Das Holzfällerhemd ist tot, schon lange. Beerdigt mit Grunge. Erst nahm es Ralph Lauren aus dem Programm, dann auch die Hersteller von Arbeitsbekleidung. Ja, richtig gelesen. Diesen Winter bieten nicht einmal mehr Arbeitsbekleidungsgeschäfte das schwarzrot karierte Flanellhemd an. Aber genau dann, wenn die Nacht am schwärzesten ist, zeigt sich der Silberstreif am karierten Himmel.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 106

Das Holzfällerhemd
Eine Traditionssuche mit Frank Leder

Skateboard-Marken wie Stüssy und És erinnern sich plötzlich wieder ans Karohemd, die Outdoor-Instanz Woolrich feiert den 175. Geburtstag mit einer schwarzroten Karo-Edition.
Debug umkreist mit Frank Leder Geschichte und Bedeutung des schwarzroten Flanellkaros.
Frank Leder gehört zu den deutschen Mode-Designern, die mit langem Atem ihre ganz eigenen Fragestellungen verfolgen. Wie Stephan Schneider oder Bernhard Willhelm forscht er seinem eigenen Erbe hinterher, das auch immer ein deutsches Erbe ist. Wo Schneider mit seinen Windjacken und Willhelm mit bayrischen Schürzen das Komische bis Komödiantische betonen, ist Leder viel eher der Romantiker. Wenn er sich in einer Kollektion mit seinem Vater auseinander setzt, versteckt er als stumme Botschaften Fotos, die sein Vater in den 50ern geschossen hat, in den Taschen von Jacken und Hosen. Wenn er Afrika als Thema wählt, interessiert ihn daran, wie dem deutschen Kleinbürger das kaiserliche Kolonial-Engagement schmackhaft gemacht wurde. Ein wichtiger Ausgangspunkt für Leders Arbeiten ist der Stoff, seine Materialität. Leinen darf Webfehler haben, Filz soll filzig aussehen, Leder satt gefettet. Das Material ist dabei nie nur schön oder nützlich, eine Stoffbahn ist für Frank Leder eine Seelenlandschaft.
Je aufgeladener ein Stoff mit Geschichte ist und je mehr er stoffliche Präsenz hat, umso mehr inspiriert er Leder. Aber essentiell bleibt: der Bezug zu deutschen Kulturlinien. An Leinen interessiert ihn weniger, wie es traditionell in Tuniken eingesetzt wurde, sondern wie es in den Uniformen der deutschen Kolonialarmee verwendet wurde.
Auch das Holzfällerhemd ist stark mit Geschichte aufgeladen, allerdings nicht spezifisch deutscher. Aber vielleicht reicht seine stoffliche Präsenz, um Frank Leder, den Spezialisten für aus der Mode verdrängte Materialien, zu unvermuteten Eingebungen zu bewegen?

Frank Leder: Gehen wir mal zum Grund. Wo kommt das Holzfällerhemd her? Aus Kanada? Die Holzfäller in Kanada kamen aus anderen Ländern, waren Einwanderer aus Deutschland oder Schottland.
Von Holzfäller komme ich auf Holzknecht. Du hast erwähnt, dass man das Muster in Berlin heute nur noch am Kottbusser Tor sieht …

… bei den Obdachlosen und den Punks mit Drogenproblem.

Da kann man fast einen Bogen ziehen. Die Holzknechte vor 200 Jahren haben im Wald für andere Leute Holz geschlagen und gesammelt, ihr Status war sehr niedrig. Aber es waren keine Leibeigenen, sie hatten den Ruf, freiheitsliebend zu sein. Man war mit sich selbst im Wald, das roch nach Freiheit. Die Holzfällerhemd-Träger am Kottbusser Tor haben sich auch gesellschaftlich ausgeklinkt, sind keiner Obrigkeit hörig …

… finanzieren ihre Freiheit aber damit, dass sie für 50 Cent Autoscheiben putzen, das moderne Holzsammeln.

Das Hemd ist aufgeraut, saugt Schweiß gut auf, ist warm, alles Eigenschaften, die man im Wald und auf der Straße braucht.

Woolrich haben dieses robuste Holzfällerhemd mit einem Smoking-Kragen aufgelegt, mit umgelegten Ecken. Das könnte fast eine Idee von dir sein, oder?

Ich habe noch nie was mit diesem Stoff gemacht. Aber es hört sich gut an. Wenn ich was daraus machen sollte, würde ich es nicht komplett umkrempeln, sondern es erhalten und nur ein kleines Detail verändern, es ganz vorsichtig in meine Design-Welt rüberholen. Ich würde es so bearbeiten, dass es in einer Wald-und-Wiesen-Kollektion funktioniert, aber so, dass man eine Fliege dazu tragen kann. Es ist wahnsinnig wichtig, den Stoff zu fühlen. Ich würde einen gewebten Stoff nehmen, bei dem sich sie Oberfläche fast schon dreidimensional absetzt. Den müsste man machen lassen. Aber alleinig würde ich nicht so einen Holzfäller-Stoff nehmen. Ich finde nur mühsam einen Ansatz.
Aber das ist vielleicht das Gute an dem Karo-Muster, dass es ein bisschen mysterious ist, nicht wirklich festgelegt. Vielleicht entsteht gerade deshalb eine richtige Jugendkultur daraus. Stell’ dir mal einen Laden vor, in dem nur Holzfällerhemden in Schwarz, Blau und Rot hängen …

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Elektronische Lebensaspekte.