Der gebürtige Grieche Savvas Ysatis hat in New York Energie angestaut und Stile getestet. Jetzt entspannt er sich hoch über Athen und lässt mit seinem 18. Album von dort via Berlin sanft-swingenden Techhouse auf den Sommer los.
Text: florian sievers | florian.sievers@debug-digital.de aus De:Bug 50

house

Griechenland 2001
Savvas Ysatis

Griechenland, Athen: viel Geschichte, viele muntere Griechen und viel Smog an einem Ort konzentriert. Und mitten im Zentrum der Stadt, über all den alten Tempeln und all dem Smog, sitzt jemand in seinem Studio. Es liegt im sechsten Stock eines Hauses auf einem hohen Hügel, und der Mann kann aus seinen großen Studiofenstern über die gesamte Stadt blicken. Er guckt bis zum Meer und sieht die Wellen, den Hafen und die Schiffe. Und an klaren Tagen kann er am Horizont sogar die nächste Halbinsel erkennen. Savvas Ysatis, 33, arbeitet und wohnt hier mit einem fantastischen, entspannenden Ausblick. Kein Wunder also, dass auch seine Musik so beschwingt und befreit daherkommt. Eben genau so, wie der dubby sanft-swingende Techhouse von Savvas’ neuer LP “Select”, die nach dem ’99er Album “Highrise” bereits sein zweiter Langspieler bei Tresor ist – und sagenhafterweise sein 18. Album insgesamt. Dieser ganze Stapel von Platten mit ganz unterschiedlichen Projekten und Stilen hat natürlich eine lange Vorgeschichte. Schon 1983, im zarten Alter von 15 Jahren, zog Savvas nämlich aus in die weite Welt, um elektronische Musik zu lernen.

Allein in New York

Er siedelte von Athen nach New York über, weil er endlich mal all die Geräte kennenlernen wollte, die er von seinen Kraftwerk- und Jean-Michel Jarre-Platten kannte. “Ich wollte das ganz auf mich alleine gestellt ausprobieren”, erklärt Savvas, “ohne dass mir Leute ständig sagen: ‘Du kannst dies nicht machen, und das geht auch nicht’.” Also zog er bei einem Bekannten seiner Eltern auf Long Island, NY ein, besorgte sich Equipment und fing an zu probieren. Nebenher ging er dort zur Schule und absolvierte nach seinem Abi sogar noch eine Ausbildung in französischer Küche an einer Berufsschule. Doch erst zehn Jahre nach dem radikalen Ortswechsel im Handwerker-Lehrzeit-Style trug dieser eine erste Frucht: 1993 veröffentlichte Savvas als “Omicron” seine erste EP bei dem lokalen Label “Instinct”, die damals noch ein bisschen unsicheren Techno sportete. Doch schon während der Arbeit an seiner folgenden LP lernte Savvas zufällig jemanden kennen, der sein weiteres Leben verändern sollte: Taylor Deupree, der damals sein Geld als Grafikdesigner verdiente und sich um Savvas’ LP-Cover kümmerte.

Zu zweit in New York

Die beiden taten sich zusammen und bildeten eine Konstellation mit extrem hohen Output und einiger Experimentierfreude. Denn sie schmissen in der Folgezeit zwei Alben pro Jahr auf den Markt und testeten ständig neue Stile aus. Jede Platte war komplett anders: ein neues Projekt, ein neuer Name, ein neuer Stil – von TripHop als Futique und Seti über Detroittechno als Arc bis zu Techhouse als Skai und Ambient unter ihren beiden Eigennamen. Und weil der Output so groß war, konnten sie sogar einigermaßen gut davon leben. 1997 schließlich hatte Savvas die Nase voll. Er hatte genug gelernt, genug ausprobiert und vermisste seine Heimat tierisch, schließlich hatte er sein halbes Leben in New York verbracht. Also kehrte er nach Athen zurück und konzentriert sich seitdem auf reduziert-groovenden Techhouse. “Ich bin glücklicher hier”, erklärt er, “ich mag den griechischen Lebensstil viel mehr als den in New York. Und ich wollte mithelfen, in Griechenland eine Szene aufzubauen. Als ich Athen verließ, war die Szene für elektronische Musik noch in einem embryonalen Stadium. Es gab keinen Zugang zu Equipment und Platten, und die Leute haben die Musik überhaupt nicht verstanden. Als ich zurückkehrte, war das schon anders.”

Massive in Athen

So gibt es mittlerweile griechische Künstler wie Fluxion, der auf Chain Reaction veröffentlicht, oder Mikael Delta, der schon über Glasgow Underground und Distance Platten auf Tanzflure und in Wohnzimmer lanciert hat. Savvas selber startete nach seiner Rückkehr das Projekt “Allou” mit dem griechischen Sänger Elias Aslanoglou, das dort extrem erfolgreich war und auf V2 Griechenland erschien. So wie Allou haben übrigens die meisten griechischen Musiker Majordeals. Denn es gibt dort nur eine Handvoll kleiner Indie-Labels, darunter auch Savvas’ Imprint Sonar – auf dem er allerdings mit griechischer Entspanntheit bislang nur wenig rausgebracht hat, etwa “Ion” mit, mal wieder, Basic-Channel-Style Dub-Techhouse. Überhaupt hat das Berliner Labelkonglomerat in Griechenland tiefe Spuren hinterlassen. “Wir sind definitiv riesige Fans von denen. Aber ich finde, wir bewegen die Sache jetzt in eine andere Richtung, denn das Klima hat Einfluss auf meine Musik. Es war eine bewusste Entscheidung, hierher zurückzukehren und bei diesem Klima entspanntere Platten zu veröffentlichen. Es ist meist warm, und das hilft mir. Du gehst nachts um 3 Uhr raus, und das Leben pulsiert noch. Es gibt sogar noch Staus nachts um 3, weil so viel los ist. Und wenn du echt mal zuviel davon hast, kannst du mal eben auf eine Insel flüchten und alles vergessen.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.