Text: Sascha Kösch aus De:Bug 42

Nächstes Universum, Disco
Savas Pascalidis und sein Label Lasergun

Anfänge sind immer vorne. Zuerst war Savas Pascalidis deshalb ein Disco DJ. 1992 versuchte er, mit Goran Besov von Megahertz Musik zu machen, auf einem eigenen Sampler, denn irgendwie beginnt es meist eben mit Technik. Drei Jahre später wollte Savas Pascalidis dann eigentlich sein eigenes Label beginnen. Technisch war er aber einfach dazu noch nicht in der Lage. Er blieb also lieber erstmal weiter DJ, denn Stuttgarter sind vorsichtig. Nach ersten Platten auf Affie Yussufs Label 909 Pervertions und Loritz Sounds näherte sich ihm Richard Bartz, der dringend Gleichgesinnte für sein Label Kurbel brauchte. Und schon war Pascalidis erst mal exklusiv auf Kurbel und es sammelten sich Tracks, die dort nicht rauskommen konnten. Folglich entstand Lasergun. Doch dass es so konzentriert einen Stil verfolgen sollte, der noch mal als discoide Revolution in Techno eingehen könnte, und dass auf diesem Label eine Geschichte von 30 Jahren Musik explodieren könnte, als wäre es eine Invasion, damit war damals nicht zu rechnen.

De:Bug: Lasergun verfolgt eine Tradition von Musik, der kaum jemand anders verfolgt. Das ist natürlich immer eine gute Idee, aber um so mehr, weil es Disco und frühen Technoansätzen verbindet – wie auf einigen KMS-Platten z.B.

Pascalidis: Disco war schon immer die Musik, die mich persönlich am meisten beeinflusst oder geprägt hat. Als ich so 1986 mit 16 Jahren anfing aufzulegen, spielte ich hauptsächlich (auf Studentenpartys) alte Discoscheiben von Labels wie Prelude, Salsoul, Westend, Solar, Rams Horn usw. Ich war zu der Zeit nur mit Älteren unterwegs, die mich in Discos mitnahmen, in denen es damals schick war, solche Musik zu spielen. Ich verbrachte die nächsten Jahre also nur damit, diese ganzen Platten zusammenzutragen – über Plattenbörsen, Auflösungen, Zeitungen und Clubs. Da für mich Disco 1983 endet, habe ich bis heute ca. 7.000 Maxis (von schätzungsweise 15.000) aus der Zeit zwischen 77-83 gesammelt. Als ich 86 das erste mal “Shadows of your love” von J.M. Silk hörte, spürte ich, wie der Gedanke von Disco wieder aufkam und sich fortan “House” nannte. Ab da versuchte ich immer, diese zwei Styles zu mischen. Ende der 80er kam dann Detroit Techno. Für mich war das eigentlich immer eher House, weil es sehr melodiös ist. Inner Citys “Big Fun” war doch eigentlich pure Disco, nur mit härteren Beats von der Roland TR 909. Eigentlich kamen die ersten House/Techno Trax für mich bereits 1982 raus, der Pianoeinsatz in Brenda Taylors “You can have your cake and eat it too” war sicherlich die Vorlage für Marshall Jeffersons “Move your body” oder C.Galdez “Water Garden” und Visuals “The musics got me”.
Was mich ebenfalls sehr geprägt hat, waren die Jahre 82-83, für mich die wichtigsten Jahre der Popmusik. Bands wie “A Flock of Seagulls” waren voll spacy. Oder Mike Batts “Love makes you crazy”. Neben Ultravox, Joy Division, Depeche Mode, Yazoo, Gary Numan gehört das zu meinen Lieblingen. Die Idee der Verbindung von Techno und Disco war sicherlich der Gedanke, die Verbindung zwischen Disco und House auf ein härteres Level zu bringen. Momentan versuche ich den Stil so auszureifen, dass es ein eigener Style werden könnte.

De:Bug: Wer waren die Einflüsse, die Platten, die so gekickt haben, dass ein eigener Stil dafür weiterentwickelt werden musste?

Pascalidis: Beltrams “Energy Flash”, Suburban Knights’ “The worlds”, Fix “Flash”, E-Dancer, Tronikhouse… Eigentlich alles von Kevin Saunderson hat total gekickt. Der Mann ist GOTT. Vielleicht hat er mich mehr beeinflusst, als ich weiß.

De:Bug: Komisch. Gerade weil du von älteren Sachen geprägt bist, fällt auf, dass das “Disco” in Lasergun nie retro ist.

Pascalidis: Kickin, discoid, funky, teilweise trashy immer upfront, aber nie zu 80s-lastig. Ich würde nie so produzieren. Mit Hall auf Drums und so… Das ist für mich genauso eine Geschmacklosigkeit, wie in den 70er Streifen das Hin- und Herzoomen der Kameras. Ich lege Wert darauf, dass ein Track auf Lasergun immer eine Geschichte erzählt und nie in der reinen Funktionalität versumpft. Obwohl das eigentlich ein Widerspruch ist.
Disco bedeutet für mich eine gewisse Dekadenz. Und genauso wie Techno heute hat es die Gesellschaft verändert. Es bedeutet leider auch Boney M. und Village People, aber das meiste an Disco war gut. Sogar Bands wie Chilly, deren Vorbild sicherlich Smokie war, haben im Mittelpart ihrer “For your love”-Version einen so futuristischen Stringeinsatz, dass man denken könnte, Kraftwerk stand an den Reglern. Wenn ich so Filme wie “Studio 54” sehe, dann hat sich nicht wirklich viel verändert. Disco bedeutet vor allem Euphorie, Lust am Tanzen, Bewegung, bunte Lichter. Andererseits hat Disco auch die Tore für Rap und HipHop geöffnet. Fatbacks’ Disconummer “King Tim III” (1979) enthält den ersten Rapeinsatz in der Musikgeschichte. Ein Style, der sich vorwiegend an Discoscheiben hält.

DEBUG: Warum benutzt du diese Bilder von galaktischem “Kitsch”, wie “Lasergun” zum Beispiel? Wie macht man Disco und ein ganzes Zeitalter galaktisch?

Pascalidis: Nun. Es gab natürlich nie wieder so viele Projekte, die sich mit dem Weltraum befassten, wie damals. Eines der Highlights war sicher The Warlord mit “The Ultimate Warlord”, das größtenteils aus einem Tiefen verzerrten Vocoder und Lasershots bestand. Nicht ganz unschuldig waren sicher die ganzen Arkadenspiele wie Space Invaders, Phoenix, Moon Cresta und so, die alles vorangetrieben haben. Star Trek war ja auch Kitsch, aber ich schaue mir lieber das an als diese ganzen Nachfolgeserien. Aber auch “Tron” war ein cooler Film. Filme waren nie wieder so futuristisch wie in der Disco-Hochphase bis ’83, Thx1138, Blade Runner, Soylent Green, Flucht ins 23. Jahrhundert, Fahrenheit 451. Ich finde, Musik und Filme sind gar nicht so verschieden.
Es gab in den 70-80ern enorm viel Kitsch. Und irgendwie ist es heute total cool, weil man sich an seine Kindheit erinnert. Der größte Kitsch mutierte zum Kult, weil es so simpel war, wie Disco. Damals von den Kritikern geächtet, aber aus heutiger Sicht wirkt eben vieles genial, was in den 70ern ‘cheap’ wirkte. Kitsch ist meistens der missratene Versuch, etwas zu machen, auf das man steht, aber nicht kann. So wie Ed Wood z.B. Ich glaube, Ed Wood würde auf “Lasergun” stehen. Ich sample auch meistens nur solche Stücke, die so trashy sind, dass man sie nie spielen könnte.

De:Bug: Gibt es eine Nähe zu Sachen wie Drexciya?

Pascalidis: Auf jeden Fall! Drexciya ist einer meiner Lieblingsacts neben Gigi Galaxy und Cari Lekebusch als Mr. James Barth. Futuristischer kann man kaum sein. Einer meiner Lieblingstrax von Drexciya ist “Sighting in the Abyss”, der eher in der Tradition von Patrick Cowleys “Megatron Man” Album steht als in der von Techno. Ich wäre froh, wenn ich wüsste, es gäbe Aliens und sie würden eines Tages kommen und uns in ihre Welt mitnehmen. Wir sind auf irgendeinem Planeten irgendwo in der Milchstraße, mit einer dieser Sonnen, von denen es Milliarden gibt. Ich glaube, dass wir nicht auf der Erde entstanden sind. Und wenn doch, sind wir Parasiten, denn keine andere Art schadet der Erde dermaßen.

De:Bug: Hast du einen Bezug zu Technologie?

Pascalidis: Sie treibt die Musik immer voran, sei es durch neue Hardware oder Software. Aber ohne die menschliche Kreativität wäre das sicher auch nutzlos. Ich arbeite immer noch mit dem selben 10 Jahre alten Atari und Cubase, weil ich irgendwie etwas faul bin. Andererseits finde ich, dass das Internet eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Zeit ist und wir damit ein total eigenständiges Univerum erschaffen haben, ohne das ich nicht mehr leben kann. Hat mich auch schon Unmengen an Geld gekostet.

De:Bug: Wer ist deine Posse? Mit welchen Leuten arbeitest du so zusammen?

Pascalidis: Es gibt hier in Stuttgart fast niemanden, der auf den gleichen Sound steht oder die gleichen Ziele verfolgt. Die Leute von Megahertz bzw. Klangstabil (Maurizio und Boris) kenne ich gut, aber sie ziehen auch ihr eigenes Ding durch. Bei denen von Mutter Records bin ich fast jeden Tag im Plattenladen. Aber eine Posse entwickelt sich irgendwie nicht. Ich hab bis jetzt kein einziges Demo bekommen. Der einzige Mensch, mit dem ich zusammenarbeite, ist eigentlich Richard Bartz.
Letztes Jahr habe ich John Selway bei einem gemeinsamen Gig kennengelernt, woraus die Sexual Harrassments “I need a freak”-Remixe entstanden sind. Da ich keine Rechte an dem Original hatte, konnte ich es leider nicht veröffentlichen, was ich sehr bedaure. Der dritte, der mit von der Partie war, war DJ Splank von Zombie Nation. Der war auch ziemlich begeistert davon, obwohl er als einziger das Original nicht kannte. Die letzten, die zu Lasergun gekommen sind, sind Ural 13 Diktators aus Finnland. Ich war von ihren Platten total fasziniert. Diese Mischung aus Hi-NRG, Disco und Techno war für mich ganz klar Lasergunstyle. Ich habe sie ganz schüchtern gefragt, ob sie vielleicht Interesse hätten, was bei mir rauszubringen. So kam es zur “LAZER ATTACK” EP, die im Dezember erscheinen wird. Ein paar werden sicher sagen, dass es Trance ist, aber das stimmt nicht. Es ist die konsequente Weiterführung des HI-NRG Sounds von Leuten wie Patrick Cowley, Bobby Orlando, Cerrone oder Giorgio Moroder. Zu dem muss man sagen, dass er ja im Gegensatz zu den anderen nur 2-3 gute Trax hatte. Er wird also total überbewertet. Nach Disco hat er nur Scheiß gemacht. Da lob’ ich mir Patrick Cowley, der leider 1982 verstarb und damit sowas wie der James Dean von HI-NRG/Disco ist. Übrigens bedienen sich an ihren Elementen viele Tranceproducer.
Die Finnen Diktators sind jedenfalls aber die einzigen, die eine ganze Platte auf Lasergun gemacht haben. Womit wir schon ziemlich international sind: Helsinki-New York-Munich-Stuttgart. Producer in diesem Sound, vor denen man Respekt haben könnte, gibt es in Deutschland sehr wenige. Wenn mir dagegen Frankreich anschaue, die Franzosen sind schon Light Years away…

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Elektronische Lebensaspekte.