Wer viel erlebt, darf auch früher resümieren. Frankreichs archäologischer Techno-DJ Laurent Garnier schreibt auf halber Srecke seine Memoiren, damit nichts verloren geht - und erst recht nichts im falschen Licht erscheint. Sterbender Dinosaurier oder unbesiegbarer Gallier? "Electrochoc" stellt's klar.
Text: Olian aus De:Bug 78

Techno ist ein gallischer Dinosaurier
Laurent Garniers Autobiographie “Electrochoc”

Wer Laurent Garnier auflegen gesehen hat, weiß, wie konzentriert er hinter den Plattentellern steht. Wer die jetzt auf Französisch erschienene (Auto-) Biographie “Electrochoc” liest, ist beeindruckt von seinem Engagement. Zunächst hat er viel dazu beigetragen, in Frankreich elektronische Musik und eine Clubszene zu etablieren. Dann schaffte er es mit seinem Label “F Com”, elektronische Musik aus Frankreich in die Welt zu tragen. Die Franzosen danken es ihm, endlich: Heute ist Laurent Garnier ihre nationale Institution für Techno und House. “Electrochoc” stößt auf reges Interesse und wurde weitgehend positiv aufgenommen.

Durch die Brille von Garniers Erlebnissen erzählen er und sein Co-Autor David Brun-Lambert die Geschichte der elektronischen Tanzmusik. Das Buch beschreibt die Anfänge und die verschiedenen Stile; es berichtet ausführlich über die diversen Clubszenen Europas und der Welt. Wohl unter dem Eindruck der derzeitigen Diskussionen über Free Parties in Frankreich zeichnet Garnier mit lebhaften Beispielen die unterschiedlichsten legalen und illegalen Organisationsformen von Veranstaltungen nach. Bei 15 Jahren im Geschäft sammeln sich eine Menge Erfahrungen an. Sie werden meist in einen größeren Zusammenhang gestellt und geraten nur im Ausnahmefall zu weniger spannenden Aufzählungen. brigens erwähnen die Autoren, trotz eines gelegentlichen mystischen Pathos, durchaus die negativen Seiten des DJ-, Musiker- und Veranstalter-Daseins: “Die Blitze der Stroboskope haben meine Netzhäute ruiniert, meine Trommelfelle haben die schlimmsten Misshandlungen erfahren, Zigarettenrauch und Staub haben meine Lungen verklebt.” “Electrochoc” ist gut recherchiert und bietet gerade Spätberufenen (wie mir) viele Anknüpfungspunkte wie z. B. die zahlreichen Playlists. Ein besonderes Schmankerl ist der 30-seitige Exkurs über Detroit mit langen Textpassagen von Jeff Mills und Mike Banks.

Allerdings tun sich im Laufe der Lektüre einige Untiefen auf. Immer wieder gebärdet sich Laurent Garnier in “Electrochoc” wie ein sterbender Dinosaurier des Techno. Zwiegespalten blickt er auf die gesamtgesellschaftliche Vereinnahmung des musikalischen Phänomens. Offenbar liebte Laurent Garnier die Rolle des Propheten. Er feierte gerne mit anderen Avantgardisten, es durften auch mal ein paar Tausend sein. Doch sobald elektronische Tanzmusik von der breiten Masse akzeptiert war, hat er seine Mission verloren, nun stellt sich Unzufriedenheit ein. Der Weg war das Ziel. Er sucht ratlos und rastlos nach einer Weiterentwicklung, deren Notwendigtkeit er begreift und fordert, aber selbst nicht umsetzen kann. Seine Midlife-Crisis erklärt er kurzerhand zur “Identitätskrise des Techno”. Weiterer Frustpunkt: Auch er scheitert am Konflikt zwischen Ausverkauf und Authentizität. F Com ist ein mächtiges und relativ kommerzielles Label mit einigen kreativen Feigenblättern. Dennoch gibt Laurent Garnier im Buch ganz liebenswert den unbesiegbaren Gallier: “Es war eine Versuchung, sich in die schon geöffnete Bresche zu schlagen und den Lockrufen des schnell verdienten Geldes zu folgen (die Majors stellten mit verwirrender Einfachheit dicke Schecks aus). Ich verstehe sehr gut, dass viele sich verführen ließen, ich aber hielt mich abseits und konzentrierte mich auf andere Ziele.” Ja bitte, Laurent: Innovationen und weiter schöne DJ-Sets, und uns bis dahin nicht das Schmökern in deinen Memoiren verderben.

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Elektronische Lebensaspekte.