Addison Groove und sein Zappel-Juke
Text: Christian Kinkel aus De:Bug 161

Bloß kein Stillstand. Addison Groove ist der europäische Vorreiter des dreckigen, hyperaktiven Juke, dem Sound der Chicago Suburbs. Zwar redet er so schnell, wie seine Musik über uns hinwegbollert, privat trinkt er aber lieber Chai Latte und hängt auf der Pferderennbahn rum. Passt alles, wie Christian Kinkel weiß.

Zugegeben, wir waren nicht persönlich vor Ort, aber dass im saftig-grünen Antlitz einer Pferderennbahn in Bristol das sonst so zwielichtige Wett- und Glücksspiel-Business einen gewissen Charme entwickeln kann, ist durchaus vorstellbar. Sehen – vor allem die im Idealfall schönen Frauen mit auffällig großen Hüten – und gesehen werden wie bei einem Sinfoniekonzert, anstatt sich in der Spielhölle gegenüber mit seinen Depressionen verstecken zu müssen. Der Grund, warum wir uns mit diesem Ort auseinandersetzen, ist das Debütalbum “Transistor Rhythm” von Tony Williams aka Addison Groove, das gerade frisch auf Modeselektors 50-Weapons-Imprint erschienen ist. Denn das unglaublich ulkige 13-Track-Gemenge aus 808-Trash und politisch unkorrekten 2-Live-Crew-Samples, muss sich ein paar Fragen gefallen lassen, die uns zumindest gedanklich an eben diesen Ort führen, an dem Tony regelmäßig seine Feierabende verbringt und mit dem Duft des Elitären in der Nase seiner Risikoleidenschaft frönt. Und wenn Tony davon erzählt, erklärt man das Debütalbum seines Alias aufgrund der prolligen 2 Live Crew Attitüde ganz unbewusst zum Soundtrack seines Lifestyles, der ebenso unbewusst auf “Cocain, Bitches and Gambling” reduziert wird. Das sind natürlich nur Vorurteile. Denn Kokain mag er überhaupt nicht. Viel lieber trinkt er einen Chai Latte. “Heute morgen hatte ich einen mit Ahornsirup. Fuck, war der lecker.”

Die Sache mit dem Gambling bringt uns bei der Frage, warum Tony nun plötzlich mit der Miami Bass- und Booty House-Fahne durch die Gegend rennt, durchaus weiter – und ins Londoner Fabric. Hier gibt es statt großer Hüte und elitärem Gehabe eher große Pupillen und Wochenend-Hedonismus. Für unseren Tony schlägt seine Risikoleidenschaft dennoch eine Brücke zwischen diesen doch sehr unterschiedlichen Orten. Denn gäbe es einen Wettschalter im Fabric, würde er sofort eine Wette auf die Funktionalität seines bevorstehenden DJ-Sets platzieren. Und da pellt sich die Intention hinter “Transistor Rhythm” so langsam aus ihrer Schale.

Kopfrauchen und Referenzsuche
Es muss wohl passiert sein, als Tony sich 2010 mit “Footcrab” unter dem neuem Pseudonym Addison Groove den Juke-Prophetenbart wachsen ließ und das bis dato nicht über die Stadtgrenzen Chicagos hinausreichende Phänomen im Dubstep-Kontext europäisierte und für eine weitere Referenz im Bass-Music-Hokuspokus sorgte. Als er plötzlich damit begann, die auf ihren Sound eingeschworene Dubstep-Community mit Juke-Passagen in seinen Sets gleichermaßen zu begeistern wie zu verunsichern. Da muss seine Leidenschaft für das Spiel, für die Wette auch in seinem musikalischen Kontext aufgeflammt sein, aus der nun ebenso sein fast ausschließlich auf 808 und Samples basierendes Album entsprungen ist und alle “Footcrab”-Anhänger erstmal ganz bewusst vor den Kopf stößt. Kein Wunder, denn wenn die obszöne Sample-Batterie in die befremdlichen Miami Bass-, Booty House-, Reggaeton-, wie auch in die etwas vertrauteren UK-Funky- und, ja, irgendwie auch dubstep- und jukehaften Bump-and-grind-Grooves eingepflegt wird, raucht der Kopf und die Referenzsuchmaschine läuft auf Hochtouren.

So wie es ihm mit Dubstep und später mit Juke selber widerfahren ist, möchte Tony Musik machen, die einen packt, ohne wirklich zu wissen, warum sie das tut, weil die Referenzen einfach nicht da sind. Simon Reynolds würde ihn sicherlich auslachen. Aber Tony ist es durchaus ernst. “Wenn es mir egal wäre, was die Leute denken, würde ich keine Musik veröffentlichen. Auf der anderen Seite lese ich keine Reviews oder Kommentare zu meiner Musik, weil ich gar nicht wissen möchte, was sie denken. Keiner, der etwas wie ‘Footcrab’ erwartet, wird ‘Ass Jazz’ oder ‘Sooperlooper’ mögen. Das ist mir klar. Ob es trotzdem funktioniert, werde ich erst feststellen, wenn die Leute mich in einem Jahr immer noch buchen. Ansonsten muss ich die Konsequenzen tragen, so ist das beim Glücksspiel.” Tony redet doubletime und dementsprechend viel, als wäre er nervös. Und irgendwie passt diese sympathische Verrücktheit von “Transistor Rhythm” dann eben doch zu seinem Lifestyle, wie auch zu seiner Persönlichkeit. Vielleicht ist dieses Album das ehrlichste, was er je gemacht hat. Klar ist er nervös. Er hat eine Wette am Laufen.

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