Köln geht in die nächste Runde. Probt die dritte Generation elektronischer Produzenten den Aufstand oder setzt sie den Sound of Cologne fort? Schaeben und Voss von Firm und die Labelmacher von Sender und Betrug geben Auskunft.
Text: Kerstin Schäfer aus De:Bug 37

/köln/roundtable Roundtable Köln: Schaeben & Voss, Sender, Betrug Unterm Dom Der musikalische Auftakt von Schaeben & Voss war die Busted 12″, die auf ihrem eigenen Label Firm in Zusammenarbeit mit Denis Moschitto und dem Kölner Tropenverlag erschien – der thematische Zusammenhang ist in einem Buch über die Hackerszene zu finden und in diversen Amigasamples. (www.hackerland.de) Schnurstracks weiter ging es dann mit zwei Releases auf Kompakt: ‘Dicht Dran’ (Kom 7) und ‘Fein Raus’ (Kom 17). (www.kompakt-net.de) Sender Sender ist ein nagelneues Kölner Techno Label. Im klassischen Sinn, so trocken wie man sich das so vorstellt. Ins Leben gerufen von Benno Blome und Freundin Kim Lakizz. Kims erster Release überhaupt war die Gigolo 23: ‘Ein Geist gab mir Feuer’. Der Aufklang bei Sender wird dann auch von Kim bestritten, alias K.Lakizz – ‘Schwebstaub EP’. Der zweite Release kommt von Sluts’n’Strings+909 (P.Pulsinger, E. Tunakan, H. Gollini) – ‘Summerbreeze’ . Die Sender 03 heisst ‘Auf Empfang’ und ist von weltZwei. Sender wird über Kompakt vertrieben. Schau auch bei http://www.sender-records.de. Betrug Zum Zeitpunkt des Gespräches noch virtuell, mit diesem Heft in der Hand allerdings noch ein brandneues Label, der Kölner Peripherie entsprungen. Das Mastermind dahinter ist Alexandra Iliopoulou. Konzept? Pop – in allen Spielarten, ohne plakative Bezüge herstellen zu wollen – mixed mit ambienterer Elektronik. Das Debüt wird getragen von Meinrad Jungblut ‘6 Lieder’. Distribution? Na Kompakt….thaddi Köln ist im Anmarsch, alle Zeichen stehen auf Alarm. Grund genug, um mal genauer einen Blick auf die neuen Akteure zu wagen. Flink die Tasche gepackt, das Aufnahmegerät noch schnell unter den Arm geklemmt und nichts wie los. Sechs Stunden und einige Innenstadtumrundungen um den Kölner Dom später: Irgendwo in der Spichernstrasse in einem chaotischen WG-Zimmer. Mit von der Partie beim Plausch: Thomas Schaeben und Heiko Voss alias Schaeben & Voss (Kompakt, Firm), Benno Blome (Sender), Alexandra Iliopoulou (Betrug) und die De:Bug-Operators Riley Reinhold und Kerstin Schäfer. Schaeben & Voss De:Bug: Seid ihr richtige Kölner? Schaeben: Eigentlich kommen wir von 25 km weiter ausserhalb. Aus Erftstadt. Seitdem ich 17 bin, trampe ich aber nach Köln. De:Bug: Wie habt ihr mit Schaeben & Voss begonnen? Heiko Voss: Wir haben eigentlich aus Spass an der Sache angefangen, Musik zu machen so wie das fast alle tun. Die Auflegerei macht mir zwar überhaupt keine Freude mehr zehn Minuten und die Lust ist weg -, aber eigene Musik zu produzieren schon. Die Kompakt Leute sprachen uns schliesslich auf unsere Musik an, und wir haben ihnen ein paar Sachen gegeben. Köln ist klein, da passiert so was schon mal häufiger. De:Bug: Bei euren Releases auf Kompakt fällt die eigentümliche Namensgebung auf. Voss: Die Titel sollen alle zwei Wörter haben, das ist die Idee. ‘Dicht Dran’ beispielsweise, oder ‘Fein Raus’. Wir hatten noch ‘Unten Durch’, ‘Mitten Rein’ oder ‘Ofen Aus’ zur Auswahl. Wir hoffen ja, dass es noch eine dritte Techno-Maxi auf Kompakt geben wird, wenn die noch mal Bock haben, sich ein total zerstückeltes DAT ohne IDs anzuhören. Da wäre noch ein Track rauszuholen….. Für das Konzept von Schaeben & Voss ist es wichtig, dass das Projekt nicht nur Techno beinhaltet, sondern auch das ein oder andere Ausnahmestück kultivieren sollte. Die ‘Fein Raus’ ist eine Auskopplung aus einer Betrug-Platte, dem Label von Alexandra. Die Platte ist allerdings noch nicht erschienen. Sie ist von meinem Solo-Projekt ‘Senf’. De:Bug: Wie – Senf ist also Voss Solo? Voss: Ich hatte keine Lust mehr, mir über Pseudonyme Gedanken zu machen, deswegen gibt es neben meinem eigenen Namen – Heiko Voss – das alltägliche Senf: Heiko Voss Senf. Und alle Sachen, die so zwischen den Schaeben & VossStücken übriggeblieben sind, kommen auf die Platte und sind ganz einfach Senfsachen. Thomas Schaeben: Wir haben uns das mit unserem Namen ganz einfach gemacht: Schaeben & Voss klingt wie eine Spedition oder irgendeine Installationsfirma. Gas-Wasser-Scheisse. – So könnten wir eigentlich die nächste Platte nennen… De:Bug: Bei eurer ‘Busted’ 12″ fällt auf, dass die Platte zweiteilig ist. Auf der einen Seite sind Technostücke und auf der anderen Seite hört man etwas, das wie ein Gameboy klingt. Was sind das für Sounds? Schaeben: Es sind alles Entwürfe, die auf einem Computerspiel laufen können, also Amiga-Sounds. Es ist Speicherplatz-minimierte Musik, die auf Trackern entstanden ist. Die andere Seite hat normale Technosounds, die ebenso auf Amigasamples basieren. Das nächste Release wird dann eine Doppel EP, eine Compilation. Insgesamt arbeiten sieben Leute daran. Unter anderem gibt es Stücke von Boris Kauer, Michael Mayer, Denis Moschitto und Alexander Geiger. Fast alle Stücke sind jetzt da. Es kann also los gehen. Es sollte eigentlich nur Techno werden, ist es aber im Endeffekt nicht geworden. Das ist ganz schön. De:Bug: Wie ist bei euch das Verhältnis zwischen dem Geldverdienen und dem Musikmachen? Voss: Naja, je mehr man was für die Musik macht, desto stressiger wird der Job. Der macht auch immer weniger Spass, weil man das Gefühl hat, er klaut einem die Zeit fürs Musikmachen. Am schönsten wäre, wenn sich das umkehrt. Aber bei der Überflutung von elektronischer-Musik-machendem Jungvolk ist es schwierig, da optimistisch zu bleiben. Ausserdem machen wir neben Musik auch noch Filme. Gerade eben haben wir ‘Anzeichen für agressive Kampfroboter’ produziert. Den kann kann man dann auch bald unter http://www.flashnmaclaine.de runterladen. Und live spielen wir auch noch. (15.08. Zürich, Rote Fabrik) Sender De:Bug: Also Benno, Partygoer, Musikfreund, Kölner. Warum hast du Sender gegründet? Benno Blome: Also, ich lege schon seit ein paar Jahren auf und mittendrin entstand spontan die Idee, ein eigenes Label zu gründen. Das startet jetzt mit der ersten Veröffentlichung. De:Bug: Ist Sender eher ein Label, um eure eigenen Sachen rauszubringen, oder sollen auch andere Leute gefeatured werden? Blome: Das meiste wird schon von meiner Freundin Kim und mir sein. Wir werden Sachen veröffentlichen, die uns am Herzen liegen. Musikalisch sind wir bei Techno, genauer Minimaltechno angesiedelt. Nicht nur verkopfte Sachen, es ist eher zum Tanzen gedacht. Kim hat einen speziellen Sound zwischen Ambient und Dancefloor. Tanzbar ist zwar ein dehnbarer Begriff, aber für ihre Sachen trifft er auf jeden Fall trotz der sphärischen Einflüsse zu. De:Bug: Wie ist Kim zur Musik gekommen? Blome: Kim kam lustigerweise über ein paar CDs zu Techno, uralte Sachen. Im Prinzip hat sie alles gehört. Gigolo war dann die Initialzündung. Hell hat sie angespornt, und 1996 hat sie ihm ihr erstes Tape gegeben. Produzentinnen, die alles alleine machen, gab es zu dieser Zeit echt selten. Auf der Homepage von Electric Indigo (www.indigo-inc.at) gibt es übrigens jetzt eine Aufzählung aller Frauen im Techno, unter ‘female pressure’. Das ist inzwischen eine Riesenliste geworden. Betrug De:Bug: Alexandra, was planst du mit ‘Betrug’? Wie fing alles an? Alexandra Iliopoulou: Ich arbeite seit ungefähr fünf Jahren im Muskibereich, Labelarbeit und Promotion. Früher bei !K7 und Tresor, seit August letzten Jahres bin ich bei Kompakt. Ich lege schon ziemlich lange auf, in der Schule habe ich mit einem Schallplattenspieler und Tapes angefangen. Später verlor ich das aus den Augen. Erst vor vier Jahren kam ich wieder per Zufall dazu. Das Konzept von Betrug ist mehr oder weniger, Popmusik zu veröffentlichen. Popmusik nicht im traditionellen Sinne, auf die Charts ausgerichtet, sondern eher für alle musikalischen Spielarten offen. Ich will Leute featuren, die bis jetzt noch nichts oder wenig gemacht haben. Oder aber auch jemanden wie Heiko, Senf, der eher im elektronischen Bereich bekannt ist. Es geht darum, ‘andere’ Sachen zu präsentieren. Ich bevorzuge schon die ambientere Elektronikabteilung, das ist auch mein DJ-Stil. Bei Betrug sind es gerade die Texte, die die Stücke ausmachen. ‘Betrug’ soll nicht nur rein elektronisch werden davon gibt es wirklich genug. Im Gegensatz zu den meisten rein instrumental ausgerichteten Labeln sollen Texte eine der Musik gleichberechtigte Rolle spielen. Veröffentlichungen kommen deshalb auch nicht mit Standardcover, sondern mit einem Beiblatt, das der Künstler selbst gestaltet so wie es früher bei den Popplatten des öfteren war. Was dabei auch noch wichtig ist, ist der Humor. Die Texte auf der ersten Maxi von Meinrad sind beispielsweiseschon besonders. Er beschwert sich über die 68er oder macht ein Stück über einen Parkplatz, von dem gerade ein Automobil wegfährt. Ein anderer Titel heisst: ‘Wenn ich nicht hier bin, dann bin ich auf dem Sonnendeck’. Oder ‘Lieder gegen die Schwerkraft’. Einflüsse De:Bug: Wie wichtig ist für euch der bisherige Sound aus Köln? Voss: Also die Mike InkMinimaltechnoplatten waren schon prägend für das, was in Köln passiert ist. Aber im Moment streut sich das breiter und ist nicht mehr auf einen Sound reduziert. Vor zwei Jahren traf das noch eher zu. Schaeben: Es gibt einen minimalistischen Touch, den man mit Kölner Sound verbindet, also schon ziemlich verkopft. Aber dann gibt es auch noch uns, wir sind da irgendwie anders. De:Bug: Unabhängig von Mike Ink, was teilen die Leute sonst noch? Schaeben: Es gibt keinen festen Klüngel, würde ich sagen. Jedenfalls nicht da, wo ich mich bewege. Alexandra: Aber dennoch tun sich alle möglichen Leute zusammen und arbeiten gemeinsam, das muss man schon festhalten. Voss: Zur Zeit mischt sich einfach alles. Blome: Die ganzen Mike InkSachen haben einfach den Boden für weitere Label geschaffen, ob jetzt Ware oder Firm, Schaeben & Voss. Es ist auf jeden Fall ein wichtiger Einfluss, den darf man nie leugnen. Aber man darf auch die ganze Elektrosektion nicht vergessen. Schaeben: Bei mir kann man als Einfluss auch Detroit mitzählen. Alexandra: Und Karaoke Kalk darf man nicht ausser acht lassen, das Label hat sehr viel bewegt. De:Bug: Dankeschön.

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Elektronische Lebensaspekte.