Alle sind sich einig: Ob Schröder oder Stoiber - macht doch keinen Unterschied, wer uns regiert. Selbst unserer Lieblingsfernsehfigur Harald Schmidt ist es egal, wer neuer S-Kanzler wird. Debug wundert sich. Eine Nahansicht.
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 62

Wahlen

Heute: Stilkunde
Schröder gleich Stoiber?

Egal, ob SPD oder CDU regiert? Von wegen. Doch ausgerechnet unsere Lieblings-Fernsehkultur im bebrillten Anzug, ausgerechnet Harald Schmidt musste diese blöde Bemerkung wiederholen: “Ich glaube, dass es keinen Unterschied macht, ob wir eine SPD- oder eine CDU-geführte Bundesregierung haben”, meinte er im FAZ-Interview. Ist der blind? Vielleicht ab 15.000 Euro Verdienst im Monat, Herr Schmidt, würde man gerne entgegnen. Würde man. Nur absurder Weise ist Herr Schmidt mit dieser seltsamen Meinung nicht alleine. Überhaupt nicht. Von ganz rechts, von der NPD und Franz Schönhuber über die FDP bis ganz links zum Attac-Vertreter Sascha Kimbel stimmen die diversesten Figuren mit Harald Schmidt ein ins Lied der kanzleraustauschbaren Beliebigkeit. Rechts, links, oben und unten: Stoiber und Schröder sind weitgehend auswechselbar. Die Bundestagswahl biete keine Alternative mehr, klagte die taz. Das wollen wir doch mal sehen. Das glauben wir so nicht.

Ästhetik, Politik, Geste

Man kann uns erzählen, was man will: Dass die Politik nichts anderes wäre als eine bürokratische Anpassung an die Wirtschaft, also an den Weltmarkt. Sind wir nicht der Meinung, aber meinetwegen (nicht, dass wir Überzeugungstäter unserer Form der Demokratie wären). Nehmen wir mal an, es wäre so. Immer noch kann man einer Frage nicht ausweichen: der des Stils, der der politischen Geste. Wie, mit welcher Geste, mit welchem Stil, präsentiert sich das Anpassen, die Justierung, die Macht? Wie setzen sich Schröder und Stoiber auf den Kanzlerstuhl? Eine Ästhetik der Politik, die weit über ihren ästhetischen Aspekt hinausgeht, indem sie der Macht eine Form gibt – damit auch der Kritik ihren Platz zuweist. Wir nehmen da mal einen Satz, einen von Edmund Stoiber zur Frage der Macht, und halten den mal hoch: “Ich habe niemals an den Toren des Kanzleramts gerüttelt. Ich will meinem Vaterland dienen.” Stoiber will seinem Vaterland dienen, nicht an den Toren des Kanzleramts rütteln. Erstens: Dem “Vaterland” “dienen”, da läuten doch die Alarmglocken, da kann man uns doch wirklich nicht erzählen, es wäre egal, beliebig oder austauschbar, ob so ein Nationalfuzzi einen in Zukunft tagtäglich auf der Mattscheibe gegenübersitzt und beim Abendessen begleitet: Mikrophysik der Macht. Zweitens, damit einhergehend, kann man sehen, dass Edmund hier eine spezifische Form der Macht rekrutiert und willig ist, sich selbst als eine transzendentale Figur (pfui!) zu inszenieren, eine, die selber gar kein Interesse hat. Durch ihn spricht das Land, dem er dient. Wer dagegen ist, ist nicht gegen Stoiber, der dient ja nur einer höheren Macht, das Land, das Volk, die Demokratie am besten noch: Abführen! Wir sagen: Ernst H. Kantorowicz’ Mittelalterstudie über die Beziehung zwischen natürlichem und politischem Körper – das ist aktueller denn je, und wenn einer seinen privaten Körper in der Macht, in der Kanzlerschaft, im Land, verschwinden lässt, dann ist das vor allem nur eines: suspekt. Dann lieber jemand, der rüttelt statt dient, jemand, der die eigenen Ambitionen an die Oberfläche holt und Macht ausübt.

Die Schlacht um die Differenz
Dem Vaterland dienen: Ernsthaft muss man sich also fragen, wie kann das kommen, wie kommt das, dass hier die verschiedensten Leute einstimmig an diesem einen Punkt der Beliebigkeit aufeinander treffen, Leute, die sonst nicht einmal gemeinsam einen Kaffee miteinander trinken würden, eher dass sie sich den ins Gesicht spucken?
Es scheint, als hätte ein absurder Paradigmenwechsel stattgefunden. Während man früher den Gegner mit der Hysterisierung seines Profils an den Rand drängte und das soziale Gefüge mit den Auswirkungen der freien Marktwirtschaft oder die Wirtschaft mit dem Sozialismus bedrohte, unterstellt man ihm heute Profillosigkeit. Ganz einfach. Schon zur Wahl 1998 schienen alle die Machttheorie Foucaults als Grundlage ihres Wahlkampfprogramms indoktriniert zu haben: “Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand”, worauf deshalb keiner dem anderen mehr Widerstand leisten wollte, um ihm keine Macht zusprechen zu müssen. Umgedreht heißt das, dass jeder versucht, etwas zu formieren, gegen das die anderen sich abdrücken müssen. Der Widerstand ist damit von der Kritik auf die Setzung von eigener Differenz übergegangen. Die Schlacht um die Differenz ist bereits in vollem Gange: Form statt Abdruck! Empire strikes back? May the force be with you!

PS: Wir schlagen Herrn Schmidt vor, in seiner Sendung einen lustigen Chor aus den Austauschbarkeitsfans aller Gruppierungen zu bilden, alle dürfen einstimmig einstimmen in das Lied der Beliebigkeit. Wir beobachten dann deren Austauschbarkeit.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.