Zum immer noch aktuellen Retrotick in der Mode setzt Turnschuh-Hersteller K-Swiss mit der limitierten ”Classic"-Linie ”Solar" in schweizerisch penibler Verarbeitung einen bisherigen Höhepunkt. Wieso Höhepunkt. Die Turnschuhgeschichte fest im Blick, schlendert Fashionvictim Jan Joswig über raffiniertes Understatement, die Kunst der gekonnten Persiflage und die neue Attraktivität des piefigsten Sportes überhaupt: Bowling.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 66

1992. 1992 wäre K-Swiss fasst Kult geworden in den USA, richtiger Kult. Nicht nur so wie bisher, Kult in spe, in den Startlöchern, wie man bei Turnschuhen so passend sagen kann. Aber dann bekam jemand von den Old School-B Boys heraus, dass Adidas, dieser geliebten Krauts-Marke von vor 10 Jahren, das Original-Brand mit mehreren Schrägstreifen gehört. Drei bei Adidas statt fünf bei K-Swiss zwar, aber was für eine dreiste Anlehnung. So wie die Asien-Lacostes, die den Krokoschwanz nach unten statt nach oben biegen? Ein Plagiat? Eben nicht. So unoriginell das Branding ist, so originell sind K-Swiss bei ihren Entwürfen. Das ist die widersprüchliche Chemie, aus der Kulte in Startlöchern stecken bleiben und genau da ihre ganze Attraktivität entfalten. K-Swiss-Sneaker sind auf den ersten Blick immer aus dem Kaufhaus, auf den zweiten aber raffiniertestes Understatement, das nur damit geschickt spielt, wie aus dem Kaufhaus zu wirken. Die perfekte Marke, um glaubwürdig into it zu sein, gerade weil man keinen Aufriss startet. Das war schon 1966 so, ein Jahr, nachdem alle im Adidas “Stan Smith”-Modell durch Haight Ashbury und Schwabingen liefen und K-Swiss mit ihrem “Classic” die gleiche Linie nur durch eine Bowlingschuh-Spitze abwandelte. Ein weißer Ledertennisschuh mit dreigeteilter Bowlingkappe, Bowling, der piefigste Sport schlechthin, das stelle man sich mal vor. Und dann noch damit beworben, wie hochqualitativ die Verarbeitung ist. Qualität, was für ein schwäbisches Argument. Ist das nicht perfekt, um der plumpen Hipster-Eindeutigkeit des Stan Smith zu entkommen und viel hipsterigere Irritation mit dem “Classic” und seiner piefigen Kappe auszulösen? He, Alter, das muss man erst mal checken. Checkt längst nicht jeder, q.e.d. Nicht umsonst favorisierten die Mods Bowlingschuhe. Wer sonst war so Meister der subtilen Differenz durch Übererfüllung der Konventionen? Seit diesem Coup von ’66 hat es K-Swiss immer wieder geschafft, aktuelle Modebewegungen so aufzugreifen, dass sie fast wie persifliert wirken, wie der Kommentar von jemandem, der das Spiel durchschaut hat.
Zum immer noch aktuellen Retrotick in der Mode setzt da die limitierte ”Classic”-Linie ”Solar” in schweizerisch penibler Verarbeitung den bisherigen Höhepunkt. Wir toppen Gola, EB, le coq sportif, Ludwig Reiter von schräg hinten, von da, wo es auch mein kleingärtnernder Onkel, der nie, nie Furnier verkleben würde, so was Unsolides, zu schätzen weiß. K-Swiss, der Wolf im Kleingärtnerpelz. Fashion für Fashionvictims, die signalisieren wollen, dass sie ihren Status als Fashionvictims reflektiert haben. Totschick reflektiert. Wer 2002 K-Swiss trägt, ist froh, dass vor zehn Jahren der Kult-Kelch an der Marke vorbeigegangen ist. Und weiß genau, warum.

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Elektronische Lebensaspekte.