Sasse träumt sich die Wälder um seine Heimatstadt Turku per House zu Wolkenkratzersiedlungen. Auf seinem eigenen Label Moodmusic spürt der Finne dem New Yorker Geist von 88 hinterher und zieht dabei einen roten Faden bis ins Frankfurt von heute.
Text: jan joswig | janj@de-bug.de aus De:Bug 48

Escape from Turku
Sasse/ Freestyle Man

In Finnland saufen alle durchgerittenen Urin (von den Hunnen lernen, heißt siegen lernen) und tätowieren sich Gibson SG in astreinem 3-D unter die Achseln. Eh, was wollt ihr, jetzt wird wieder Boulevardzeitung gelesen, Chucks getragen und kategorisch “anti” behauptet. Dafür gibt es Rabattmarken, Kulturförderung und das Neue C&A. Wer da skeptisch bleibt, der soll doch so abgesicherten Besserwisserkram hören wie Deephouse, der die gleichen Qualitäten wie alle Erzbürger hochhält: Substanz und Tiefgang. Tja, wenn man von Rabattmarken, Kulturförderung und dem Neuen C&A ausgeschlossen ist, nur weil man sich für die Bundeslade Deephouse entschieden hat, kann man sich schon mal an den Rand gedrängt vorkommen. Die Finnland-spezifischen Elch- und Op:l Bastard-Legionen stoßen einen dann unversehens endgültig über den Rand hinaus. Finnland, nix gut Land für Deephouse. Aber in Deutschland, da weiß man Substanz und Tiefgang als nationalkulturelle Qualitäten noch zu schätzen. Von Goethe bis Blaze (die kommen doch aus Offenbach?). Klas Lindblad aka Sasse aka Freestyle Man aka Morris Brown verlässt jedenfalls 1999 sein heimisches Turku und seine heimischen Kumpel Jori Hulkonnen, Jimi Tenor, Nu Spirit Helsinki und siedelt nach Frankfurt über. Hallo Marco Carola und Corrado Izzo von i220, hallo Playhouse. Mit seinem Label Moodmusic hat er hier endlich ein Umfeld gefunden, in dem er sich mit mehr als 2 1/2 Personen musikalisch und geschäftlich verständigen kann. Und statt Urin trinkt man Bier. Mit Marco Carola hat er kürzlich die gegenseitige House/ Techno-Aussöhnung “Fusion” herausgebracht, mit Losoul eine Split-EP eingespielt und den “Nightstarter”-Labelsampler mit unveröffentlichten Tracks aller Moodmusic-Künstler kompiliert.
Sasse sagt mit ganzer Inbrunst “Deephouse”, wenn man ihn denn schon dazu zwingt, sich zu einem Genre zu bekennen. Aber statt Substanz und Tiefgang sind die Zentralbegriffe in Sasses Housewelt: roter Faden, Unverständnis und die alten Zeiten, ach ja, und cool. (Wenn das nicht schizophren für einen Künstler ist, der sich um eine Musik bemüht, mit der als erstes Wärme assoziiert wird…)
Sasse: “Ich war das erste Mal 1997 in New York. Da stand der und der Club, da der usw. Meine Liebe zu Deephouse hat schon etwas Nostalgisches, aber das ist cool. New York in den alten Zeiten hat die beste Housemusik hervorgebracht, Label wie Bottomline. Vielleicht stecke ich in einer Zeitschleife? Jani Letho, der auf Moodmusic als DSE produziert, ist für mich die Verkörperung von purem House. Er kommt einfach nicht an Streichern und diesen Sachen vorbei. Es ist wirklich traditionell, es ist genormt, aber ich kann mir nicht helfen, ich liebe es. Und es ist so außer Mode, man muss so gut wie nichts bezahlen für die alten Platten.
Aber ich bin kein konservativer Künstler. Wer ist konservativer, derjenige, der das macht, was alle machen, oder derjenige, der sein eigenes Ding verfolgt? Innerhalb meines Rahmens experimentiere ich. Ich habe ein Herz für freaky Stuff. Die Afrobaltic Sound Kimara von Juri Hulkonnen und Tuomas Salmela war reiner Spacejazz. Die schlechtest verkaufte Platte aus dem Sähkö-Labelpool. Sie sagte “Fuck Off” zu den Hörern, sie traf auf völliges Unverständnis. Was haben wir gelacht.
Und ich verstehe mich nicht traditionell als Musiker. Ich arbeite gerne mit Musikern zusammen, wie mit Jani Letho. Aber bei House finde ich es interessanter, wenn man keine Ahnung hat, wie man eigentlich die Akkorde finden soll. Dann traut man sich an die verrückten Sachen ran.
Playhouse ist für mich das wichtigste deutsche Houselabel. Man erkennt von Veröffentlichung zu Veröffentlichung immer den roten Faden. Meine Split-EP mit Losoul dürfte auch Unverständnis auslösen. Wir wollten unabhängig jeder einen Track mit der gleichen Grundhaltung produzieren. Man muss aber sehr geduldig sein, um den roten Faden zu erkennen, das ist cool.”
P.S.: Keine Ahnung, ob es in Finnland C&A gibt.

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