Kunst am Waschbecken mit Villeroy & Boch
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 163

Vom designaffinen Gebrauchsgegenstand zum Kunstobjekt. Villeroy & Boch beweisen mit “Second Glance”, wie Nobel-Rinsing funktioniert.

Er lebt zwischen Brooklyn, Berlin und Bali, den drei Bs, sagt Ebon Heath einnehmend lächelnd. Da wäre man natürlich auch gerne Künstler. Aber ist man ja eben nicht. Immerhin, man wohnt in Berlin und Waschbecken, die benutzt man auch ständig. Jeden Morgen und jeden Abend zum Händewaschen und um den Schaum aus dem Zahnpastamund dort hineinzuspucken und in die Kanalisation zu spülen. Yngve Holen, ein anderer junger Künstler aus Berlin, sägte zuletzt Keramikwaschbecken und allerlei anderes Bad- und Küchenutensil wie Wasserkocher auseinander. Dazu benutzte er einen Wasser-Laser und verwandelte die an sich wasserhaltenden Dinge in Objekte uneigennütziger Ästhetik. Es lässt sich aktuell also durchaus feststellen: Ein Waschbecken macht sich gut in der Galerie. Sowieso sicher: das Waschbecken = ein guter Gebrauchsgegenstand. “Eine Hand voll Lehm, etwas Wasser, härtendes Feuer: ob grobes Steingut, feinstes Porzellan oder faserverstärkte High-Tech-Produkte – Keramik ist praktisch, wandelbar und seit gut 30.000 Jahren immer wieder Spiegel der Gesellschaft.” Das sagt die Firma Villeroy & Boch, seit 264 Jahre stellen sie im Saarland ebenjene feinste Keramik her. Zusammen mit dem Typografiekünstler Ebon Heath haben sie nun eine exklusive Serie aus 100 Waschbecken produziert, jedes davon ein Einzelstück aus floralen Grafikelementen mit 18-Karat-Weißgoldanteil und einer neuartigen haptischen Dekorstruktur. Das ganze Projekt heißt “Second Glance, The LoopArt Project”.
“Ein zweiter Blick lohnt sich immer”, erklärt Heath später weit über den Rand des Waschbeckens gebeugt, und erläutert auf der Eröffnung in der Berliner Galerie noch einmal am Objekt, worauf es ankommt: “Wenn man von weitem schaut, wirkt das Muster auf dem Waschtisch ein wenig wie ein Blumenstrauß, das referiert auf die florale ästhetische Geschichte von Villeroy & Boch, die wiederum beim zweiten Blick aufgenommen wird, denn da erkennt man hinter den bunten Blumenmustern wirklich konkrete Personen der Geschichte. Das wiederum spiegelt meine eigene Arbeit, das Sampling – etwas aus seinem eigentlichen Kontext nehmen und neu zu organisieren.”  

Aufmerksamkeitsökonomien & Mobiles
Der Grafikkünstler Heath ist für seine akribischen Werke bekannt, zuletzt löste er mit einem hochgelobten typografischen Ballett, einer Kunstperformance, die Grenzen zwischen Körper und Kalligrafie auf, er arbeitete mit R’n’B-Sängerin Beyoncé und entwickelt aktuell eine Schmuckkollektion. Doch auch die Geschichte von Villeroy & Boch ist geprägt durch die Kunst. Anna und Eugène Boch unterhielten eine enge Freundschaft zu Gauguin und van Gogh. Das von van Gogh gemalte Porträt Eugènes mit dem Titel “Der Dichter” hängt im Pariser Musée d’Orsay. Das letzte ähnlich außergewöhnliche Zusammentreffen von Kunst und Keramik in Mettlach war geprägt durch die Arbeit des Industriedesigners Luigi Colani, der besonders für aerodynamische und biomorphe Formen bekannt ist. Das war 1975. Heute weiß Heath: “Es geht nicht nur darum, ein Muster auf ein Waschbecken zu bringen, sondern Objekte mit neuer Bedeutung zu versehen, neu über sie nachzudenken.” In dem Video, das die Firma hergestellt hat, läuft der Brooklyner HipHop-Künstler durch die Mettlacher Archive, gefüllt mit steinaltem wunderschönen Porzellan und fragt irgendwann erstaunt: “Gibt es denn gar kein Organisationsprinzip, nach dem diese Kunstwerke aufgereiht sind?” Natürlich, wird ihm gutmütig von einer Alteingesessenen erklärt, nach Epochen, ein gewissermaßen europäisches Modell der Ordnung. 

Kollaborationen zwischen Kunst, Mode und Marke sind heute gang und gäbe, sie schaffen Aufmerksamkeit und Imagegewinn für den kunstfernen Hersteller und Aufmerksamkeit und Geld für den Künstler. Anselm Reyle für Dior, Carsten Nicolai für COS, Jeff Koons für Kiehl’s oder Damien Hirst für Converse und Levis. Auch der Getränkehersteller Gatorade arbeitete kürzlich mit dem vergleichsweise unbekannten Künstler Kevin Peterson “to create an original piece of art”. Das passt in eine Zeit, in der sich viele Künstler eher als Dienstleister, Moderatoren und Netzwerker verstehen denn als singulären Künstler. Sie partizipieren auf vielerlei Arten an dem Spiel mit Aufmerksamkeitsökonomien. Auch Ebon Heath kennt sich damit aus, seine Arbeit changiert stetig zwischen Kunst und Design. Dieses Projekt sei aber etwas anderes gewesen: “Es ist einfach zu sagen, wie authentisch das war und dass wir alle uns viel zugehört haben und am Ende noch mehr gelernt. Ein Unterschied dieses Projekts zu den vielen Kooperationen, die es zwischen Marke und Künstler gibt: Ich mache ein Waschbecken für sie und sie machen ein Kunstprojekt mit mir. Beide Seiten haben einen großen klar ersichtlichen Vorteil von dieser Arbeit. Sie haben mich in ihre Welt eingeladen und ich habe sie ein Stück weit mitgenommen in meine Welt.” 

Gebrauchskunst & Telefonbücher
Inspiriert durch Villeroy & Bochs Material- und Dekorkompetenz kreierte Ebon Heath ein Typographic-Mobile. Er erdachte ein Gedicht aus insgesamt 166 Buchstaben, die er daraufhin aus Fliesen ausschneiden ließ und frei in den Raum hängte: Buchstaben, Wörter, Sätze an fast unsichtbaren Fäden, die im Raum wie in der Luft schweben. Die Menschen mögen das, denn es bedeutet Freiheit. In dem Text geht um die alte Angst des Phoenix, neu aus der Asche zu entstehen. Die Kollaboration stellt viele Fragen neu: Was ist Gebrauchskunst? Was Handwerk? Wo verläuft die Grenze zwischen Design und Kunst? Und wo soll man die eigentlich hintun, diese Waschbecken, in die Galerie, ins Wohnzimmer an die Wand oder doch ins Bad? Heath habe vieles gelernt in Mettlach, etwa über das für ihn alchimistische Zusammenfügen von Einzelteilen zu einem großen blitzenden Gebrauchsgut. Und auch über Telefonbücher. Besonders eindrucksvoll fand er einen Raum in der großen Werkstatt zwischen Schloss und Abtei, der sogenannte Probe- und Testraum, in der die neuen, weißglänzenden Toiletten geprüft werden. Heath und der Creative Director Kai Steffan von Villeroy & Boch erklären am Ende einer offenen Fragerunde, wie das geht: “Sie reißen dort Seiten aus dem Telefonbuch und schauen, ob sie genug davon die Toilette herunterspülen können. Wenn man sechs zusammengeknüddelte Seiten wegspülen kann, dann hat man die Maßgröße internationalen Standards erreicht. Das wird in der ganzen Welt so gemacht, da alle Telefonbücher gleich schweres Papier benutzen.”

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Elektronische Lebensaspekte.