Da trifft das Klischee völlig zu
Text: Julian jochmaring aus De:Bug 127


Die Geschichte der elektronischen Musik im Allgemeinen und von House im Speziellen ist die von großen Utopien und kleinen Leidenschaften, ein ewiges Nebeneinander von Vision und Obsession. Gesellschaftliche und politische Utopien vertritt mit Techno und House zwar heute niemand mehr, als Katalysator privater Sehnsüchte und zur liebevollen Pflege nerdiger Fetische bleibt aber zum Glück noch ausreichend Platz.

So auch bei Klas Lindblad, besser bekannt als Sasse und Freestyle Man. Der 35-Jährige aus der Hafenstadt Turku an der finnischen Westküste zählt mit seinem Label Moodmusic zu den profiliertesten Produzenten und Labelbetreibern Skandinaviens. Große Akzeptanz fand er in seiner Heimat jedoch nie. “Wenn man in Finnland elektronische Musik macht, ist man isoliert. Gar nicht so sehr im geographischen Sinne, sondern viel eher musikalisch. In Finnland gilt man mit elektronischer Musik immer noch als Freak, so wie in Deutschland jemand, der alleine im Wald lebt. Das war damals so und bis zum heutigen Zeitpunkt hat sich daran leider nicht viel geändert.“

So folgte er seiner Sehnsucht bereits 1999 nach Deutschland, wo er zunächst in Frankfurt am Main lebte und regelmäßig im Robert Johnson auflegte, und schließlich 2003 nach Berlin. Seit drei Jahren teilt er sich gemeinsam mit Ewan Pearson und Filippo Moscatello ein geräumiges Studio im Herzen des Prenzlauer Bergs, mitten im alltäglichen Wahnsinn zwischen exilschwäbischen Kinderwagenpilotinnen und expandierenden Bio-Supermärkten. Dort entstand auch “Toinen“, sein zweites Album als Sasse. “Toinen“ ist kanalisierte Sehnsucht in Reinform und vereint zehn kleine Tagträume, die so unbeschwert euphorisch klingen wie eine Cabriofahrt zum Strand und dabei doch so flüchtig sind wie eine Kugel Eis in der Mittelmeersonne.

Sasses Musik als eskapistischen Gegenentwurf zum dunklen finnischen Winter zu deuten, ist denn auch gar kein hermeneutischer Fehlschluss. “Skandinavische Musik hat immer eine melancholische und eskapistische Seite, diese unerfüllbare Sehnsucht. Da trifft das Klischee völlig zu. Ich gehe aber nicht mit der Intention ans Produzieren heran, emotionale, warme Musik zu machen. Das passiert einfach.“ Zählt man sein im Jahr 2000 als Freestyle Man veröffentlichtes Debüt nicht mit, so ist “Toinen“ (finnisch: zwei) nach “Made Within The Upper Stair Of Heaven” von 2006 erst Sasses zweites reguläres Album in fünfzehn Jahren als Produzent.

”Ich habe früher einfach zu sehr wie ein DJ gedacht und daher nur EPs produziert. Erst in den letzten Jahren kam in mir der Wunsch auf, auch ein Albumkünstler zu sein. Jetzt macht es mir sogar viel mehr Spaß, ein Album zu produzieren.“ So viel Spaß, dass “Toinen“ zunächst sogar als Doppelalbum geplant war, mit beatlosen Ambient-Versionen zu jedem Stück als Dreingabe. Das hat Sasse zwar wieder verworfen, trotzdem spürt man, dass viele Stücke mit ihrer kinematographisch-dichten Atmosphäre auch ohne 4/4-Takt funktionieren würden. Neben Chicago und der housigen, chordlastigen Seite Detroits nennt Sasse frühen Holland-Techno à la Djax-Up-Beats als seinen größten Einfluss.

Auch wenn mittlerweile vieles bei ihm digital entsteht, ist der organische Klang analoger Synthesizer für ihn unersetzbar. Sein wertvollstes Schätzchen, einen Elka Synthex von 1982, hat er bei Ebay ersteigert. “Davon gibt es nur 2000 Stück weltweit. Der Elka ist wie eine Frau, er hat etwas Mysteriöses an sich. Für mich ist das die beste Analogmaschine aller Zeiten. Nach meinem Sohn und meiner Frau ist das das Letzte, was ich hergeben würde.“ Sehnsucht, Leidenschaft und eine gesunde Portion Nerd-Obsession: Mehr braucht es nicht, um zeitlosen House zu produzieren. Gesellschaftliche Utopien gibt es heute ja schon im Bio-Supermarkt.

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Elektronische Lebensaspekte.