns Innovationsschmiede Kompakt. Sascha Funkes Beitrag liegt in dieser Umgebung bei technoid-trockenen, aber ungemein funkiesken und charmanten Platten, mit denen man am liebsten das Wohnzimmer auditiv auskleiden möchte, und die sowohl auf die Kölner Schule als auch auf Berlins Technohistorie zurückgreifen. Bildlich: Auf dem Spielfeld trägt er einfach beide Trikots übereinander.

Der Funke springt über
Den ersten Zugang zu einem größerem Auditorium außerhalb seines DJ-Sets fand Sascha Funke im Dezember letzten Jahres. Da erschien sein erster Release ‘Campus’ auf Kompakt, und man dachte nach dem ersten Hören der Platte, dass sein Nachname eigentlich englisch ausgesprochen werden müsste. Funky eben. Der darauf folgende Veröffentlichungsrausch auf BPitch Control und Kompakt startete aber gerade; mit seinem derzeitigen Redaktionsabrocker ‘Interlagos’ auf Cadeaux steigert sich funky Funke zum Ein-Mann-Stock Aitken & Waterman des Minimaltechno. Man beachte: Sieben Releases in acht Monaten. Jenseits der Trennung von Techno und House geht es ihm um den universellen Groove, der sich wenn, dann nur einer Forderung verpflichtet fühlt: dem Popappeal. Sascha Funke erklärt dazu:
“Zur Zeit darf man auf keinen Fall den Popappeal außer acht lassen, der hat die Struktur von Techno und auch den Umgang damit völlig verändert. Man hat als Künstler auf einmal die Möglichkeit, viel mehr zu riskieren. Vor zwei, drei Jahren wäre eine Platte wie ‘Amanda’ von Michael Mayer (Kompakt 20) nicht möglich gewesen, wenn man das jetzt mal auf Köln bezieht. Toleranz wird in diesem Zusammenhang auch immer sehr positiv bewertet. Durch den Popappeal verändert sich ja die Struktur: Vom Arrangement her entstehen Sachen, die mehr Song- als Trackcharakter haben. Dies Entwicklung ist auch ein sehr deutsches Ding, das ist hier einfach am meisten spürbar. Eben Popkuschelnummern.”
Dieser Popappeal ist ihm besonders im Rahmen von Techno wichtig. Traditionellerweise hat House einen viel größeren Zugang dazu – House ist ihm dagegen zu sehr an klassische amerikanische Soulcharts-Themen gebunden. Und er präferiert Techno, ganz klar. Erst die Kölner Entwicklung hat es in seinen Augen ermöglicht, diese Pophaltung auf Techno zu übertragen, um anschließend das Ganze auf einer experimentellen Höhe zu fixieren. Wenn Pop in House immer konservativ und wagelos meint, dann meint Pop in Techno genau das Gegenteil. Pop in Techno ist dann etwa wie: Prefab Sprout; Pop in House dagegen: Earth, Wind & Fire.

Frisch
Techno hat sich in diesem Sinne also von Detroit und von Berlin gleichermaßen emanzipiert, bildet aber dadurch natürlich die Grundlage für seinen Produktionsanreiz. Das Innovationsprinzip von Techno postuliert auch Sascha Funke für sich selbst: Techno muss sich immer erneuern; muss ‘frisch’ bleiben, aber eben ohne sich aus der Tradtition abkoppeln zu wollen. Das beinhaltet dann bei ihm auch kurze Produktionsabläufe. “Meine Platten sollen kein Verfallsdatum haben, deswegen produziere ich auch lieber in Wochenabschnitten, als dass ich mich jahrelang im Studio einschließe.” Bei Sascha Funke zeigt sich ganz plötzlich, wie verspielt und funky Techno sein kann, ohne sich von der experimentellen Selbstreflexion zu lösen, die zwar fast alle Produzenten verneinen, aber trotzdem nicht von der Seite weisen können. Nochmal im größeren Kontext aufgerollt, meint das bei ihm: Er gehört zur jüngeren Produzentengeneration, zwar in der
Industrietechnostadt-Berlin (Taniths Ruinenravelabel ‘Bash!’ ist gerade
revitalisiert) sitzend und wohnend, die von den Kölner Errungenschaften – hier im Technorahmen Pop als Experiment begreifend – profitiert. Damit endet auch gleichermaßen die Frage nach dem Unterschied zwischen Techno und House, allein schon dadurch, dass jeder weiß, dass Ritchie Hawtin eindeutig nicht in Chicago anzusiedeln ist. Techno ist Synonym der Wandlung für ihn.

Alter & neuer Techno
Dazu Sascha Funke: “Techno vs. House? Bei dieser Frage trennt sich die Spreu vom Weizen. Als DJ lege ich ganz klar Techno auf. Somit fällt die Beschäftigung mit House hier schon mal aus dem Rahmen. Ich würde da auch gar nicht große Diskussionen drüber führen wollen, ich splitte Musik, die mich interessiert, eher innerhalb von Techno auf: Der alte Gebrauch des Wortes Techno bezieht sich z.B. auf Ritchie Hawtin oder die früheren amerikanischen Sachen im allgemeinen. Zum neuen Begriff von Techno denke ich, dass sich in letzter Zeit eine andere Herangehensweise entwickelt. Das wird vor allem bei Kompakt deutlich: Schon seit der ersten Schaeben & Voss gibt es keine stringente Köln- oder Kompaktline. Es wird auch über den Tellerrand hinübergeschaut. Es klingt viel frischer, bleibt aber trotzdem technoid-bolzig. Und Elan bringt an sich immer erfrischenden Wind herein. Nur weil ich als Berliner auf Kompakt in Köln veröffentliche, will ich aber nicht als Exote behandelt werden. Es ist im Zusammenhang ihrer Öffnung nach aussen und innen gar nicht so überraschend, dass ich da veröffentliche. Mein Kontrast wird ja immer noch von BPitch Control gebildet. Und die machen garantiert frische Sachen. Alles in allem ist das gerade auch wie Championsleague [Maximallob von Sascha Funke, Anm.] für mich. Beide Labels sind minimal, verspielt und gut. Das ganz klare Ziel wird auch nie aus den Augen verloren: Die Leute sollen tanzen. Und das tun sie. Die Entscheidung zwischen Techno und House kommt also erst gar nicht auf. Was ich allerdings super finde, sind so minimale Housesachen nach dem Baukastenprinzip mit Technocharakter,” so Sascha Funke. Das Baukastenprinzip lässt sich auch leicht auf die neue Herangehensweise im Techno übetragen: Das beherrscht er so freihändig, dass es sich weder nach Baukasten noch nach Prinzip anhört, sondern virtuos ohne Vorberechnung wie Ravioli aus der Dose flutscht. Dieser Rahmen ermöglicht es ihm auch, Melodiefragmente fast bis zur völligen Auszureizung zu nutzen, allerdings ohne wie die Maus in die Cheesy Falle zu tapsen.
Was Sascha Funke noch am Herzen liegt, ist die Zusammenarbeit mit Berlins Techno-Hardliner Djoker Daan. Beide veröffentlichten die am klassischen Berliner Techno orientierte ‘Doppelpass’-EP auf BPitch Control, mit der sie so einige Lorbeeren einheimsten. Für Sascha Funke war das erstmalig ein Versuch zu testen, ob er denn überhaupt von seiner egoistischen Haltung im Studio loskommt. Wie man sieht, war er erfolgreich.
Nach sieben EPs beginnt er derzeit am ersten Album zu arbeiten. “Das wird im Winter erscheinen und soll Home -und Clubentertainment zugleich sein. Ich will nach meinen ganzen Maxis beim Produzieren mehr Freiraum haben, da ich jetzt schon eher cluborientiert arbeite. Ich will mich einfach weiter aus dem Fenster lehnen.” Rausfallen wird er dabei nicht.

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Elektronische Lebensaspekte.