Endlich hat London ein japanisches Kulturinstitut der besonderen Art. Das kleine Kollektiv releast die unglaublichsten Platten, veranstaltet die unglaublichsten Parties und hindert die Künstler daran, die unglaublichsten Dinge zu tun.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 91

Schnapp den Groove
AD AAD AT

Vor mir in einem arabischen Imbiss in Shoreditch, wo London noch hip sein darf und der Tee 60p kostet, sitzen Ommm, Romvelope und Atom Truck von AD AAD AT und ich habe keinen Grund an ihren merkwürdigen Namen zu zweifeln. Ehrlich gesagt zweifelt man, nachdem man ein paar Platten des Londoner Labels gehört hat, eh an nichts mehr. Angus (Atom Truck, angeblich Fahrer für einen Atommeiler, in Wirklichkeit aber Student am Art College) und Bjorn (Romvelope, angeblich … aber in Wirklichkeit Art College …) haben das Label gegründet, nachdem sie aus Schottland geflohen waren. Sie trafen auf ein durchformatiertes Club-London, in dem man viel Unfug anstellen kann und warfen sich auf die langweilige Partyszene, um neue strange Orte und Veranstaltungskonzepte mit neuer stranger Musik (der eigenen) zu verbinden. Und wo sonst macht man so etwas, wenn nicht in rings um Shoreditch. “Hier ist zwar soooo viel los, aber es ist alles irgendwie das Gleiche, und wenn man etwas außerhalb macht, nicht nur irgendeine klassische Stilrichtung und an ausgefallenen Orten, dann kommt sogar die Kunstcrowd, die Modetypen, selbst Indieleute, und alle sind froh, mal was anderes zu sehen als Middle-Of-The-Road-Pop in den viel zu teuren Clubs.” Daneben wurden sie sowas wie ein Immigrantenbüro, Entwicklungshilfe und geistige Pflegestelle für die japanischen Brüder von 19T, dem CDR-Label, das ab und an bis zu 15 Abgeordnete zur Tour rüberschickt, die man ständig versorgen muss, aufpassen, dass sie nicht alle zusammen nackt auf der Bühne tanzen und im Pudel nicht hinter die Heizung fallen. “Mit denen zusammen fühlen selbst wir uns wie Grundschullehrer.”

Am nächsten kommt dem Sound von AD AAD AT vielleicht Rephlex oder Planet µ oder das etwas von der Releaseoberfläche verschwundene Irritant. “Man kennt sich hier untereinander, wir sind aber auch nicht unbedingt Freunde, Feinde aber auch nicht”. Aber im Vergleich zu AD AAD AT sind selbst die nicht extrem genug, auch wenn sie alle auf dem Label lieber mit Extremitäten wedeln als daraus eine Soundästhetik machen zu wollen. “Extremes Zeug ist in London sehr populär. Venetian Snares spielt hier in richtig großen Venues. Es geht auch wieder zurück zu den Squat Partys und anderen illegalen Orten. Da trifft man Leute wie Shitmat und diese Szene”. Aber AD AAD AT sind definitiv keine Punker, keine Bootlegtypen, nichts von dem. Und sie sind definitiv nicht Breakcore, was ja in letzter Zeit immer wieder mal als Auswegstyle aus dem durchdefinierten Elektronikkosmos genannt wird. Das will man ja eben alles nicht mehr, man will sich nicht festlegen, weil genau das Festlegen das Problem ist. Irgendwie – um mal den kleinsten Nenner zu finden – vermischen sich auf dem Label wilde Breaks wie bei den strangesten Releases von Planet µ mit einer Computermusik-Vorliebe aus den Zeiten als Aliens abschießen, ein wenig rumprogrammieren und die billigsten Rechner der Welt zu haben noch irgendwie eins waren.

Was denn nun?

Steht ihr auf Style? Nein, lieber Krach machen. Seid ihr Noise-Fetischisten? Nö, Melodien sind toll. Wer denen ein Stück Groove anbietet, der muss seine Hand schnell zurückziehen und kann die letzten Krümel den Tisch runterpurzeln sehen. Die Leute von AD AAD AT schlüpfen einem durch jedes Raster. Aber sie mögen Performance. “Laptop Acts sind schon oft langweilig, da muss man was tun, Bands sind aber auch blöd, oft sind das ja auch die gleichen, die erst in einer Band waren, dann Laptop Acts sind.” Wie man sich einen “AD AAD AT”-Abend vorstellen soll? Versucht es erst gar nicht, die sind immer anders.

AD AAD AT haben vor knapp zwei Jahren begonnen und veröffentlichten zunächst eine Compilation mit mindestens 50% Japanern. “Wir lieben es einfach mit Japanern oder Amerikanern zusammenzuarbeiten.” Wenn man schon so ein kleines Label ist, dann wenigstens weltweit operieren. Da kann man dann mal hinfahren, ohne die Tube nehmen zu müssen. Danach folgten diverse Split 12″s und 7″s mit u.a. Cow’P (Japaner) und Kema Keur (schon wieder Romvelope), Donna Summer und Ove Naxx (noch ein Japaner), DJ 100000000 (Ex-Nachbar von Shitmat, selbstredend Japaner) vs. Atom Truck, Shex (äh, aus Japan) vs. Ommm. Man hatte fast das Gefühl, sie hätten sich von der japanischen Botschaft sponsern lassen. Selbst das erste Album gehörte denen und ihrem Lieblingsessen: Utabis “Manchurian Candy”. In letzter Zeit aber kommen dann auch langsam die Artistalben der Labelmacher dazu. Da müssen die Japaner dann eben die Feature Raps und Scratches übernehmen. Das Leben according to AD AAD AT ist zusammengebastelt wie die Kostüme, die die Japaner immer auf ihren Partys tragen. Trashig, ein Irrsinn aus unerklärlicher Freude über alles, ein Freiraum jenseits der ausgetrotteten Wege der Clubs, aber irgendwie auch etwas, das man Club nennen sollte. Ein Club derjenigen, die am Ausgehen vor allem eins lieben: Spaß haben auf möglichst viele Weisen und möglichst einen anderen als das letzte Mal, sonst gibt es auf dem nächsten Ommm-Album auch wieder so Titel wie: “Sorry for losing your headphones Utabi”.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.