Ganz getreu der Selbermach-Maxime besitzt R.A.N.D. Muzik auch eine Plattenpress-Abteilung. Zwischen Kühlturm auf dem Dach und Nickel-Labor im Keller entstehen hier die Schätze eurer LP-Sammlung. Ein Industrieausflug.
Text: Moritz Metz aus De:Bug 80

200°C in 5 Sekunden
Hochdruck im Plattenpresswerk Leipzig

Es war ja klar: Der Besuch im Leipziger Plattenpresswerk von R.A.N.D. Muzik wird beeindruckend. Dass die Jungs für ihre Vinylformgebungen aber sogar einen Kühlturm aufs Dach stellen mussten, hätten wir genauso wenig erwartet wie 100 Tonnen Druck für jede Platte. Ihr Handwerk lebt eben zwischen Feingefühl und viel Energie. Letztere in Form von Öldruck und heißem Dampf, aber auch in Form der Ausdauer, jahrelang die essentiellen Maschinen aufzustöbern, in ganz West- und Osteuropa.

Doch von Anfang an und mit zurückgedrehtem, technikbegeistertem Überschwung: Plattenpressen ist ein Vorgang, so komplex wie Geigen bauen. Fast. Es beginnt mit Abgabe der fertigen Musik-Masteraufnahme in der Leipziger Göschenstraße. Göschen war Goethes erster Verleger, der Stadtteil ein traditionelles Druckerviertel; hier im Haus saß der VEB Interdruck. Ist es also Tradition, was hier seit 2000 von R.A.N.D.-MUZIK weitergeführt wird? Vielleicht, weil Vinyl seit CD-Zeiten längst in der Nische sitzt, wo nur noch elektronische Musik und die allgemeine Suche nach Herzlichkeit jenseits der digitalen Frostzone Anlässe für solch aufwändige Schallwellenpressungen sind. Viel daran ist Handarbeit, und so florieren osteuropäische Anbieter, die eure Masteraufnahmen gleich online in Empfang und für das fertige Produkt relativ wenig Geld nehmen, denn Zeit ist Geld, und Handwerk dort billig. Aber was lohnt das bei Clubplatten – für tiefen Druck und hohe Impedanz braucht man das spezielle Gefühl dafür, und das haben Gunnar und Stefan. Die Plattenmeister und Industrieingenieure führen uns durch die weitläufigen Gebäude und wir spüren zu jeder der vielen Spezialmaschinen ihr tiefes Verhältnis, was ja wohl nur mit der Zeit entstanden sein kann, bei Abenteuerausflügen nach Bulgarien, Polen und Resteuropa. Denn Plattenschneider und -pressen, Lochzentrierer und alle anderen essentiellen Tools werden heute so gut wie nicht mehr hergestellt. Es galt, sie erstmal irgendwo zu beschaffen, restaurieren, verstehen und zu bedienen. Bis dann mal eine ordentliche Platte rauskommt, muss viel Vinyl den Bach heruntergegangen sein, Schweiß den Körper und 100.000 Euro Existenzgründer-Förderung aufs Konto.

Die Wissenschaft beginnt mit dem Mastering. Niemals klingt eine digitale Vorlage auf Vinyl noch ganz genauso. Es braucht viele Filter, jede Menge Erfahrung und etwas Glück, um am Ende wieder bei ähnlichem Sound zu landen. Oft, sagt Stefan, ist es undankbar, die Auftraggeber in den Vinyl-Masteringprozess mit einzubinden; besser ist ihr Vertrauen. Zu schwierig sind Frequenzverschiebungen und Klangspezifika der importierten Folien. Sogar deren Lagerzeit und Temperatur spielt mit hinein; aber Stefan wirkt dabei so kompetent, dass wir seinen Meisterohren sofort trauen würden – was anderes bliebe auch gar nicht übrig.

Wenn also die 70er-Jahre-Neumann-Schneideanlage die Dubplate-ähnliche Schallfolie (“Laquer”) erstmal geschnitten hat, geht’s im Galvanisierlabor weiter, mit hundert unterschiedlichen Chemieprozessen und einer Ionenwanderung zu einem silbernen Pressmatritzenabdruck aus Nickel – der so genannten Mutter. Nun wird noch ein mikroskopgenaues Loch eingestanzt und testgehört. Jeff Mills tat das manchmal auch im Club, hier setzt man sich in den speziellen Abhörraum mit Schaumstoffwänden.

Neben den Öfen zum Verdampfen des bisschen Wassers in den Plattenetiketten (damit die Farbe beim Pressen nicht aufkocht) führt der gekachelte Weg dann in das Herzstück der Fabrik. Drei froschgrüne schwedische LP-Pressen und eine weitere Maschine für Singles warten hier auf die Nickelmatritzen und sollen davon halbminutlich einen neuen Vinylabdruck stempeln – wenn alles klappt. Zu beachten sind: die ordentliche Zufuhr des Vinylgranulats (wird säckeweise aus England importiert) und die richtig temperierte Dampfkesselanlage zum Erhitzen der Pressform auf 200°C in wenigen Sekunden. Dann stampft das Ölaggregat die Vinylbatzen mit wahren hundert Tonnen Druck in 25 Sekunden zum neuen LP-Baby, per Vakkuumpressluft wird das Papierlabel angesaugt, alles schnell wieder abgekühlt und auf einer Spindel abgelegt.

Uff. In Hunderten von Arbeitsschritten ist hier entstanden, was wir so gerne Karusell fahren lassen. Noch schnell den Rand abschneiden, den Rest besorgen Coverdruckerei und der Vertrieb. Eine Platte kostet bei R.A.N.D. rund zwei Euro. Nicht gerade viel für so viel Arbeit. Warum dann die ganze Mühe? Stefan: ”Es gefällt uns halt, alles selbst zu tun. Weil wir damit kleine Künstler unterstützen und die, die Entwicklungen vorantreiben. Leute, die heute das machen, was womöglich in drei Jahren groß wird, finden hier die Möglichkeit. Wir sind gerne so unabhängig.“

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. schulze kai

    ich überlege ob ich hundert stück in auftrag geben kann und würd mich riesig auf nen rückruf freun – um details zu klären 🙂 ……

    ganz besonders da ich leipzigs amtierender battleking seid 06 im rap bin 🙂 un keener den kleenen unterstüzt …..

    und gerade nur sporadisch ins internet kann (wenigKOHLE) ….

    auch nicht glaub das meine internet adresse noch aktiv ist ????(wenig genutzt nur zum einlocken gebraucht) bla bla…

    meine nummer 0163 9716363
    danke dog do 🙂

    kai schulze