Text: jörg clasen aus De:Bug 23

Während wir in der letzten Stunde gelernt haben, daß man auf keinen Fall mir nichts, Dir nichts Computerchips und menschliche Hirnwindungen verknüpfen kann – und darüber auch angemessen enttäuscht waren, treibt der Wissensdurst die Forschung weiter voran und sucht nach neuen Ansätzen. Wenn die technischen Möglichkeiten begrenzt sind, muß man eben die menschliche Komponente stärker fordern. Da der Computer nicht in der Lage ist, Gedanken zu verstehen, sei es, weil dies ein für den heutigen technischen Standard zu komplexer Vorgang ist, sei es, weil das Schaffen dieser Schnittstelle praktisch nicht durchführbar ist, dann muß das Denken lauter und einfacher werden. So wie die Nachteile schlechter Telefonleitungen durch lautes und langsames Sprechen kompensiert werden. Ein Ansatz ist, sich vom menschlichen Gehirn produzierte sogenannte ereigniskorrelierte Potentiale (EKP) zunutze zu machen, die die elektrische Hirnantwort auf Reize widerspiegeln. An der Intensität wird die dem Reiz entgegengebrachte Aufmerksamkeit abgelesen. Dieser Vorgang erlaubt es, sprech- und bewegungsunfähigen Menschen Kommunikation zu ermöglichen: Über einen Monitor werden einer Person einzelne Buchstaben oder Silben präsentiert und gleichzeitig EKPs abgeleitet, gewünschte Buchstaben lösen dabei stärkere Reaktionen aus. So können ganze Sätze gebildet werden. Weil hier aber für jeden Vorgang eine Vielzahl von Reizen ausgesandt und verarbeitet werden muß, ist das eine sehr mühsame Prozedur. Das Gehirn als Lenkrad An der Universität Tübingen arbeitet Prof. Birbaumer am Institut für Medizinische Psychologie seit einigen Jahren an einem völlig anderen Ansatz Ð EEG-Biofeedback: Dem Biofeedback liegt die Idee zugrunde, bewußte Kontrolle über normalerweise unbewußte Körperfunktionen zu erhalten. Dazu muß man nur eine Möglichkeit finden, die unbewußten Körperfunktionen erfahrbar zu machen, z.B. einen Ton, dessen Höhe durch bestimmte Körperfunktionen geregelt wird. In Tübingen hat man auf der Grundlage dieser Idee ein Computerspiel entwickelt, bei dem Testpersonen eine Rakete landen sollten, wobei die Steuerung über Potentialverschiebungen zwischen der linken beziehungsweise rechten Hirnhälfte erfolgte. Das hat tatsächlich funktioniert. Es ist also möglich, die Intensität der Hirnaktivität nicht nur im ganzen, sondern auch bezogen auf die beiden Hemisphären zu kontrollieren. Mit Hilfe des Biofeedback können Menschen also lernen, willentlich negative oder positive Potentiale über dem Cortex aufzubauen, die dann abgeleitet werden. So kann man etwa einen Cursor bewegen oder einen Notrufschalter betätigen. Der Lernprozeß erfordert aber sehr viel Zeit und dürfte gerade ältere Menschen vor Probleme stellen. Und es bewegt doch… Die Idee, das Gehirn mit einem Computer sprechen zu lassen, ist aber auf jeden Fall ein Ansatz, der weiterentwickelt wird. Bis vor gar nicht so langer Zeit hatte man angenommen, daß jeder Hirnfunktion ganz eindeutig zu lokalisierende Areale zugeordnet werden könnten. Prinzipiell ist das auch nach heutigem Wissensstand richtig, lange aber nicht so eindeutig, wie ehemals gedacht. Was aber lokalisierbar ist, sind die Hirnareale, die für motorische Vorgänge zuständig sind. Entlang der Hirnrinde kann man sich ein Männchen vorstellen, daß mit den Füßen im Sulcus (lat. für Graben) zwischen den Hemisphären liegt, mit dem Kopf nach unten. Ein Reiz an bestimmter Stelle im unteren Bereich bewegt dann zu Beispiel die Zunge, weiter oben liegen die Befehlszentren der Finger, Arme, Beine und so weiter. Bringt man nun Elektroden ein, die die Potentialschwankungen an diesen definierten Stellen messen, die schon zustande kommen, wenn man nur intensiv an eine Bewegung denkt, dann kann man diese Schwankungen nutzen, um durch Prothesen tatsächlich die gedachte Bewegung zu vollführen. Es ist aber auch möglich, den Gedanken an die Bewegung des kleinen Fingers mit dem Befehl des Lichteinschaltens zu koppeln. Auf diese Art und Weise wird es möglich, bestimmte Tätigkeiten des Alltags computergesteuert zu bewerkstelligen, ohne sich wirklich zu bewegen. Damit ist der gedankenlesende Rechner zwar noch in weiter Ferne, es ist aber wenigstens ein Weg gefunden worden, ansonsten von der Außenwelt abgeschnittene Menschen in den Alltag zu reintegrieren und ihnen Kommunikation zu ermöglichen, wenn auch in bescheidenem Maße.

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Elektronische Lebensaspekte.