Text: riley reinhold aus De:Bug 04

DJ Sasse, The “Freestyle Man”

Riley Reinhold
rrr@buzz.de

Einem neuzeitlichen Interesse an Deephouse hat man es zu verdanken, daß ein
völlig unbekannter DJ aus Finnland momentan hoch im Kurs steht. Natürlich ist
ein Sublabel des weltweit bekannten finnischen Elektronik Label Sähkö, in
diesem Fall PUU, auch immer eine zusätzliche Empfehlung, auch wenn es
gleichzeitig die Liebhaber seriöser elektronischer Musik aus ihrem
wohlgeformten Konzept bringt. Warum aber gerade Deephouse so im Aufwind
begriffen ist und änfänglich Interessierte jetzt schon wieder langweilt,
ist ein Phenomen, mit dem man sich beschäftigen sollte. Ehemalige
Frankfurter Techno Größen wie Atta oder Heiko M.S.O. widmen schon seit
längerem ihre ganze Kraft dieser Form von House, mit Label und Club. Es
scheint, als ob für den Aufschwung ein gewisser Generationskonflikt
verantwortlich ist. Wer seit 1988 die Entwicklung von Techno und House im
Clubkontext verfolgt hat, will sich nicht unbedingt von einem dieser
hundert neuen Minimal Techno Clonen, die versuchen die Geschichte des
Techno “neuzuschreiben”, freiwillig überfahren lassen, daß dürfte klar
sein. Auch läßt die Annäherung einer handvoll innovativer Techno Label, vom
Tempo wie auch von dem Bekunden eine positive Energie zu schaffen, Deephouse und Techno zusammenwachsen. Insofern ist die Deephousewelle eine
Reaktion und somit ein bewußtes Zurückziehen b.z.w. eine Rückbesinnung zur
Neudefinition des Clubs, wie auch ein Investment in die Zukunft. 1997 ist
in vielerlei Hinsicht auch das Jahr der Optimierung, ob es um das
Einsteigen kleiner Vertriebe, sprich Labels, in den CD Markt geht oder nur um
den Gesundschrumpfungsprozeß schlechthin. Vielleicht ist Deephouse zur
Zeit einfach eine Warteschleife, in der man sich gerne aufhält?
Mehr als noch die Musik spiegelt Deephouse also ein Lebensgefühl wieder,
daß in etwas naiver Art und Weise nach der Vergangenheit greift, um sich
daran festzuhalten. Entwicklungen wie diese passieren momentan überall und
so trifft man in München auf ein konstruiertes Moroder Revival innerhalb
der vier Mauern des Ultraschalls, was nicht jeder zu verstehen braucht. Aus
welchen Gründen ein finnischer DJ wie DJ Sasse aka Freestyle Man zu seiner
Form von Deep House kommt, sagt er uns selbst in einem Interview.

DE:BUG: Deine Art von House, ist im Vergleich zu 95% aller House Stücke,
geradezu unterschwellig und schwelgt da, wo andere sich keine Sekunde
aufhalten. Wie kommt man dazu?

S: Es hat vielleicht mit der Tatsache zu tun, daß ich ursprünglich
angefangen habe Detroit Techno aufzulegen. Mich interessieren fette Beats
und dicke Akkorde weniger, als daß ich mich auf eine Stimmung einlasse.
Solang du es simpel hälst, wird es effektiv bleiben.

DE:BUG: Wie hast du angefangen?

S: Ich habe mit sanften Strings und kräftigen Perkusssionelementen begonnen
und Kenny Larkin war damals der “hot shit” schlechthin. Danach habe ich
mich mehr für den New Yorker Sound begeistert, aber ich war nie wirklich
zufrieden mit dem was ich gemacht habe und so habe ich beschlossen, mich
bei Detroit sowie bei New York zu bedienen.

DE:BUG: Mit der Saab 96 hattest du früher nicht zu tun?

S: Nein, die wurde coproduziert von Mika und J. Salovaara, aber ich war
sehr froh, sie damals spielen zu dürfen, zu einem Zeitpunkt wo ich nur DJ
war.

DE:BUG: Kennst du die Sähkö Crew noch aus alten Tagen oder ist die
Freundschaft eher neu?

S: Ich kenne sie aus den frühen Tagen als wir Parties organisiert haben. Mika Vaino war der DJ, er konnte überhaupt nicht mixen, aber ihre
Parties waren die besten und jeder war total besoffen. Ich habe zu diesem
Zeitpunkt in einem Ort namens Pori gelebt, der um die 130 Km von
Turku entfernt war, wo alle anderen lebten und wo ich Parties veranstaltet
habe. Wir kannten uns alle, aber du kannst nicht sagen, daß wir wirklich
Freunde waren. Vor vier Jahren bin ich dann nach Turku gezogen und habe
dort Parties veranstaltet und von diesem Zeitpunkt an habe ich die Sähkö
Jungs richtig kennengelernt.

DE:BUG: Was hat dich an House Musik interessiert?

S: Wir hatten diesen Plattenladen in Turku, namens Groovy Beat, der Marko
Laine und Jori Kuusinen gehört und als ich dort hinzog, habe ich quasi im
Laden gelebt. Ich bin zu dieser Zeit noch in die Schule gegangen und jeden
Tag nach Schulschluß direkt in den Laden, um das neue Zeug zu checken. Dort
saßen wir den ganzen Tag und aßen und tranken und mixten und jeder in der
Stadt dachte, wir wären vollkommen verblödet. Letztendlich verließ ich die
Schule, um mich auf die Musik zu konzentrieren. Als ich mein Equipment
bekam, trafen wir uns oft bei mir und arbeiten an Trax.

DE:BUG: Kann man dich trotzdem als eine Art Originator in Sachen finnischer
House Szene begreifen?

S: Das ist schwierig zu sagen, weil es in diesen Tagen nur vier oder fünf
DJs gab, die wirklich gute House Musik würdigten. Die House Szene in Turku
ist maßgeblich durch Tommi Grönlund und Mika ins Rollen gekommen, die House
und Techno gespielt haben. Als dann Tommi mit Harri nach Helsinki gezogen
ist, haben sie dort eine Houseszene aufgebaut. Ich fing dann mit meinem
Club “Jus’right” hier in Turku an und es war eine Art Wendepunkt für die
Houseszene in Finnland. Es gab zu diesem Zeitpunkt keine Deephouse Clubs
und wir haben New Yorker Deephouse mit Detroit gemixt. Ich habe dann noch
zusätzlich auf vielen One Offs gespielt, so daß mich viele Leute vielleicht
als so etwas wie einen Originator verstehen.

DE:BUG: Du produzierst neben Sähkö/PUU auch auf Mood Music und Mind Records.

S: Ich habe mit Sähkö angefangen und dies ist noch immer mein wichtigstes
Unterfangen. Ich habe meine anderen Projekte, weil ich so viele Stücke
mache, die ich sicherlich nicht alle auf Sähkö unterbringen kann. Mit Mood
Music ist das so, daß das Stichwort dort Mood ist. Ich sammle all die
Stücke, die etwas deeper und minimaler sind, als die Stücke, die ich für
Sähkö mache. Der Mood Sound ist reduzierter als der auf Sähkö und hat mehr
von Detroit. Mood Music mache ich zusammen mit Marko Laine. Morris Brown
ist erst die zweite Platte auf dem Label, wir haben erst angefangen! Für
Sähkö mache ich mehr traditionelle Stücke, wie die Stücke die ich mit Jimi
Tenor und Severi Pyysalo gemacht habe. Für mich ist das Lernerfahrung mit
solch talentierten Leuten zusammenzuarbeiten. Tommi von Sähkö ist ein
klassischer Freak, wenn ich ihm etwas Oldschooliges vorspiele, liebt er es
und springt sofort darauf an. Ich muß gestehen, daß viel von dem Material,
das ich auf Sähkö veröffentliche, von den ursprünglichen Eindrücken der
Anfangstage, als wir die ganzen Klassiker spielten, herrührt. Es ist ganz
anders mit Sähkö zu arbeiten, als mit den anderen Labels. Tommi ist witzig,
hat diese ganzen verrückten Ideen beim Hören meiner Stücke. So mag er z.B.
Overdubs oder Edits vorschlagen oder sehr wählerisch sein, wenn es darum
geht nur eine Snare zu verändern, die sonst außer ihm keiner hört. Insofern
braucht es seine Zeit vom Demo bis zur Fertigstellung des Masterbandes.

DE:BUG: Du hast neben deinen Housestücken auch Technostücke auf dem
finnischen Label Mind Records gemacht.

S: Ja, das stimmt. Ich habe einen Freund, der sich Irwin nennt. Er ist eine
Legende hier in Finnland. Jeder kennt ihn und er legt schon so lange auf
wie ich selbst. Ich kenne ihn von frühen Tagen und wir haben einfach
begonnen, bei mir Stücke zu machen und danach ging es so weiter. Ich bin
immer schon auch an härterem elektronischen Sound interessiert gewesen und
es ist auch gut manchmal dadurch etwas Dampf ablassen zu können. Wir sind
gerade im Begriff einen Electro Track für die Bootsound Vol II
fertigzustellen und der wird “hot” werden!

DE:BUG: Wie kann man sich einen Abend mit dir als DJ vorstellen?

S: Als Regel spiele ich nur richtigen House. Punkt. Was ich versuche ist,
deepe Stücke zu spielen und da ist es mir egal, ob die Stücke Vokals haben
oder nicht, solange es die richtigen sind. Ich versuche meinen Stil zu
variieren, um die Spannung auf dem Dancefloor aufrechtzuerhalten. Ich hasse
dies DJs die nur einen Stil den ganzen Abend lang spielen. Ich spiele
natürlich auch thumpin’Traxx und manchen Techno. Vielleicht auch Detroit
or Chicago Classics, kein Headbanger Zeug. Wir fangen höflich an mit Vokals
und spielen dann immer härteres Zeug und brechen dann mit Vokal House,
gehen rauf und runter, sodass den Leuten nicht langweilig wird. Es ist
traurig, daß du nicht immer die Möglichkeit hast für eine längere Zeit zu
spielen, wenn es vier oder fünf DJs am Abend gibt. Das ist ein Alptraum.
Ich versuche, mein Set deep zu halten, aber es ist abhängig von dem Event.
Manchmal mag ich es, meine ganzes Set mit deepen New Yorker Sachen zu machen
und an anderen Tagen mache ich einen strikten Guidance/Prescription Tag.

DE:BUG: Seit kurzem gibt es eine Menge neuer finnischer Houseproduzenten.
Worauf würdest du das zurückführen?

S: Ich weiß nicht wirklich warum. Ich kann nur für mich sprechen. Es ist
schön, andere Finnen zu sehen, die auch Stücke veröffentlichen. Unter der
Oberfläche kocht es und ich glaube wir werden eine ganze Menge neuer
Künstler sehen, die aus der eher kläglichen finnischen Houseszene kommen.

DE:BUG: Wirst du für Playhouse eine Platte machen?

S: Würde ich liebend gerne, aber wir werden sehen. Wahrscheinlich werde ich
für sie Remixe mache und für einen Anfang ist das garnicht schlecht, oder?

DE:BUG: Machst du vielleicht einen Remix von Blaze’s Lovely Dae?

S:Ja, wir haben darüber gesprochen. Es kommt ein zweites Remix Paket
heraus und für das werde ich wahrscheinlich einen Mix machen. Es ist noch
nicht 100% sicher, da ich das DAT noch nicht habe, aber wenn es klappt, wird
es für mich eine tolle Erfahrung sein. Blaze sind so scheiße brillant und
dieses Stück ist eins der besten Stücke von ihnen überhaupt.

DE:BUG: Gibt es andere Remixe von dir?

S: Ich habe gerade für Clear einen Mix für eine japanische Band mit dem
Namen Reflections gemacht. Sie sind super. Es sollte so in einem
Monat herauskommen. Ich habe auch für einige finnische Projekte Remixe
gemacht, aber das ist es auch schon.

DE:BUG: Wie sehen deine Parties in Turku aus?

S: Also, vor vier oder fünf Jahren, zu frühen Techno Zeiten, haben wir uns
nur ein Warehouse, ein gutes Soundsystem und ein paar Lichter gemietet. Das
war’s. Hatten einfach eine Party. So wie die Raves um die Zeit rum waren.
Heutzutage mieten wir uns vielleicht einen Nightclub oder ein Cafe,
besorgen uns zwei MKs einen Mixer und Licht, fast ausschließlich rote
Scheinwerfer für das original Porno House Feeling! Wir lassen Flyer drucken
und das war’s, wie ihr es auch macht. Wir versuchen die Parties so klein wie
möglich zu halten, haben zwischen 100 -200 Leute. Je kleiner die Location
desto besser! Nächstes Wochenende spiele ich hier in einem kleinen Cafe in
Turku mit meinem Freund Felix. Wir habe schon in vielen Clubs und
Nightclubs gespielt. Die Party wird HOTT! heißen und es wird ernst zur
Sache gehen.
Manchmal mieten wir auch ein Warehouse und machen eine illegale Party, aber
mir ist das zu viel Arbeit mit diesen Parties und ich mag es dann nicht,
sie zu organisieren. Vorteilhaft bei so einer Location ist, wenn die
Einrichtung so richtig schlechtes Mobilar zur Verfügung stellt, du weißt
schon, so etwas richtig geschmackloses. Es ist so ein guter Kontrast in
solch ein Billig-Ding zu gehen und dann die deepeste Scheiße zu hören,
schwitzende Leute zu sehen und alle sind durch und haben viel Spaß. Wenn
die Atmophäre stimmt, ist es egal wie der Club aussieht, sofern die
Getränke billig sind und es ein paar nette Leute dort gibt. Dann bin ich
glücklich. Das Loft in London ist ein gutes Beispiel für eine gute Nacht
mit guter Musik, billigen Drinks und Leuten ohne Attitüde. Die roten
Lichter sind ein Muß, wenn du den House Sound von Turku hinbekommen willst.
Ich mag diese eine Millionen Dollar Clubs nicht, mit all ihren aufwendigen
Lichtern und teuren Getränken. Turku ist die Deephouse Haupstadt von
Finnland. Die deepesten Sachen passieren hier und auch alle Deephouse DJs
leben hier. Es gibt auch Deephouse Parties außerhalb von Turku in anderen
Städten, aber ich würde sie nicht vergleichen wollen. Helsinki ist zwar
eine gute Party Stadt, aber die Leute sind mehr trendy, wollen härtere
Sounds und die Szene ist hart auf Drogen. Turku ist viel offener, was
soulige Sounds angeht. Die Szene ist klein, hingebungsvoll und jeder kennt
jeden. Es ist jedes Mal wie eine Party zuHause, wenn du dort spielst.

DE:BUG: Was sind für dich die wichtigen House Label?

S: Alles kommt von Disko, all das Prelude und Salsoul Zeug und diese
scheiß-tiefen Intrumental Jams der 70ger und 80ger. House Pioiere wie Larry
Heard und DJ International/Chicago Sound haben natürlich für mich eine
wichtige Rolle gespielt. Frühe New Yorker Label wie Maxi Records, Bottom
Line, Nervous und New Groove sind auch sehr wichtig für mich. Ein House
Produzent, der mich mehr als jeder andere inspiriert hat, ist Jovonn. Er hat
wirklich excellentes Zeug damals veröffentlicht. Wir haben manchmal diese
Parties bei einem Freund von mir. Jeder bringt ein paar Flaschen Wodka und
seine Jovonns und Bottom Lines mit und wir betrinken uns.

DE:BUG: Was sind für dich deepe House Stücke ohne Strings?

S: Murk ist für mich ein gutes Beispiel für ein Label, das mehr Groove
orientierte Trax herausbringt, die auf jedem Deephouse Floor wie die
Hölle rocken.

DE:BUG: Wie ist das mit eurem Publikum, sind das vorwiegend ältere oder
Leute in deinem Alter?

S: Es gibt schon eine Menge von den älteren Leuten, die aus der Szene
verschwunden sind, aber überraschenderweise sind noch einige davon da. Wenn
es um junge Leute geht, ist es schwierig zu sagen, auf was die stehen. Bei
denen geht es so stark um Trends und all die verschiedenen Musikrichtungen
kämpfen ums Überleben. Wir haben es aber geschafft, eine gute Mischung aus
jung und alt anzuziehen.

DE:BUG: Welche neuen Platten können wir von dir erwarten?

S: In vier Monaten wird es von mir eine neue Freestyle Man EP geben und danach
eine CD. Die dritte Mood Music ist auch schon fertig und ich bin wirklich
zufrieden mit den Stücken, die ein wenig nach Vigilante klingen. (Detroiter
Techno-House Label, Anm. der Red.). Momentan arbeite ich mit ein paar
Freunden am Mood Music Material, bei dem live Bass gespielt wird und das
wird gut. Ich versuche auch etwas mit Jimi Tenor zu machen, aber er ist
schrecklich busy und so wird es etwas dauern. Er ist so brillant. Er kann
alle Instrumente spielen, du sagst was und er macht’s. Was das Musikalische
angeht, ist er auf der selben Wellenlänge wie ich.

Aktuelle Erscheinung; Freestyle Man – Port Arthur EP ( PUU)

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Elektronische Lebensaspekte.