Die vierte Generation Mobilfunk
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 141


Bild: Sony Ericsson

Brauchen wir noch schnelleren Datenverkehr auf unseren Handys? Würde es nicht reichen, die dritte Netzgeneration (UMTS) flächendeckend auszubauen? Nein, sagt Sascha Kösch, nur mit der vierte Netzgeneration (LTE) wird mobiles Internet attraktiv und flüssig bleiben.

Wenn man sich mit den Netzwerkgrundlagen des Mobilfunks auseinandersetzt, muss man jede Menge Abkürzungen schlucken. UMTS hatten wir noch halbwegs begriffen, HSUPA und HSDPA fast nur die Nerds, obwohl ohne letzteres eigentlich kaum ein iPhone halbwegs wartezeitfrei läuft, und schon gibt es den nächsten Schritt, der uns langsam aus der 3G-Welt verabschiedet. Die nächste Entwicklungsstufe der mobilen Netzwerke, LTE, aka “Long Term Evolution”, breitet sich seit Jahresbeginn als offener Testfunk über Schweden und Norwegen aus. Manche nennen es auch HSOPA oder 3.9G. Kurz gefasst ist LTE beliebt, weil es rasant schneller ist, aber vor allem, weil der Ausbau ohne große Probleme auf den aktuellen UMTS-Standard aufgepfropft werden kann. Unerlässlich ist er allein schon deshalb, weil die Nutzung der Mobilfunknetze so schnell zulegt, dass die reale Bandbreite bestehender Netze an die Grenzen kommt. In den USA wird beispielsweise pünktlich zum Launch des iPad 3G der Netz-Kollaps prophezeit.

In der Welt ungetrübter Techniktheorie erreicht man mit LTE 300 Mbps Downstream und 75 Mbps Upstream. Übertragungsraten, die dem hierzulande immer noch mager ausgebauten VDSL nahe kommen. DSL ist dagegen eine Schnecke. Die Tests in Schweden zeigen allerdings auch beim wohl gesonnenen Tester (von der Netzwerkfirma) eher 5 Mbps Upload und 40 Mbps Download (auch das übertrifft – vor allem im Upload – gängige DSL-Anschlüsse), real kann man aber wohl eher mit Download-Geschwindigkeit zwischen 10 und 20 MBps rechnen. DSL für unterwegs also. Das soll uns erst mal reichen, wenn es denn soweit ist: Die ersten Handys sind erst für den Sommer angekündigt, einige UMTS-Sticks für den Laptop sind schon zu haben, aber generell halten sich die deutschen Provider noch bedeckt. Was kein Wunder ist, weil die Versteigerung der Frequenzen für LTE noch aussteht. Der erste Netzausbau wird daher erst zum Jahresende erwartet.

Gefühlt besser
Aber warum sollte uns das kümmern? Klar, schneller ist gefühlt immer besser, aber mehr Geschwindigkeit bedeutet eben nicht nur schneller. Eine LTE-Sensation dürfte etwa der großzügige Upstream werden (im Vergleich zu gängigem DSL). Aber warum brauchen Handys einen größeren Upstream als Rechner, die doch eigentlich mit all ihren P2P-Programmen und dem Raufladen der Generation Dingsda wirklich ständig an der Obergrenze ihrer Ausdrucksfähigkeit stoßen? Eine nahe liegende Ursache dürfte sein, dass die Sprachtelefonie irgendwann ihre Auflösung im VoIP sucht. Und damit so etwas wie Skype nicht nur für ein paar User funktioniert, sondern in der Masse, kann der Upload eigentlich nie groß genug sein.

Die Möglichkeit, Sharing auf dem Handy in neuen Dimensionen zu betreiben (mit 5 Mbps ist ein MP3-Album in wenigen Sekunden verschickt) oder einen Server auf dem Handy aufzusetzen, sind allerdings zweitrangig, wenn Sprache und Bilder zum Input von Web-Applikationen werden. Voicesearch, Augmented-Reality-Applikationen und die Suche über Bilder (nicht nur verkrümelte Barcodes) werden erst richtig flüssig, wenn die Uploads unmerklich in Realtime funktionieren. Erstaunlicherweise ist man mit dem Handy ja noch ungeduldiger als am Rechner, weil man das Handy nur so lange in der Hand behält, wie man es nutzt, man lässt es nicht gerne im Hintergrund arbeiten, allein schon wegen der Batterie. Überhaupt fordert das Arbeiten mit der Cloud auch immer, die Bandbreite nach oben möglichst hoch zu halten – und genau das will man ja mit einem kleineren Gerät, dessen eigene Leistung nicht ganz so stark ist.

Eine andere wichtige Veränderung durch die Bandbreitenerweiterung dürften die Streaming-Konzepte werden. Bislang kann man mit Ach und Krach ein pixeliges Daumenkino vom Handy streamen, weshalb nicht zuletzt Videochats – obwohl bei Skype beliebt – auf dem Handy nicht zünden wollen. Mit LTE lässt sich aber von überall in HD senden und sicherlich lechzen schon jetzt alle Newsprovider dieser Erde nach diesen Stream qualitativ hochwertiger Realtime-Bilder. Social Networks werden vor allem unterwegs stattfinden, und sich immer mehr von der textbasierten zur Video- und Audiobasierten Szene entwickeln. Dann wird auch der Kampf zwischen Flash und HTML5 richtig weh tun. Bis wir allerdings – wie es beim Kampf des Festnetzes gegen das Mobile geschehen ist – zu einem neuen Businessmodel kommen, in dem die Basis für unser Netz eher mobil gesucht wird, geht mit Sicherheit noch ein halbes Jahrzehnt den Bach runter.

Aus dem Special in De:Bug #141: Mobile First