Digitale Subkulturen wie Machinima oder die Demo Szene waren bisher eher in den entlegeneren Windungen des Web oder auf nerdigen Festivals versteckt. Mit dem neuen Magazin "Sceen" bekommen sie jetzt ein hochglanziges Zuhause.
Text: Chris Köver aus De:Bug 98

Jenseits von Copy & Paste

An neuen Zeitschriften gibt es in der deutschen Medienlandschaft derzeit nicht gerade einen Mangel. Jetzt kommt mit dem “Sceen – Magazine for Digital Extravaganza” noch eine weitere hinzu. Muss das sein? Wenn man Alexander Scholz fragt, schon. Denn das, was die Sceen erzählt, im Hochglanzformat präsentieren und möglichst schön didaktisch vermitteln möchte, die digitale Subkultur, wird von den derzeitigen Fachzeitschriften für Games, Computer oder Lifestyle bisher höchst stiefmütterlich behandelt. Scholz: “Ich habe mich immer schon für Medienkunst mit einem subkulturellen Fokus interessiert. Mit großen Budgets für große Marken kann man auch tolle Sachen machen. Und es gibt genügend Magazine, die sich damit auseinander setzen. Es gibt aber niemanden, der nach Dingen schaut, die völlig frei, kreativ oder spielerisch motiviert sind. Der fragt: Wo machen Leute Sachen, ohne dass es eine kommerzielle Motivation gibt.” Dies, die größtenteils idealistische, nicht-kommerzielle, manchmal etwas nerdige und dabei überaus hartnäckige Einstellung, ist genau die Gemeinsamkeit derjenigen Menschen, die z.B. Spiele umnutzen, um damit Filme zu drehen (Machinima), über das Netz Musik raushauen (Netlabels) oder Rechner und Konsolen hacken, um darauf bunte 3D-Psychedeliktrips zu programmieren und sie auf internationalen Conventions mit über 1000 Teilnehmern ihren fellow nerds zu zeigen (Demo Szene). Und eben dies sind die Themen bzw. Leute, die sich in der ersten, im September erschienenen Ausgabe der Sceen tummeln.

Die Hand voll Menschen, die das Magazin bislang mit Content versorgen, sind teils in Deutschland, teils über den Rest der Welt verstreut und kommen selber aus den Szenen, aus denen sie berichten. So plaudert Micromusic-Queen Emma Davidson alias Lektrogirl z.B. über die neuesten Micromusic-Projekte und Moritz Sauer, Betreiber des E-zines http://www.phlow.net, schreibt über Netlabels. Klassischer Grassroots-Journalismus also. Scholz sitzt im loftigen dritten Obergeschoss eines Hamburger Bürogebäudes und schneidert aus dem Eingesandten das fertige Heft.
Und weil das nicht für den deutschen Massenmarkt, sondern für die Leute aus den besagten Szenen selbst gedacht ist, spricht bzw. schreibt man auf Englisch. Was dazu führt, dass ein Großteil der Artikel in einem durchaus sympathischen Denglisch abgefasst ist, das stellenweise etwas sperrig daherkommt, dann aber aufgrund der größtenteils interessanten Inhalte doch die Mühe wert ist. Trotzdem kommt man nicht umhin, etwas Mitleid für die nicht-muttersprachlichen Redakteure/innen zu empfinden.
Aber was tut man nicht alles, um den selbst auferlegten Bildungsauftrag zu erfüllen. Denn neben der edlen Absicht, diesen bisher im Halbschatten des digitalen Undergrounds dahinfristenden Leuten und Projekten endlich die ihnen gebührende Öffentlichkeit zukommen zu lassen, will Sceen in erster Linie Community-Arbeit leisten, d.h. für die Vernetzung der verschiedenen digitalen Subkulturen untereinander sorgen. Weil es laut Scholz “ganz verschiedene Individuen, Communities und Szenen auf der Welt gibt, die alle ähnlich motiviert sind, wo es ganz viele gemeinsame Nenner gibt, die aber teilweise überhaupt nichts voneinander wissen. Wo ich dann festgestellt habe: Wenn die Leute so was machen, dann müssten sie doch auch das toll finden.”

Optisch liefert Sceen dabei den lang ersehnten Beweis dafür, dass Undergroundigkeit sich nicht zwingend darin ausdrücken muss, dass man aussieht wie ein selbst kopierter Layout-Unfall. Das Do-It-Yourselfige überlässt man lieber den Inhalten und setzt statt Schere, Klebstoff und dem Dot-Com-Firmenkopierer auf High-End-Ästhetik. Wie gesagt: Was Papierqualität, Layout und Design betrifft, könnte die Sceen direkt neben Style, Vogue und anderen Yuppie-Lifestyle-Blättern im Regal stehen. Und das ist jetzt, zumindest optisch betrachtet, durchaus als lobender Vergleich gemeint. Damit kommt die Sceen nicht nur augenschmeichlerisch daher, sie macht auch deutlich, dass die bei anderen Fanzines beliebte und bekannte Copy&Paste-Trashigkeit eher bewusste ästhetische Haltung und irgendwie Ehrensache als notwendige Konsequenz von Fanzine-Sein ist.

Will die Sceen also ein Edel-Fanzine sein? “Wenn es um den Idealismus von Fanzines geht, also die Unabhängigkeit, die Themennähe und das Ganze für die Sache selber zu machen, dann wären wir ein Fanzine. Wir verstehen uns nicht als kommerzielles Magazin. Wenn es aber darum geht, wie man journalistisch mit den Themen umgeht, versuchen wir schon, uns professionellen Magazinen anzunähern. Es geht nicht nur um Selfpromotion, sondern darum zu sehen, wie man das, was die Leute dort machen, einordnen kann, sowohl die positiven als auch die negativen Aspekte. Viele Sachen müssen einfach übersetzt werden: Warum die Leute das machen, wie sie das machen. Gerade wenn es um ganz spezielle Szenen geht, kann man nicht mal eben dort einsteigen und sich ein Bild machen. Diesen ganzen Themenkosmos versuchen wir redaktionell zu erfassen und einzurahmen, spannende Sachen zusammenzustellen.”

Die Entscheidung für das wenig digitale Format Printmagazin liegt dabei nicht nur in Scholz’ eigenem Background als Agenturgrafiker begründet, sondern will auch der Schnelllebigkeit und dem Informationsoverkill des Netzes entgegenwirken: “Je mehr ich an diesem Thema arbeite, umso mehr merke ich, dass Print und der vierteljährliche Rhythmus genau die richtige Schiene ist, um etwas mehr Tiefe in diese Dinge zu bringen.” Das Anschauungsmaterial ist dann auf einer beiliegenden DVD zu finden. Wer in die Tiefen der Sceen abtauchen möchte, kann sich bei http://www.sceen.org für 25 Euro sein Jahresabo sichern. Was wir hiermit dringend empfehlen.

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Elektronische Lebensaspekte.