Die definitive Platte des letzten Sommers kam aus Berlin. Frederik Schikowski rockte mit seiner 10" 'Mein kleines Pony'jede Gartenparty. Wie man mit 500 Schallplatten und einem gerade erschienenen noisigen Debutalbum zum Star werden kann, hat Sven von Thülen herausgefunden.
Text: sven von thülen aus De:Bug 33

/elektronika/schnurpselpop KLEINES PONY AUF SIEG Frederik Schikowski Irgendwann Ende der Achtziger bekam ich, damals noch ziemlich klein, ein Casio Keyboard geschenkt. Neben He-Man Actionfiguren und einem Commodore 64 eines der vielleicht typischsten Geschenke des Jahrzehnts, das uns Synthiepop und New Romatic brachte. Da es an einer musikalischen Grundausbildung was Noten lesen etc. betrifft mangelte, war der Weg zu den dem Ohr zumutbaren Ergebnissen äusserst steinig und voller Frustrationen. Aber die Möglichkeit, Phil Collins’ “A groovy kind of Love” in einer eigenwilligen Bossanovaversion zu spielen, entschädigte für vieles. Aber wie das bei Kindern so ist, hält die anfängliche Euphorie über das neue Spielzeug oft nicht lange vor, und als mein Casio-Keyboard auf einem Kindergeburtstag durch ein umgefallenes Glas Cola einen qualvollen Tod starb, währte meine Trauerphase nicht allzu lange und das Keyboard war schnell vergessen. Frederik Schikowskis Yamaha Keyboard, das er auch irgendwann in den Achtzigern geschenkt bekam, lebt noch und zum Glück auch die Faszination, damit zu arbeiten. Zum Glück, weil die Welt sonst um einige grossartige Platten ärmer sein würde. Aber jetzt immer schön der Reihe nach. Von Meckenheim nach Köln… Frederik Schikowski liebt sein Yamaha Portasound PSS 680 über alles. Das war nicht immer so, aber wenn man ein Instrument seit den Kindertagen mit sich rumschleppt und mit ihm die Welt entdeckt hat, kann es schon mal vorkommen, dass man sein geliebtes Tasteninstrument eine Weile mit Missachtung straft, und sich neuem Equipment zuwendet. Genau das passierte nämlich, als Frederik Schikowskis Herz und Tanzbein Anfang der Neunziger von Techno erobert wurden. Der Musiker in ihm schrie nach neuem Equipment, und so wurde das alte Keyboard in die Ecke verbannt, um mit einem Raven Synthiesizer in den neuen Soundwelten, die sich am Wochenende auftaten, auf Forschungsreise zu gehen und zu Hause nachzubilden. Irgendwann, genauer gesagt kurz bevor er seine Heimatstadt Meckenheim Richtung Köln verliess, lächelte ihn sein altes, in der Zimmerecke stehendes Yamaha Keyboard wieder an und er erinnerte sich an die Vorzüge dieses Relikts seiner Jugend. “Was ich an dem Keyboard so schätze, ist, dass der Zugriff so direkt ist. Du drückst auf einen Knopf und dann wird das aufgenommen, was du gerade spielst. Dann kannst du die Spur danach abspielen lassen, und wenn es dir gefällt, kommt die nächste Spur dran. Du musst dir keine Gedanken machen, nach wieviel Takten du jetzt die Bass setzt und so weiter. Man klimpert einfach rum, nimmt das auf, was einem gefällt und setzt dann die einzelnen Spuren zusammen. Einen Track darauf zu machen ist ganz unkompliziert und geht ziemlich schnell. In Köln fing ich dann wieder an, mit dem Yamaha Keyboard zu arbeiten. Mein Konzept war, dass ich jeden Tag mindestens ein Lied mache, das in nicht mehr als zwanzig Minuten fertiggestellt wurde. Aber nach drei Monaten machte mir die Arbeit mit meinem Keyboard so viel Spass, dass es mir egal war, wie lange ich an einzelnen Stücken gesessen hatte und ich mein tolles Konzept verwarf.” Über Joel Amaretto, den damaligen Digital Hardcore Recordings Manager, der zu der Zeit auch einen Mailordervertrieb hatte, entstand der Kontakt zum Londoner Irritant Label, denen Frederiks Tracks gefielen und die nach ein paar Tapesamplerbeiträgen eine Platte von ihm rausbrachten. “Meine erste Platte auf Irritant war eine Neuseelandpressung. Das Besondere an diesen Platten ist, dass man seine Platte dort wirklich in jedem Format, in meinem Fall halt 8″ pressen lassen kann. Die sind auch nicht aus Vinyl, sondern aus einem anderen Kunststoff und werden handgefertigt. Deswegen kann man da sehr gut extravagante Kleinstauflagen machen lassen, da es nicht heisst, je grösser die Auflage, desto billiger, sondern je grösser die Auflage, desto genervter sind die Leute, die die Platten anfertigen.” Leider hatten die Menschen, die Frederiks Track gemastert hatten, nicht gemerkt, dass beim Mastern ein Kabel kaputt war, und so war seine erste Platte, die in einer Auflage von 102 Exemplaren herauskam, soundmässig ziemlich versaut. …in die verzerrte Rappelkiste Im Oktober letzten Jahres kam dann die 10″ ‘Mein kleines Pony’ auf dem Berliner Label Lux Nigra, in die Plattenläden. Auf dem Cover hüpft ein übermütiges, gezeichnetes rosa Pony durch die Gegend, was nicht nur verdammt gut aussieht, sondern auch perfekt zu den Songs auf der Platte passt. Denn jedes der neun Stücke zerspringt fast vor Übermut. Ernsthaftigkeit bleibt draussen, hier ist naive Lebensfreude angesagt. Und je öfter man das kleine Pony über seinen Plattenspieler tanzen lässt, desto mehr kann man Frederik Schikowskis ungebrochene Zuneigung zu seinem Keyboard nachvollziehen. Die knuffigen, murmeligen Synthiesounds erzählen von ausgelassenen Sommerferien, Captain Future und den Kindern von Bullerbü. Wie hiess es in einem Review in dieser Zeitung so schön: Lo-Fi Exstase. Dass man sich beim Hören von Mein kleines Pony sofort an etwas erinnert fühlt, das man nicht genau benennen kann, liegt für Frederik auf der Hand. “Ich denke, viele Stücke auf der Pony Platte klingen einem vertraut, weil sie alle auf recht einfachen und gängigen Harmoniefolgen und Strukturen basieren und dadurch Melodien entstehen, die es auf jeden Fall schon mal gab oder einen an irgendetwas erinnern. Das ist von mir aber gar nicht beabsichtigt oder mir bewusst. Ich finde es meistens sogar eher doof, wenn jemand zu mir kommt und sagt: ‘das klingt ja total wie die Titelmelodie aus dem Computerspiel soundso oder wie der Soundtrack von Kampfstern Galactica.’ Das passiert super oft, obwohl ich die angebrachten Beispiele meist gar nicht kenne. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass sich da häufiger was überschneidet.” Dass Frederik Schikowski nicht nur sein kleines Pony niedlich durch die Gegend springen lassen kann (auch wenn die Vorstellung von noch mehr Pony Platten Grund zum Jubeln gibt), zeigt er auf seinem Album ‘Einblick ins Familienalbum’, das wieder bei Irritant erschienen ist. Hier lässt er seine Yamahasounds gegen verzerrte Beats antreten und braut einen abermütigen Cocktail zusammen, dem so manchen Rephlex Act die Tränen in die Augen treiben könnte. Wahnwitzige 4/4 Tracks treffen auf Digital Hardcore Noise und Pony-ähnliche Synthiepopperlen, die sich anhören wie die besseren New Order Tracks. Popmusic at its best.

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Elektronische Lebensaspekte.