Booka Shade produzieren zwar sehr stromlinienförmige Musik, aber ihre visuelle Identität ist umso griffiger. Das ist das Verdienst vom Designbüro Eikes Grafischer Hort. Die machen gerne das Gegenteil von dem, was ihre Auftraggeber wünschen, und überzeugen sie hinterher. Das hat Erfolg.
Text: Jan Rikus Hillmann aus De:Bug 102

Cover Artwork im elektronischen Genre war lange Zeit eine Schlangengrube der Klischees. Standen liquid-artige 3-D Renderings lange Zeit für Drum and Bass oder Kreis, Quadrat, Dreieck und Farbfleck für Minimal, so prägte Warp mit seinen Designers Republic Artworks über Jahre eine eigene visuell interpretierende Stilistik. Und wies somit schon früh dorthin, wo musikalische Visualität mehr ist als eine direkte visuelle Transformation der musikalischen Inhalte oder einfach nur Verpackung: Zu einer visuellen Identität. Quasi einer Haut in Form und Farbe, die nicht nur die Musik verpackt, sondern mit ihr verwächst und weiterlebt.
Mit der Gestaltung der Cover Artworks der Booka Shade Alben “Memento” und “Movements” hat Eikes grafischer Hort Highlights des Cover Artworks gesetzt, in dem sie den Künstlern eine komplette visuelle Identität verliehen. Das Spiel mit verschiedenen grafischen Epochen, ein Logo aus streng grafischen Grundelementen, die Rockwell als Typo, Reklamefragmente wurden auf einem Träger aus alten, benutzten Papieren und Leinwänden collagiert und fusst auf der Interpretation der minimalistische, filmmusikartige Musik. Aus diesem Pool von Elementen entwickelte der Hort Vinyl, CD Digipack, Remixvinyls und Visuals für die Liveauftritte. Um den Akt des Remixens auch in der visuellen Darstellung sichtbar zu machen, entwickelten sie für die Remix Cover eine neue Rhythmik für die einzelnen Elemente, da sich die typografischen Elemente sich beliebig kombinieren lassen. Mit dem Artwork des neuen Release der Berliner Booka Shade “Movements” wird dieser Weg weitergeführt. Eike König vom Hort, erklärt, wie es dazu kam.

Debug: Das visuelle Konzept der Booka-Shade-Releases im Kontext des letztjährigen Memento-Albums ist außergewöhnlich intensiv und identitätsgebend. Wie kam es dazu, ein so komplexes und flexibles Artwork-Konzept zu entwickeln?

Eike König: Eine direkte Anfrage der Künstler gab es nicht. Der Hort hatte schon einige Artworks für die Produzenten gestaltet. Die Platten kamen damals beim Label “Zeitgeist” raus. Wir kannten uns zwar persönlich nicht, doch kontaktierten sie mich und wir trafen uns in Berlin. Sie spielten mir die Musik vor und gaben mir ein sehr offenes Briefing in Schlagwörtern: “Filmmusik”, “dunkel”, “haptisch”, etc. Es gab von Anfang an ein sehr hohes Vertrauen in unser Schaffen. Das ist die beste Voraussetzung, um wirklich etwas “Eigenes” zu entwickeln. Die Idee, daraus ein visuelles Konzept zu machen, entspricht der Art, wie wir beim Hort arbeiten. Wir entwickeln keine Einzelmotive, wir betrachten den Kontext. Wir bespielen verschiedene Formate. Ob Print, WWW oder Motion-Graphic. Es ist für uns als Aufgabe selbstverständlich, eine “visuelle Identität” zu entwickeln. So haben wir das Konzept dann präsentiert. In voller Größe. Oft entdecken die Kunden erst dann die wahre Kraft unserer Arbeit. Ein Einzelmotiv lässt zu viele Türen offen, durch die der Kunde entschwinden kann. Es geht uns darum, einen Künstler oder eine Band als Marke zu platzieren. Dazu muss man eine emotionale Welt drumherum aufbauen. Und die lässt sich am einfachsten im Ganzen diskutieren, im Kleinen verliert man das eigentliche Ziel.

Debug: Nur sehr wenige Artworks funktionieren identitätsgebend. Viele kommen über einen dekorativen Informations-Ansatz nicht hinweg, der weder visuell interpretierend oder transformierend auf die Musik Bezug nimmt. Was glaubst du, ist der Grund dafür, dass es bei Booka Shade so gut funktioniert?
Eike König: Wir beschäftigen uns sehr intensiv mit dem Produkt. Und dazu noch mit dem Menschen, der dahintersteht. Wir wollen Glaubwürdigkeit erreichen. Die erreichen wir nur, wenn wir ein Gesicht, einen Geist in unseren Gestaltungs-Prozess integrieren. Vielleicht ist unsere intensive Auseinandersetzung der Grund, warum wir identitätsgebend arbeiten. Die reine Dekoration hat uns noch nie so wirklich interessiert. Sie wird der Aufgabe nur bedingt gerecht. Es ist doch für einen Grafiker sehr spannend und herausfordernd, für einen guten Inhalt eine sehr gute Visualität zu entwickeln. Dabei geht es nicht darum, dass der Betrachter sofort auf den Inhalt schließen kann: Elektro braucht kein Elektro-Artwork, nein, es geht vielmehr darum, mit dem Visuellen etwas ähnliches auszulösen, wie es die Musik tut. Und wenn du es dann noch schaffst, eine Linie in alle Produkte zu legen, dann wird es zu dem, was es sein soll – eine Einheit.

Debug: Wie sieht diese intensive Auseinandersetzung konkret aus?
Eike König: Man kann es als professionelle Leidenschaft bezeichnen. Ich kaufe wie verrückt Platten und CDs. Alles, was mir gefällt. Egal welches Genre. Natürlich habe ich Wurzeln, die liegen im Metal/Wave-Bereich. Es sind aber eine Menge neuer Zweige dazugekommen. Ganz intensiv wurde es, als ich 1993 Art Director bei Logic Records wurde und somit ein Teil der Musikbranche. Die intensive Beschäftigung meint in diesem Fall jedoch etwas anderes. Hier geht es um die Musik, den Auftrag an sich. Auf der einen Seite stehen die Fragen: Wer sind die Produzenten? Was haben sie bisher gemacht? Wo sind ihre musikalischen Wurzeln? Was mögen sie? Auf der anderen Seite geht es um die Musik an sich: Was ist besonders an der Musik? Welche Bilder kommen mir in den Kopf, wenn ich sie höre? Was gibt es für Verknüpfungsmöglichkeiten mit den eigenen Erfahrungen?

Debug: Wie lange habt ihr für die Cover-Entwicklung gebraucht?
Eike König: Wir haben im Oktober mit den ersten Ideen angefangen. Im November haben wir begonnen, sie zu visualisieren. Jetzt haben wir den Job so gut wie abgeschlossen. Das Baby kann sich nun von alleine fortbewegen und seine Umgebung auskundschaften. Beteiligt waren Tim Sürken, Tim Rehm und ich.

Debug: Die Booka-Shade-Tracks funktionieren miteinander im Album-Kontext sehr gut. Im Gegensatz zu vielen anderen Alben im elektronischen Genre ist eine Dramaturgie spürbar. Das Gesamtwerk hat eine ganze Menge Soul. Macht solche Substanz die Ideenfindung leichter? Wendet ihr eine bestimme Methodik an?
Eike König: Nicht wirklich. Die Substanz macht die Arbeit nur spannender für uns. Wenn man als Qualitätsfanatiker feststellt, dass in dem Produkt, für das man arbeitet, eine Menge Herzblut, Wissen und Erfahrung steckt, und man merkt, dass es hier um die Sache an sich geht und nicht primär um kommerzielle Aspekte, dann stellt man – oder ich zumindest – einen hohen Anspruch an seine eigene Arbeit. Dies bedeutet einen aufwendigen Gestaltungsprozess, bis ich dann mit dem Ergebnis wirklich zufrieden bin. Und das gilt für alle, die daran beteiligt sind. Die Ideenfindung ist dann wieder etwas völlig Losgelöstes. Hier gibt es kein System, außer vielleicht Offenheit und Kritikfähigkeit. Im Hort werden diese Eigenschaften gefordert. Das ermöglicht es uns, aus einer kleinen Idee eine große zu machen, an Dingen gegenseitig zu feilen und sein Ego auszugrenzen.

Debug: Das Besondere an euren Arbeiten ist für mich der hohe künstlerische Anteil im Gestaltungsprozess, der Sinn schafft. Es scheint mir, als würde der Ingenieur in dir skizzieren wie ein Künstler und der Künstler analysiert seine Aufgabe wie ein Ingenieur. Kannst du für uns nachskizzieren, wie es zu dieser Arbeitsweise kam?
Eike König: Um ehrlich zu sein, so sehr möchte ich mich und meine Arbeitsweise nicht analysieren. Ich habe einen großen Bauch. Und auf den höre ich. Und eine Menge Erfahrung habe ich außerdem. Es kommt aber auch der Punkt, an dem ich versuche, meine Arbeit zu reflektieren, sie zu analysieren und auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Gibt es in der Arbeit überflüssige, dekorative Elemente? Wenn ja, warum? Welche Berechtigung haben sie? Ich möchte den Betrachter leiten und will unnötige Ebenen vermeiden. Und doch kommt am Ende wieder der Bauch, der auch mal Dekoration oder Fragwürdigkeit zulässt – wir sind doch Menschen, und genau aus diesem Grunde sagen Fehler mehr als die Perfektion.

Debug: War oder ist es auch der Bauch, der die partielle Abkehr vom Rechner als zweidimensionales Gestaltungsmittel verursacht hat? Eure Illustrationsarbeit propagiert förmlich die gestalterische Hinwendung zu realen Materialen und realer Dreidimensionalität. 
Eike König: Es wird wohl der Bauch gewesen sein, der mir die Erkenntnis brachte. Als ich damals in Darmstadt Kommunikationsdesign studierte, war es Pflicht, zwei Praktika zu absolvieren. Das eine habe ich in einer Werbeagentur gemacht und dort wurde noch alles mit der Hand und der (Reprokamera?) “LUCI” angelegt. Reinzeichnungen wurden mit Angaben für den Lithographen auf Schöllerhammer-Karton geklebt. Es gab ein Atelier mit Sprühkleber-Kabine, Reprogerät, Wachsgerät, Rubbelbuchstaben etc. Kontakt zum Computer bekam ich dann zum ersten Mal in der Uni. Von da an war ich in den Computer verliebt. Aber nach Jahren des exzessiven Arbeitens am Rechner entdeckte ich die Einschränkungen und die Nachteile. Ein im Computer gesetztes “a” sah immer gleich aus. Viel lebendiger war ein Text, der in Bleisatz gesetzt war und bei dem sich jeder Buchstabe von dem anderen unterschied. Von da an war ich auf der Suche nach einer Lösung für dieses Problem. Heute betrachte ich den Computer als ein reines Produktionsmittel in meiner Arbeit. Nicht mehr und nicht weniger. Wir vergessen zu schnell, was für eine wunderbare Verbindung es zwischen unserem Gehirn und unseren Händen gibt, wie wichtig es ist, den Raum um einen herum beim Gestalten zu erleben – wie wichtig das sichtbare Format und wie wichtig die Materialien und die Stimulanz der Sinne sein können. Gestaltung als Erlebnis – ich bin mir sicher, dass man das im Ergebnis spüren kann. Der Computer hat uns vieles erleichtert. Er hat uns aber auch viel genommen. Die Produktionszeiten werden zwar schneller, aber die Möglichkeit, komplette Prozesse über “Apfel z” rückgängig zu machen, verleitet uns zu einem unüberlegten Arbeiten. Mein erster Rechner hatte 64MB Ram – da hast du dir zweimal überlegt, ob du das Bild jetzt drehst oder nicht: Das hatte eine dreiminütige Rechenzeit zur Folge …

Debug: Was ist das Besondere an Gestaltung für Musik? Hat der Hort eine bestimmte Gestaltungs-Philosophie, ein Kredo?
Eike König: Gestaltung für Musik ist für einen Grafiker ein sehr interessantes und abwechslungsreiches Betätigungsfeld. Immer wieder spannende, neue Ansätze zu finden, hält dich fit und du bist gefordert, dich immer wieder auf Neues einzulassen. Musik ist einfach ein wunderbares Gut. Was gibt es Schöneres in deinem Berufsleben, als für etwas zu arbeiten, das wertvoll ist? Und vor allem: was keinem wirklich weh tut. Der Hort hatte schon viele Job-Angebote aus anderen Wirtschaftszweigen – und wir  haben uns ganz klar dagegen entschieden. Keine Zigaretten. Keine Politik. Keine Religion, kein Pharma … wir arbeiten grundsätzlich nur für Produkte, zu denen wir auch eine Beziehung aufbauen können und die wir moralisch vertreten können. Diese Freiheit hat ja jeder Grafiker – nutzen tun sie nur wenige.

Debug: Wie lange hast du dafür gebraucht, diese Freiheit in deiner Gestaltung zu erlangen, die du jetzt hast? 
Eike König: Ich war von Anfang an sehr konsequent in dem, was ich tue. Das bedeutet eine permanente Auseinandersetzung mit deinen Kunden. Das ist meine Aufgabe. Der Hort ist nicht dafür da, Ideen zu realisieren, die andere Leute im Kopf entwickelt haben. Das sollen andere Büros machen. Diese Auffassung von Arbeit macht es nicht leichter – aber spannender. Unsere Kunden wissen schon, dass sie bei unseren Präsentationen nie das sehen werden, was sie sich vorgestellt haben. Das führt zu einer spannungsreichen Situation, in der wir versuchen, ihr Bild durch ein neues, besser durchdachtes und stimmigeres zu ersetzen. Das gelingt uns nicht immer, aber sehr oft. Wir schaffen dadurch einen Raum für Reflektion und die Reibung, die beim Aufprallen der unterschiedlichen Bilder entstehen, nutzen wir, um am Ergebnis zu feilen. Dadurch setzt sich der Kunde noch mal komplett neu mit seinem Thema auseinander und vertieft sein Verständnis für sein Produkt. Das Arbeiten auf Augenhöhe, mit Respekt und Offenheit, wird bestätigt durch den Erfolg – was uns wiederum zugute kommt, denn dadurch entsteht Vertrauen. Und das ist die Basis für wirklich kreatives Arbeiten.

Debug: Was hat sich nach deiner Einschätzung in den Jahren deiner Arbeit im Gestaltungsbereich verändert? 
Eike König: Grundlegend hat sich der Kontakt zu Grafik-Design verstärkt. Dank MTV und Co. lernen die Kids heute schon sehr früh die unterschiedlichsten Stilmittel zu lesen. Sie wachsen damit auf. Auch das Internet hat der Menschheit die Möglickeit gegeben, sich selbst zu veröffentlichen. Vor 20 Jahren gab es für uns Grafiker nur die Möglichkeit mit Hilfe von Büchern über die Landesgrenzen hinaus an den unterschiedlichsten Designkulturen teilzunehmen und zu lernen. Grafiker werden heutzutage dank des Internet zu Popstars. Es ist einfach “das” Medium, um schnell durch die ganze Welt gereicht zu werden. Ansonsten hat sich nicht viel verändert. Es gibt ganz viel “Schrott” und nur wenig wirklich “Gutes”. Das war schon früher so und das wird in der Zukunft auch so bleiben. Die für mich interessanteste Bewegung findet in mir selbst statt. Dinge, die ich spannend finde, kann ich nicht auf Länder eingrenzen, sie kommen von überallher und ich möchte mich nicht wirklich damit beschäftigen, ob daraus eine spannende Bewegung wachsen könnte oder nicht. Toll finde ich, dass die kleine Büroeinheit so viel Beliebtheit erfährt. Es wird wichtiger, “was sie arbeiten”,
“wie, mit wem und für wen”. Diese Entwicklung begrüße ich sehr.

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Elektronische Lebensaspekte.