Die Kids von heute daddeln soviel Krieg wie nie zuvor, andererseits wirken Waffensysteme in ihrer verniedlichten Miniaturisierung selber immer mehr wie Spielzeug. Anton Waldt betrachtet beide Seiten der Tapferkeitsmedaille zwischen militärischer Neuerung und Spieleindustrie.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 64

Schieß doch!
War Games und Augmented Reality

Krieg und Spiel hatten schon immer eine hohe Affinität zueinander. Sowohl dadurch, dass aus diesen beiden Beschäftigungen die meisten technischen Innovationen herrühren, als auch durch die Ähnlichkeit des Generals mit dem kleinen Jungen und ihren jeweiligen Spielzeugen verschiedenen Maßstabs. Das Klischee des Knaben im Matrosenanzug, der seine Zinnsoldaten in die Schlacht führt und dabei davon träumt, möglichst bald echte Kerls aufs Schlachtfeld zu kommandieren, hat allerdings schon vor geraumer Zeit angefangen Staub anzusetzen und ist zumindest in den NATO-Ländern im letzten Jahrhundert nicht nachhaltig erneuert worden. In den letzten Jahren ist dies wiederum gründlich nachgeholt worden und heute wird wieder von so vielen Kindern und Jugendlichen Krieg gespielt, wie schon seit mindestens 50 Jahren nicht mehr. Das liegt ganz klar an den Spiele-Hits für den PC und den aktuellen Konsolen, angeführt durch “Counter-Strike” oder “Operation Flashpoint”. Auf der anderen Seite erinnern die neuesten Waffensysteme der Militärs auch endlich wieder an Spielzeuge, seit drollige Kampfroboter, selbstanordnende Panzerminen und Soldaten mit Datenbrillen dem Feind Saures geben – alles natürlich viel Fantasie-anregender als die doofen “Mittelstreckenraketen”, die im kalten Krieg angesagt waren. Aus dieser Konstellation erwachsen in letzter Zeit, die – Zufall hin oder her – mit dem Afghanistanfeldzug und damit mit dem 11. September anfing, jede Menge neue Querverbindungen und Korrelationen zwischen dem modernen Kriegshandwerk und populären Spielen.

Pixel-Krieger
Die eine Seite der Tapferkeits-Medaille ist die Annäherung der Spieler an den militärischen Alltag und die Begeisterung der Militärs für die aktuellen Games und ihre fanatischen Spieler. Besonders augenfällig wurden diese Verbindungen auf der letzten Spielemesse E3 in Los Angeles. Vor den Eingängen der größten Messe ihrer Art standen mit echten Boden-Luft-Raketen bestückte echte Panzer. In den Hallen verteilten echte Soldaten Werbematerial und am Army-Stand wurden die beiden Games “Soldiers” und “Operations” vorgestellt, mit denen inzwischen unter Gamern für das lustige Soldatenleben und das Image der US-Streitkräfte geworben wird. Im Spiel “Soldiers”, das sich an der populären “The Sims”-Serie orientiert, durchläuft der Spieler die Karriere eines US-Soldaten von der Grundausbildung bis zum Rang eines Sergeants. Organisations- und Verhandlungsfähigkeit sollen hierbei gefragt sein, wobei allerdings Wermutstropfen des Soldatenalltags wie Stiefel putzen oder Kartoffeln schälen keine Erwähnung finden. Das zweite Game “Operations” baut auf dem Ego-Shooter “Unreal Tournament” auf, hier muss der Spieler Terroristen killen und natürlich gibt es auch einen Online-Modus, für den eigens 140 Server bereitgestellt wurden. Seit dem 4. Juli (!) wird vorerst eine Version von “Operations: Defend Freedom” mit zehn der insgesamt 19 Levels zum Download angeboten. Als Rekrut tritt man der Army bei, absolviert die Grundausbildung und Schießtraining und kämpft an der Seite der 10. Gebirgsdivision und der 172. Infanteriebrigade. Im kompletten “America’s Army”-Package, das Ende des Sommers erscheint, soll unter anderem noch eine Scharfschützen-, Fallschirmjäger- und Rangerausbildung enthalten sein. Das Spiel erwies sich offensichtlich als echter Hit, nach Army-Angaben wurde es allein innerhalb der ersten vier Tage “mehrere hunderttausend Mal” heruntergeladen, aber auch die Reaktionen in einschlägigen Gamer-Foren sprechen für einen Erfolg. Einzig die deutsche Bundeswehr kann sich offensichtlich nicht mit dem Gedanken anfreunden, mit einem “Gewaltspiel” um künftige Soldaten zu werben. Nach Aussage von Sprecher Joachim Schmidt hält man von dem Game schlicht “nichts”, obwohl man ja selbst mit duften Spielen auf der eigenen Site aufwartet: “Auf ‘Ballerspiele’ ist dabei aber gänzlich und bewusst verzichtet worden, weil wir der Meinung sind, dass man durch diese Spiele den ‘falschen’ Nachwuchs anspricht”, kommentiert Schmidt. Die Bundeswehr-Seite werbe dagegen “nicht für den Krieg, sondern für den Beruf des Soldaten”. Die Bundeswehr übt aber auch im Gegensatz zu ihren Kollegen aus den USA oder Großbritannien nicht mit Hilfe von populären Spielen. Die US-Marines trainieren seit letztem Dezember mit einer Computer-Kampftrainingssimulation auf der Basis der beliebten Taktik-Kriegssimulation “Operation Flashpoint” ihre Einsätze und die Soldaten der Königin nutzen seit kurzem einen speziell für sie entwickelten “Counter-Strike”-Klon: “Die Burschen nehmen die Sache sehr ernst. Sie sind am Computer äußerst engagiert und wollen natürlich, wie im wahren Training auch, gewinnen”, zeigt sich ein Ausbilder begeistert. “Wenn man virtuell getötet wird, ist das natürlich nicht so ernst zu nehmen. Wir haben schließlich keine virtuellen Beamten, die dann eine Mitteilung an die virtuellen Eltern des Verstorbenen schicken, aber wir hoffen doch, dass das Game authentisch genug ist, um das bisher Gelernte noch zu verstärken.”

Kriegs-Pixel
Auf der anderen Seite der Gulaschkanone stehen die echten Kampfsysteme, die durch zunehmende Automatisierung immer mehr nach in Games antrainierten Fähigkeiten der steuernden Soldaten verlangen. Vor allem die US-Militärs entsprechen mit den Bildschirmarbeitsplätzen des modernen Soldaten aber nicht nur deren Primär-Fähigkeiten, zu denen schon lange nicht mehr das euphorische Schlammrobben mit Marschgepäck zählt, sondern auch den Grundängsten des verzogenen Nachwuchses: Laut einer Umfrage der Northwestern University unter 1.000 College-Studenten ist das Haupthindernis für den Eintritt in die Army nämlich schlicht “die Gefahr”, in die man sich damit begibt, und die fällt flach, wenn der Killerjob von der sicheren Kommandozentrale aus erledigt werden kann. In Gefahr begibt sich dann nur noch der Kampfroboter. Dessen Entwicklung macht in letzter Zeit rasante Fortschritte. Die USA haben im letzten Herbst in Afghanistan zum ersten Mal ein unbemanntes und zugleich bewaffnetes Flugzeug in den Kampf geschickt. Militärexperten halten den Einsatz der mit Anti-Panzer-Raketen bestückten Drohne “RQ-1-Predator” in Afghanistan für einen “revolutionären Schritt bei der Kriegsführung”. Bisher ist allerdings wenig über die Art des Einsatzes der Maschinen im Afghanistan-Krieg bekannt. Sicher scheint aber, dass sie bereits einige Male Raketen abgefeuert haben. Während der “Preadator” allerdings nachträglich bewaffnet wurde, ist das “Unmanned Combat Aerial Vehicle” [UCAV] “X-45” von Boeing von Anfang an als bewaffneter Kampfroboter konzipiert worden. Der erste “echte” fliegende Kampfroboter hat erst im April erfolgreich seinen Jungfernflug absolviert. Er hat eine Spannweite von 12 Metern, kann 1,36 Tonnen Bomben- oder Raketenlast transportieren, hat einen Aktionsradius von rund 1.200 km und ist für Überschallgeschwindigkeiten konstruiert. Der Kampfroboter soll zwar “teilautonom” agieren können, aber prinzipiell wird er von einer Bodenstation aus gesteuert, wo dann zukünftig der “Operations”-Gamer mit der höchsten Punktzahl zum Einsatz kommen sollte.

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Elektronische Lebensaspekte.